Flüchtlinge : Finanzkrise könnte Migranten abhalten

Weltweites Entsetzen über das Unglück vor Libyen: Mehrere Hundert Bootsflüchtlinge ertrinken auf dem Weg nach Europa im Mittelmeer. Doch von denen, die es in die Industrieländer schaffen, kehren nicht wenige wieder zurück.

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Berlin Berlin - Das Unglück mit mehreren Hundert ertrunkenen Bootsflüchtlingen vor der libyschen Küste hat auf der ganzen Welt große Bestürzung ausgelöst. Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) sei „zutiefst entsetzt“, dass hunderte Menschen nach dem Versuch, Europa auf dem Seeweg über das Mittelmeer zu erreichen, als vermisst oder tot gelten, hieß es am Mittwoch in einer Erklärung. UN-Flüchtlingshochkommissar Antonio Guterres sprach von einem „tragischen Beispiel für ein globales Phänomen“.

Die internationale Flüchtlingsorganisation IOM teilte am Dienstag nach Gesprächen mit Überlebenden des Schiffsunglücks mit, dass mehr als 230 Menschen vermisst würden. Die Menschen seien in einem überfüllten Boot in Richtung Europa unterwegs gewesen.

Das Unglück macht auf die Tatsache aufmerksam, dass es angesichts eines gewaltigen Migrationsdrucks auf Europa keine Lösung für das Problem gibt. Täglich landen Flüchtlinge vom afrikanischen Kontinent auf den Kanaren, auf Lampedusa, Malta oder den griechischen Inseln. Weder gibt es eine Lösung, wie diese Menschen untergebracht werden, ob sie auf ganz Europa verteilt werden sollen, oder ob Europa abgeschottet werden soll.

Viele Dörfer in Afrika legen Geld zusammen, um einem der kräftigsten Söhne des Dorfes den Weg nach Europa zu finanzieren. Sie erwarten, dass er später das Dorf finanziell versorgt. Darauf machte am Mittwoch eine Sprecherin des IOM aufmerksam. Entweder der junge Mann schafft es, oder er stirbt auf dem Weg dorthin. Wie strapaziös und gefährlich der Weg nach Europa ist, bei dem sich die jungen Männer in die Hände skrupelloser Schleuser begeben, ist allen bekannt.

Eine Frage, die sich stellt, lautet: Führt die Finanzkrise zu einem Anschwellen oder zu einer Verringerung des Flüchtlingsstroms? Ad Melkert, der Interimschef des UN-Entwicklungsprogramms UNDP, sagte dem Tagesspiegel, dass die Finanzkrise vor allem die Migranten in den Industrieländern hart getroffen habe. Viele hätten ihre Arbeit verloren und seien deshalb nicht mehr in der Lage, ihren Familien in den Heimatländern Geld zu überweisen. „Wir beobachten auch in vielen Ländern, dass Migranten zurückkehren“, sagte Melkert. Er nannte Ghana als eines der Rückkehrländer. Ob diese Rückkehrerwelle womöglich die Zahl der Flüchtlinge aus Afrika nach Europa verkleinern wird, ist allerdings noch völlig unklar. Aus ganz praktischen Gründen: Viele Menschen, vor allem, wenn sie versuchen, durch die Sahara zu kommen, sind jahrelang unterwegs, bevor sie es auf ein Flüchtlingsschiff nach Europa schaffen. Die Nachricht von den Rückkehrern erreicht diejenigen, die derzeit unterwegs sind oder in den Lagern in Libyen oder Mauretanien gestrandet sind, womöglich jahrelang nicht. Auch weist Melkert darauf hin, dass die Auswirkungen des Klimawandels gerade in Afrika noch viel mehr Menschen „in Bewegung setzen werden“, die vor Dürren oder Überschwemmungen flüchten müssten.

In den kommenden Wochen muss jedenfalls zunächst einmal mit einem anschwellenden Flüchtlingsstrom gerechnet werden. Denn langsam wird das Wetter besser und die Überfahrt damit etwas weniger gefährlich. Insofern rechnen Experten in den kommenden Wochen mit einem stärkeren Migrationsstrom.

„Cap Anamur“-Gründer Rupert Neudeck sagte dem „Münchner Merkur“, es sei nutzlos, die Außengrenzen „mit Polizeikräften systematisch abzuschotten“. Er kritisierte, dass Europa den afrikanischen Küstenländern „viel Geld“ überweise, um Flüchtlingsströme zu verhindern. Den Machthabern dort warf er vor, nicht das geringste Interesse daran zu haben, die Wirtschaft ihres Landes anzukurbeln und den Lebensstandard der Bevölkerung zu erhöhen. „Diese Leute sind nur daran interessiert, über Nummernkonten in der Schweiz ihren eigenen Wohlstand zu mehren.“ deh/os/ame/AFP

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