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Flugverkehr : Im Sichtflug an der Asche vorbei

Nach tagelangem Stillstand wegen der Aschewolke des isländischen Vulkans sind in Deutschland wieder erste Flugzeuge gestartet und gelandet. In Berlin-Tegel hob kurz nach 17 Uhr ein Jet nach Palma de Mallorca ab. Die Vulkanasche soll nach Sichtflugregeln um- oder unterflogen werden.

In Frankfurt landete am frühen Montagabend eine Maschine des Ferienfliegers Condor, die aus der Dominikanischen Republik kam, wie die Airline mitteilte. Ursprünglich hatte sie wegen der Sperrungen im Luftraum in Salzburg landen sollen, wurde dann aber nach Sichtflugregeln nach Frankfurt geleitet. Auch die Lufthansa hatte angekündigt, am Abend erste Maschinen wieder in Frankfurt starten zu lassen. Der erste Start einer Maschine nach München verzögerte sich aber.

Offiziell hatte die deutsche Flugsicherung zuvor entschieden, die Flughäfen bis mindestens 2 Uhr in der Nacht zum Dienstag geschlossen zu halten. Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) lehnt die von der Lufthansa geplanten Sichtflüge als "unverantwortlich" ab.

"Entweder der Luftraum ist sicher oder er ist es nicht", sagte ein Sprecher. Offensichtlich wolle die Regierung nicht die Verantwortung für eine Öffnung des aschebelasteten Luftraums übernehmen. Es werde wegen des wirtschaftlichen Drucks nach Wegen gesucht, das Flugverbot zu umgehen. "Wir haben Asche in der Luft, die sich auf die Triebwerke auswirkt." Im Ausland saßen insgesamt noch etwa 100.000 deutschen Pauschaltouristen fest, teilte das Außenministerium mit.

Auch die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft Air Berlin nimmt wieder einen eingeschränkten Betrieb auf. Noch am Montagabend sollten mehrere Ziele im Inland, in Europa und in Übersee angesteuert werden, wie das Unternehmen mitteilte. Eine Maschine aus Palma de Mallorca sei bereits um 15:23 Uhr in München gelandet. In Berlin-Tegel hob kurz nach 17 Uhr erstmals seit Verhängung des generellen Flugverbots ein Jet nach Palma de Mallorca ab. Die Fluggesellschaft Germanwings will am Dienstagmorgen ebenfalls wieder einen eingeschränkten Flugbetrieb starten.

Sichtflüge unterhalb der Aschewolke

Der Sichtflug ist völlig legal. Die Passagiermaschinen bleiben unterhalb der Aschewolke. Die Flugzeugführer sind dabei wie im Straßenverkehr nach dem Prinzip "Sehen und Gesehen werden" unterwegs. Dabei kommt es darauf an, dass der Pilot genügend Sicht hat - Flüge in Wolken wären also verboten. Die Lufthansa-Flüge sind sogenannte kontrollierte Sichtflüge, bei denen Radarlotsen Hilfe und Anweisungen geben. Dann sind auch größere Höhen möglich.

Die Airlines verlieren nach Angaben der Internationalen Luftfahrtvereinigung IATA täglich mindestens 150 Millionen wegen der Flugverbote. Hinzu kämen Ausgaben für die Entschädigung von Passagieren und für die Verlegung leerer Flugzeuge. Fluggesellschaften wie Lufthansa und Air Berlin hatten kritisiert, die Verbote seien nur unzureichend begründet. Sie basierten bislang lediglich auf Daten eines Computermodells in Großbritannien. Zudem fehle es an eigenen Messungen. Ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums wies dies zurück.

Das Ministerium verteidigte die Sperrung des Luftraums. "So lange nicht auszuschließen ist, dass hier ein Risiko für Mensch und Leben besteht, so lange muss Sicherheit vorgehen", sagte der Sprecher von Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU). Rückendeckung erhielt Ramsauer im Konflikt mit den Fluggesellschaften von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sowie den Grünen.

Wirtschaft klagt über Milliardenverluste

Nach Berechnung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) entgeht den deutschen Unternehmen wegen des Flugverbots täglich rund eine Milliarde Euro an Umsatz. Der DIHK sagte, diese Zahl beziehe sich ausschließlich auf den Außenhandel, davon würden wertmäßig 35 bis 40 Prozent über die Luftfahrt abgewickelt, sagte DIHK-Chefvolkswirt Volker Treier. Ein großer Teil könne wieder hereingeholt werden, sobald die Flugzeuge nach dem Abzug der Vulkanasche-Wolke wieder starten könnten.

Bundesregierung und Industrie vereinbarten, eine Arbeitsgruppe einzusetzen, um den wirtschaftlichen Schaden möglichst gering zu halten. Die "task force" kam am Montagnachmittag in Berlin zum ersten Mal zusammen. Für nächste Woche wurde ein weiteres Treffen anberaumt. Die EU-Kommission will staatliche Finanzspritzen für Unternehmen erleichtern. "Wir sind bereit, ähnlich zu reagieren wie nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001", sagte EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia.

Forschungsflugzeug untersucht Aschewolke

Um kurz nach 16 Uhr startete ein Forschungsflug zur Untersuchung der Aschewolke von Oberpfaffenhofen bei München. Das Flugzeug Falcon 20 E werde bis an die holländische Grenze fliegen, um die Dichte der Ascheteilchen in der Luft sowie ihre Größe zu messen, sagte die Sprecherin Miriam Kamin vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Ergebnisse sollen voraussichtlich in den nächsten Tagen vorliegen.

Forscher der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich bestätigten nach Messungen mit Wetterballons, Lasern und Messflugzeugen, dass die Aschewolke über Europa tatsächlich die für Flugzeuge gefährlichen Vulkanaerosole enthält. Sie gelten als gefährlich für Flugzeuge, da sie in der Hitze der Triebwerke schmelzen und zu Glasablagerungen führen können.

Briten wollen Luftraum teilweise wieder öffnen

Die Zahl der Flugverbote ging in der Nacht zum Montag zeitweise zurück. Nach Angaben der europäischen Luftsicherheitsbehörde Eurocontrol in Brüssel war der Luftraum vor allem im Süden am Mittelmeer und in großen Teilen Skandinaviens zumindest zeitweise wieder frei. In Spanien waren am Montag alle Flughäfen geöffnet, es wurden aber bis zum Mittag fast ein Drittel der 5200 geplanten Flüge gestrichen.

Der britische Luftraum sollte am Dienstag teilweise wieder geöffnet werden. Von 7 Uhr (8 Uhr MESZ) dürfe über Schottland und Teile Nordenglands geflogen werden, teilte die britische Flugsicherung Nats mit. Die Lage verbessere sich "kontinuierlich". In Frankreich sollten von Dienstagmorgen an Luftkorridore von Paris zu den Flughäfen im Süden des Landes eröffnet werden, teilte die Regierung mit.

Am Sonntag hatte sich die Sperrung teils von Mallorca bis Nordnorwegen und von Irland bis zur Türkei erstreckt. Dennoch rechnete Eurocontrol für Montag nur mit einer leichten Entspannung. Etwa 70 Prozent der sonst gut 28 000 Flüge sollten ausfallen - am Sonntag waren es noch knapp 80 Prozent.

Mehr Passagiere bei der Bahn

Das Flugverbot am Himmel bescherte den Fernzügen der Deutschen Bahn knapp ein Drittel mehr Fahrgäste. In den vergangenen Tagen seien bis zu 30 Prozent mehr Reisende in ICE und Intercity unterwegs gewesen, teilte der bundeseigene Konzern am Montag in Berlin mit. Auch bei den Fernbussen habe die Nachfrage stark angezogen. Fahrten in westeuropäische Metropolen wie London und Paris seien ausgebucht.

Weniger Asche, mehr Lava

Der Gletschervulkan auf Island stößt zunehmend weniger Asche und dafür mehr Lava aus. Ein Sprecher des Meteorologischen Institutes in Reykjavik sagte der Nachrichtenagentur dpa am Montag: "Das sind gute Nachrichten für Flugreisende in Europa." Es sehr "ziemlich unwahrscheinlich", dass diese Entwicklung jetzt erneut umschlage. Überwachungsflüge hatten bestätigt, dass die für den Flugverkehr in Europa gefährliche Aschewolke über dem Eyjafjalla-Gletscher nur noch eine Höhe zwischen 500 Metern und maximal drei Kilometern erreicht. Außerdem zeigte auch die helle Färbung der Rauchsäule einen wesentlich verminderten Ascheanteil an. In den vergangenen Tagen war die Säule aus Rauch und Asche auf eine Höhe von bis zu elf Kilometern gelangt. (dpa)

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