Welt : "Flucht nach Venedig": Manchmal hilft eine Geschichte

Margit Lesemann

Venedig während des Zweiten Weltkriegs. Roberto und seine Freunde wollten sich eigentlich nur einen amerikanischen Cowboyfilm im Kino ansehen, doch dann ist plötzlich alles ganz anders. "Die Deutschen sind doch auf unserer Seite", die Jungen verstehen nicht was hier vor sich geht: Deutsche Soldaten stürmen das Kino und verschleppen die italienischen Jugendlichen, um sie als Zwangsarbeiter in osteuropäischen Lagern einzusetzen. "Meine Mutter wird sich Sorgen machen", sagt jemand, als sie zum Bahnhof getrieben werden, doch sie haben nicht einmal die Möglichkeit, ihre Eltern zu informieren. Zum Glück gelingt es Roberto, mit seinem Freund Samuele zusammen zu bleiben. Ihre Freundschaft hilft den beiden, die Angst, die Gefangenschaft, Hunger und Kälte zu ertragen.

Donna Jo Napoli erzählt eine Geschichte, die auf wahren Erlebnissen beruht. Ihre klare, bisweilen gar unterkühlte Sprache macht die Grausamkeit für junge Leser erträglich, ohne den Schrecken zu verharmlosen. Eindringlich beschreibt sie die Leiden des Lagerlebens, die Menschenverachtung der deutschen Soldaten. Hilflos und wütend zugleich sind ihnen die Kinder ausgeliefert. Ihr Alltag ist beklemmend, doch sie lernen, die Welt mit anderen Augen zu sehen: das Erzählen einer Geschichte, das Geschenk eines schönen Steines vermitteln Solidarität und machen Mut anderen zu helfen.Viele der deportierten Kinder sterben weit weg von zu Hause. Irgendwo in Polen oder in der Ukraine. Vor Hunger, vor Kälte und durch die Schüsse deutscher Soldaten. Auch Samuele überlebt das Arbeitslager nicht. Nach dessen Tod kann Roberto dem Lagerleben zwar entfliehen, aber nicht als der, der er einmal war. Roberto weiß nun, was Krieg bedeutet. Mitten in der verschneiten Ukraine macht er sich zu Fuß auf den Weg nach Süden, denn dort irgendwo liegt Venedig. Wo immer Roberto auf seiner Flucht hinkommt, ist er von Krieg umgeben. Von Hunger und Angst. Dennoch gelangt er tatsächlich ans Schwarze Meer. Als er dort auf einen italienischen Deserteur trifft, beweist sich einmal mehr wie aus Misstrauen Freundschaft entstehen kann. Gemeinsam gelingt den beiden die Flucht über Rumänen und Bulgarien ans Mittelmeer, gemeinsam träumen sie davon, sich zurück in Italien den Partisanen anzuschließen.

In einer Zeit, in der die Zeitzeugen immer weniger werden, ist es um so wichtiger, darauf zu achten, dass die Erinnerungen nicht mit ihnen sterben. Dazu trägt dieser realistische und spannende Roman über Solidarität und Freundschaft in Zeiten von Willkür und Terror bei. Ein Roman gegen das Vergessen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar