Welt : Fluch der Freiheit

Der Schwertwal Keiko, bekannt aus „Free Willy“, starb vor Norwegen

Markus Wiegand[Halsa]

Als die Isländerin Thorbjoerg Valdis Kristjansdottir am Freitag abend in die Dunkelheit des Taknes-Fjords nahe der mittelnorwegischen Gemeinde Halsa hinaushorchte, fehlte ein vertrautes Geräusch. Die 32-Jährige konnte nicht mehr hören, wie ihr Schützling, der aus den Free Willy Filmen bekannte Schwertwal Keiko, zum Luft holen an die Oberfläche kam. Panik stieg in ihr hoch. Auf einem Boot suchte sie zusammen mit Helfern die Bucht ab und fand im Scheinwerferlicht den zehn Meter langen, leblosen Körper.

Damit ist das Experiment gescheitert, erstmals einen dressierten Schwertwal auszuwildern. Keiko war Ende der 70er Jahre vor Island gefangen und Mitte der 80er Jahre an einen Vergnügungspark in Mexiko verkauft worden. 1992 schließlich schwamm er sich als tierischer Held des Kinofilms „Free Willy“ in die Herzen der Zuschauer.

Inspiriert durch den Film, indem ein Junge einen Wal befreit, gründete sich eine Stiftung mit dem Ziel, Keiko auszuwildern.

In den USA und später in Island trainierte ein Wissenschaftlerteam das Tier für ein Leben in Freiheit. Im vergangenen Jahr wähnten sich die Helfer des rund 16 Millionen Euro teuren, spendenfinanzierten Projekts am Ziel: Keiko schwamm auf eigene Faust in den Ozean. Fluch der Freiheit: Nach einigen Wochen in Freiheit tauchte der Wal vor der norwegischen Küste auf, auf der Suche nach Menschen, nach Nähe, nach Nahrung. Ein Team versuchte seitdem erneut, ihm ein Leben in Freiheit schmackhaft zu machen. „Bis vor einigen Tagen war er noch völlig gesund“, sagte Kristjansdottir. Seit Mittwoch hatte der rund sechs Tonnen schwere Meeressäuger jedoch kaum noch gefressen. „Wir hatten gehofft, dass es nur eine einfache Grippe ist." Amerikanische Ärzte stellten per Ferndiagnose jedoch eine akute Lungenentzündung fest, die sich rasch verschlimmerte und nicht behandelt werden konnte. „Ich bin jetzt sehr traurig. Ich habe meinen tierischen Freund verloren“, sagte Kristjansdottir.

Die Biologin hatte seit dem Sommer 2002 am meisten Zeit mit dem Schwertwal verbracht. Wenn sie Keiko mit bis zu 50 Kilo Hering am Tag fütterte, antwortete der Meeressäuger mit waltypisch-hohen Tönen brav auf die Handzeichen seiner Betreuerin. Noch in diesem Sommer war Kristjansdottir optimistisch gewesen, dass Keiko sich im kommenden Frühjahr trotz seines fortgeschrittenen Alters von 27 Jahren einer der vorbeiziehenden Schwertwal-Herden anschließen würde.

Noch ist unklar, was mit dem Kadaver geschehen soll, doch die Stiftung „Rettet Willy“ meldete in der norwegischen Presse vorsorglich ihr Interesse an, das Walskelett auszustellen. Der Vorsitzende und Stiftungsgründer David Philipps nannte Keiko einen „Champion“ und „Pionier“, den „unglaublichsten aller Orcas“.

Keiko (japanisch für „der Glückliche“) erreichte in Gefangenschaft ein Alter, das nicht allzu weit von der durchschnittlichen Lebenserwartung seiner Artgenossen in Freiheit entfernt ist. Unter natürlichen Voraussetzungen werden Orca-Wale etwa 35 Jahre alt.

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