Flugverkehr : Studie: Täglich mehrere Beinahe-Zusammenstöße

Beunruhigende Statistik: Über Deutschland kommt es nach einer Studie der Technischen Universität Braunschweig täglich zu etlichen Beinahe-Zusammenstößen von Flugzeugen - unter anderem, weil Piloten falsch auf den Kollisionsalarm reagieren.

BraunschweigEtliche Beinahe-Zusammenstöße jeden Tag über Deutschland: Dies habe die Auswertung von 2,5 Millionen Flugstunden von April 2007 bis August 2008 über Norddeutschland ergeben, teilte die TU am Dienstag mit. Ein Sprecher der Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) warnte in einer Stellungnahme vor Panik und wies darauf hin, dass häufige Fehlalarme die Statistik dramatischer aussehen ließen als die Situation wirklich sei. Ein Lufthansa-Sprecher wies für sein Unternehmen die Zahl von täglich einer Beinahe-Kollision zurück.

Die Piloten der Lufthansa seien ausdrücklich angewiesen, die Hinweise des Warnsystems zu befolgen, sagte Sprecher Jan Bärwalde. Es handele sich um ein Frühwarnsystem. Das Unternehmen schule die Piloten im Umgang damit mehr als überhaupt vorgesehen. Dabei würden auch die unterschiedlichen Szenarien simuliert. GdF-Sprecher Marek Kluzniak betonte, dass das System zum Beispiel Absprachen zwischen Piloten und Flugsicherung nicht erkenne. Das System sei nicht intelligent. Oft hätten Besatzung und Flugsicherung längst alles im Griff. Dennoch gebe es eine Warnmeldung.

Flugzeugunlück am Bodensee 2002 hätte verhindert werden können

Nach Angaben von TU-Professor Peter Form sind in jedem siebten Fall die Ausweichanweisungen des Kollisionsschutzgeräts nicht korrekt befolgt worden. Alleine über Norddeutschland sei mehr als eine Kollisionsdrohung täglich registriert worden. "Das ist einmal am Tag zu viel." Das Missachten von Kollisionswarnungen hatte auch den Zusammenstoß zweier Flugzeuge über dem Bodensee mit 71 Toten im Juli 2002 mitverursacht.

Um Zusammenstöße in der Luft zu vermeiden, verfügt jedes Verkehrsflugzeug über ein Bordkollisionsschutzsystem (ACAS). Es misst den Abstand und die Höhendifferenz zu anderen Flugzeugen und gibt dem Piloten Ausweichanweisungen. Vorhaben, die Kommunikation der Flugzeuge vom Boden aus mitzuhören und auszuwerten, wurden bislang nicht umgesetzt. Weltweit erstmalig hat nun die TU Braunschweig Kollisions-Alarme aufgezeichnet und systematisch untersucht. Dazu wurde in Braunschweig eine experimentelle Bodenstation aufgebaut.

Deutscher Luftraum gehört zu den sichersten der Welt

Nach den ersten Ergebnissen der Studie wird die Untersuchung auf ganz Deutschland ausgedehnt. Den Forschern stehen inzwischen fünf Empfangsstationen zur Verfügung, in Frankfurt, Stuttgart, München und zwei in Braunschweig. Mit diesem Netz wurden vom 15. August bis zum 20. November 2008 an 98 Tagen bereits 510 Kollisionsalarme registriert, wie die Hochschule mitteilte. Mehrere deutsche Fluggesellschaften interessieren sich inzwischen für die Studie und sollen die Auswertung erhalten. Auch die Europäische Luftsicherheitsbehörde (EASA) hat bereits Interesse angemeldet.

Nach den Worten des GdF-Sprechers ist der deutsche Luftraum einer der sichersten der Welt. Bei über drei Millionen Flügen jährlich gebe es zwischen zwei und fünf gefährliche Situationen, denen jeweils sorgfältig auf den Grund gegangen werde. Die Uni-Studie könne bei Nicht-Fachleuten den Eindruck erwecken, dass etwas im Argen liege. Das sei nicht begründet.

Angesichts der Studien-Ergebnisse berät die TU Braunschweig mit dem Wirtschaftsministerium über eine Ausdehnung der Untersuchung. "Unsere Ergebnisse haben gezeigt, dass eine weitere Langzeitbeobachtung und eine tiefergehende Analyse erforderlich ist", erklärte Form. (sba/dpa)

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