Welt : Flug zur Himmelswiese

Ein Deutscher hat in Thailand ein Dorf für Aidswaisen gebaut. Heute kommt ein Film darüber ins Kino

Daniela Martens

Bens Flügel wirken nicht besonders flugtauglich: Die selbstgenähten Stoffstücke flattern an seinen Oberarmen, während er mit ausholenden Armbewegungen und konzentriertem Gesichtsausdruck umhertanzt. Trotzdem möchte man glauben, dass der 14-Jährige gleich abhebt.

Denn in seinem Leben scheint vieles möglich – es ist eine Art „Wunder“. So nennt es der Berliner Filmemacher Detlev Neufert. Der Flugtanz ist eine der letzten Szenen aus seiner Dokumentation „Die Himmelswiese“ über das Kinderprojekt „Baan Gerda“ in Thailand: ein Dorf für infizierte Aidswaisen wie Ben, die eigentlich schon tot gesagt waren. Dank des Projektes überlebten sie. Sie werden betreut von HIV-positiven Adoptiveltern, die in der thailändischen Gesellschaft nicht anerkannt sind.

Heute ist der Film zum ersten Mal in einem deutschen Kino zu sehen, im Babylon in Mitte. Anlass ist der G-8-Gipfel. „Baan Gerda könnte ein Modell für den Umgang mit Aidswaisen in der ganzen Welt sein“, sagt Neufert. Deshalb gehört zum Film die Kampagne „CEO-Wanted“. Dabei werden Menschen gesucht, die bereit sind, ein ähnliches Projekt voranzutreiben.

Vorbild ist Karl Morsbach: Der Mittsechziger und ehemalige Manager ist der geistige Vater von Baan Gerda. 230 Kilometer nördlich von Bangkok baute er mit seiner Frau vor sieben Jahren das Dorf auf. Ursprünglich sollte es nur ein Ableger des Sterbehospizes im nahe gelegenen buddhistischen Kloster sein: ein Ort des würdigen Sterbens für todkranke Kinder. Eine medizinische Behandlung schien zunächst unmöglich. Doch dann wurden die notwendigen Medikamente plötzlich erschwinglich. So versorgt, erholen sich die meisten Kinder, die nach Baan Gerda gebracht werden. 80 Aidswaisen werden von „Ma“ und „Pa“ Morsbach, 16 Adoptiveltern und einer Ärztin mittlerweile betreut.

Neufert lebte drei Monate mit ihnen und filmte die Kinder beim Spielen, Tanzen, Abwaschen, Aufwachen, in der Schule am Computer und in den Ferien am Meer. „Der Ort hat ein inneres Glücksgefühl in mir hervorgerufen. Deshalb wollte ich keinen Katastrophenfilm drehen.“ So zeigt Neufert zwar die Beerdigung eines kleinen Dorfkindes. Er verzichtet aber auf Aufnahmen von den Kindern, die meistens völlig unterernährt ins Dorf gebracht werden.

Das Konzept des Filmemachers scheint aufzugehen, in mehreren asiatischen und afrikanischen Ländern lief „Himmelswiese“ im Kino und im Fernsehen. In Kambodscha und Niger werden ähnliche Projekte auf den Weg gebracht. Klaus Wowereit, Berlins Regierender Bürgermeister, übernahm die Schirmherrschaft. In Thailand bekommen die Aidswaisen jetzt Unterstützung von höchster Stelle – von Thailands Kronprinzessin Srirasmi. „Ich sah den Film und weinte“, sagt sie. Und sie besuchte das Dorf. Noch ein kleines Wunder für Ben.

Premiere heute 20 Uhr, vier weitere Vorstellungen vom 7. bis 11. Juni im Kino Babylon, Rosa-Luxemburg-Str. 30

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