Flughafen Reno : Drama im Tower

Beinahe wäre es zu einer Katastrophe gekommen: Im Flugkontrollzentrum von Reno im US-Bundesstaat Nevada arbeitete nur ein Fluglotse. Und der brach zusammen.

Rainer W. During

So beginnen Katastrophenfilme, doch die Szene im Flugkontrollzentrum von Reno im US-Bundesstaat Nevada war Realität: Nur ein einziger Fluglotse war im Dienst, und dieser einzige Fluglotse brach vor seinem Radarschirm zusammen. Er konnte gerade noch die Kollegen im Kontrollturm verständigen, die herbeieilten und eine drohende Katastrophe verhinderten. Der Vorfall weckt Erinnerungen an das Unglück am Bodensee. Vor sechs Jahren starben bei der Kollision zweier Flugzeuge bei Überlingen 71 Menschen, weil nur ein einziger Fluglotse Dienst tat, der völlig überfordert war.

Der Vorfall in Reno ereignete sich am Montag der vergangenen Woche. Der Lotse verspürte am Nachmittag plötzlich einen immer stärker werdenden Brustschmerz. Verschiedene Piloten merkten, dass etwas nicht stimmte und fragten, ob er „okay“ sei“, berichtete der örtliche Repräsentant der Fluglotsengewerkschaft Natca, Rich Ferris, dem Tagesspiegel. Auf dem Tonband mit der Aufzeichnung des Funkverkehrs ist zu hören, wie ein Flieger wegen ausbleibender Antworten noch scherzhaft fragt, ob der Lotse gestorben sei.

Das war nicht witzig. Alarmierte Sanitäter bemühten sich um den am Boden liegenden Mann und brachten ihn in ein Krankenhaus. Der zunächst vermutete Herzinfarkt erwies sich als extremstes Sodbrennen, das ähnliche Symptome verursachen kann. Ein gerade erst für den Dienst am Radarschirm zertifizierter Towerlotse musste ohne jede Einweisung den Arbeitsplatz übernehmen, sagte Ferris. Zur fraglichen Zeit befinden sich üblicherweise sechs bis zehn Flugzeuge im betroffenen Luftraum, sagte Natca-Sprecher Doug Church. Laut Natca war zum wiederholten Male nur einer von drei pro Schicht vorgesehenen Fluglotsen im Dienst. Derzeit seien in Reno nur noch 19 statt 27 Fluglotsen tätig, davon acht Azubis. Als Konsequenz wolle die US-Bundesluftfahrtbehörde FAA den Verkehr jetzt nachts vom Kontrollzentrum in Oakland, Kalifornien, überwachen lassen.

Insider bezeichnen den Zwischenfall als symptomatisch für die personellen Engpässe bei der US-Flugsicherung. Bei der Untersuchung eines Flugunfalls in Lexington, Kentucky, stellte sich heraus, dass der einzige diensthabende Lotse zwischen zwei Schichten nur acht Stunden Pause und zwei Stunden Schlaf gehabt hatte. Die Behörde für Transportsicherheit (NTSB) hat die Erschöpfung der Fluglotsen auf ihre Liste der am dringlichsten zu lösenden Sicherheitsprobleme gesetzt.

So nehmen die Zwischenfälle zu. Offiziell wurden im vergangenen Jahr 1393 von der Flugsicherung verschuldete gefährliche Annäherungen von Flugzeugen im US-Luftraum verzeichnet. Das sind 55 mehr als 2006, 43 wurden als Beinahezusammenstöße eingestuft.

In der Bundesrepublik ist die Luftüberwachung in die fünf großen Kontrollzentralen integriert, sagt der Sprecher der Deutschen Flugsicherung, Axel Raab. Dort seien auch in den Nachtschichten stets 15 bis 20 Lotsen tätig.

Seit der Katastrophe am Bodensee müssen in der Schweizer Flugsicherung Skyguide immer drei Flugverkehrsleiter im Dienst sein, von denen nie mehr als einer den Raum verlassen darf.

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