Welt : Fliegen ohne Öl

Die US-Luftwaffe testet synthetischen Treibstoff aus Kohle, Gas und Biomasse – das Verfahren wurde 1925 in Deutschland entwickelt

Rainer W. During

Die amerikanische Luftwaffe wird am Dienstag erstmals eine Maschine mit synthetischem Kerosin fliegen lassen. Beim Start des B-52-Bombers vom Edwards-Stützpunkt in Kalifornien werden aus Sicherheitsgründen zunächst nur zwei der acht Triebwerke mit dem Treibstoff gespeist, der aus Erdgas gewonnen wurde. Der Versuch gilt als Meilenstein, bei den Bestrebungen der Bush-Regierung, die Streitkräfte von ausländischen Öllieferungen unabhängig zu machen.

Die Verwendung von synthetischem Kerosin aus Kohle oder Biomasse ist sowohl eine Frage der Wirtschaftlichkeit als auch der nationalen Sicherheit, sagt der stellvertretende Logistik-Chef der Air Force, Michael Aimone: „Unser Ziel ist es, bis 2016 die Hälfte unseres Flugzeugtreibstoffs aus alternativen Quellen zu beziehen“. Der Bio-Sprit soll den klassischen Treibstoff nicht völlig ersetzen, sondern dem aus Erdöl gewonnenen Kerosin beigemischt werden.

Seine Herstellung beruht auf einer deutschen Erfindung: 1925 ließen Professor Franz Fischer und Dr. Hans Tropsch vom Mühlheimer Institut für Kohlenforschung eine Methode zur Herstellung von flüssigen Kohlenwasserstoffen aus Kohlenmonoxid und Wasserstoff patentieren. Das Synthesegas kann aus Erdgas oder Kohle gewonnen werden. Im Zweiten Weltkrieg ließ das Naziregime so jährlich rund 600 000 Tonnen Synthetik- Sprit herstellen. Seit die frühere Apartheidsregierung das Verfahren nutzte, um die Kraftstoffversorgung Südafrikas trotz internationalen Lieferboykotts zu gewährleisten, gilt das Land als führender Anwender der Fischer- Tropsch-Synthese. In den Vereinigten Staaten ist die Herstellung erst bescheiden angelaufen. Rund 1,5 Millionen Liter hat die Firma Syntroleum in Oklahoma bisher aus Erdgas gewonnen. Ein Viertel davon hat das US-Verteidigungsministerium für die Testflüge gekauft. Aber die Luftwaffe beziffert ihren Bedarf bereits für 2008 auf rund 380 Millionen Liter. Deshalb soll bald auf einen anderen Rohstoff zurückgegriffen werden: „Die USA sind das Saudi-Arabien für Kohle“, so Syntroleum-Chef Jack Holmes.

Die explodierenden Treibstoffpreise werden die Militärs, die in ihren Kampfjets und Transportern täglich neun Millionen Euro verbrennen, kurzfristig allerdings nicht in den Griff bekommen: Noch ist das synthetische Kerosin deutlich teurer als herkömmliches. Offiziell wird nur von „nicht konkurrenzfähigen“ Preisen gesprochen, Experten gehen von mehr als den zehnfachen Kosten aus.

Verkehrsflugzeuge verbrauchen im Vergleich zu den Militärjets immer weniger Kerosin. Doch die Treibstoffkosten des weltweiten Luftverkehrs werden in diesem Jahr von 72 auf rund 91 Milliarden Euro steigen, schätzt der Branchenverband IATA – allein das US-Militär rechnet mit 1,1 Milliarden Euro Mehrkosten.

Im Vergleich zum Einsatz von Ethanol oder Wasserstoff, der unwirtschaftliche Umbauten an den Flugzeugen erfordert, wäre Bio-Sprit nach einer Boeing-Studie technisch der beste Ersatz. Doch bis der eingesetzt werden kann, wird der Bau größerer Produktionsstätten noch Milliarden verschlingen.

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