Fliegerei : Batman lebt

Yves Rossy ist eigentlich Flugkapitän. In seinem Beruf steuert er große Airbusse für die Suisse. Manchmal aber schnallt er sich selbst Flügel an und saust durch die Luft.

Rainer W. During
Fusionman
Der Fledermausmann. Yves Rossy fliegt mit seiner maßgeschneiderten Flugkonstruktion am schweizerischen Himmel. -Foto: Fusionman

Weil es dem Flugkapitän im Cockpit seines Airbusses oft zu langweilig wird, geht er gern einmal allein in die Luft. Dann schnallt sich Yves Rossy Flügel um und saust durch den Himmel.

Darin tut er es Batman gleich, jenem Fledermaus-Mann, der ab Donnerstag wieder Millionen Menschen in die Kinos locken wird. Doch Rossy rettet nicht die Welt vor Verbrechern, er begnügt sich damit, als menschliche Fledermaus durch die Luft zu fliegen.

Seine berufliche Karriere begann Rossy als Jetpilot bei der Luftwaffe und arbeitet heute hauptberuflich für Swiss Airlines. Dem Extremsport ist der 48 Jahre alte Eidgenosse schon lange zugetan. Vor 18 Jahren erlernte er auch das Fallschirmspringen und startete anschließend eine wohl einmalige, 1047 Kilometer lange „Tour de Suisse“. Binnen 15 Stunden und 30 Minuten bereiste er seine Heimat in 25 verschiedenen Fortbewegungsarten. Unter anderem per DC-9-Verkehrsjet, Hubschrauber, Hängegleiter, Flugdrachen, Speedboat, Wildwasser-Raft, Kajak, Sportwagen, Motorrad und Mountainbike. Dazwischen legte er noch Etappen auf Skiern, Wasserskiern, Wakeboard und dem Rücken eines Pferdes zurück, betätigte sich als Bergsteiger, absolvierte einen Bungee-Jump und einen Fallschirmsprung.

„Man spürt nur, dass man fliegt, ist vollkommen ausgeliefert“, beschreibt Rossy das Gefühl des freien Falls bis zur Entfaltung des Schirms. Doch selbst diese Freiheit war ihm noch nicht grenzenlos genug. Dass „es nur eine Minute dauert und nur in eine Richtung geht“, störte den Schweizer. „Ich habe mir gesagt, es wäre schon schön, das Gefühl länger zu behalten und auch aufwärts zu fliegen.“

Von ukrainischen Luftfahrt-Professoren, die bereits die Tragfläche des legendären Überschall-Kampfjets Su-27 konstruiert hatten, ließ er sich einen Tragflügel maßschneidern und nannte sich „Jetman“. Das erste Modell war aus weichem Kunststoff. Es wurde nach dem Sprung aus dem Flugzeug mit Druckluft auf seine Spannweite von 2,50 Meter aufgeblasen, erwies sich aber als instabil. So folgte ein festes Klappmodell aus Kunststoff. Der erste öffentliche Auftritt 2004 bei der Luftfahrtshow in Al-Ain (Abu Dhabi) war ein Reinfall. Der Flügel wurde unter der Spannung asymmetrisch, Rossy musste ihn abwerfen.

Dann versagte auch noch dessen Fallschirm und die Konstruktion zerschellte am Boden. Wenigstens sein eigener Fallschirm funktionierte. Nach weiteren Fehlschlägen, die er allesamt besser überstand als seine Flügel, fliegt Rossy heute mit dem bereits fünften, weitgehend perfektionierten Modell.

Wegen der Verschmelzung von Mensch und Maschine hat ihn ein Sponsor in „Fusion Man“ umbenannt. Wenn er in 2500 Metern Höhe aus dem Flugzeug springt, klappen Gasfedern den auf den Rücken geschnallten Flügel aus. Vier Mini-Düsentriebwerke, wie sie die deutsche Firma Jet-Cat eigentlich für unbemannte Modellflugzeuge und militärische Aufklärungsdrohnen baut, beschleunigen den Schweizer auf 200, im Sinkflug sogar 300 km/h. Sein einziges Problem: Nach maximal neun Minuten ist der Sprit alle. Dann zieht er in 1200 Metern Höhe die Reißleine und gleitet samt seinem Flügel an einem Fallschirm zu Boden.

Rossy hat seine Flugkunst erstmals vor internationalen Journalisten präsentiert, vor deren Kameras er am Croix de Javerne in den Waadtländer Alpen mehrere Schleifen drehte. Nach fünfminütigem Flug landete er auf dem Airport in Bex. Die Steuerung erfolgt durch Verlagerung des Körpergewichts. „Man muss sich drehen wie ein Kind, das Flugzeug spielt“, beschreibt der Schweizer das Gefühl. Dazu sei keine Kraft erforderlich. „Fliegen kann jede Großmutter, man muss einfach locker bleiben. Was kompliziert ist, sind der Anfang und das Ende“. Einziges Hilfsmittel sind ein Gashebel und ein akustischer Höhenmesser, der ihn mit zunehmend eindringlichen Tönen aus seinen Träumen reißt, wenn es Zeit wird, im Sinkflug nach dem Erlöschen der Triebwerke die Reißleine zu ziehen. In 1200, 900 und 600 Metern Höhe ertönt das Signal. „Wenn du dann nichts machst, bist du tot“, sagt Rossy.

Irgendwann hatte seine Ehefrau die Nase voll davon, dass ihr Mann ständig ausflog. Sie ließ sich scheiden. „Eine Beziehung ist schwierig, wenn man so eine Leidenschaft hat“, sagt Rossy.

Nach der Perfektion seines Flügels arbeitet er jetzt an der Verbesserung der Reichweite. Durch den Verzicht auf einen zusätzlich mitgeführten Rauchgenerator zur Markierung der Flugbahn soll die mitgeführte Treibstoffmenge von 26 auf 30 Liter erhöht werden. Das verlängert die Flugdauer auf zwölf Minuten. Genug, um für September einen Flug über den Kanal von Calais nach Dover zu planen.

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