Flugverkehr : Vulkan im Nordatlantik: Das Wolkenverhängnis

Ein Vulkan im Nordatlantik bricht aus, Asche macht sich auf den Weg, und tausende Kilometer entfernt liegt der Flugverkehr am Boden.

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Nur mit speziellen Infrarotkameras eines Satelliten waren am Donnerstagmorgen um 6 Uhr die Aschepartikel zu sehen, die von Island aus nach Europa gelangten.
Nur mit speziellen Infrarotkameras eines Satelliten waren am Donnerstagmorgen um 6 Uhr die Aschepartikel zu sehen, die von Island...Foto: EUMETSAT/dpa

Wie ein Seidenschleier weht die Wolke über den Nordatlantik, streckt sich im Wind, bei den Shetland Islands wird sie zerrissen, so dass ein Teil sich über Skandinavien legt, der andere nach Schottland und in einem weiten Bogen nach Südengland weiterzieht.

Es war nur ein kleiner Vulkanausbruch auf einer eisigen Insel im Nordatlantik, so wie es dort schon so viele Vulkanausbrüche gegeben hatte, aber dieses Mal war dann doch alles ganz anders. Dieses Mal sollte ganz Nordeuropa davon etwas mitbekommen, sollten Zigtausende Menschen betroffen werden und noch viel mehr innehalten und denken: Das gibt’s doch gar nicht!

In der Nacht zu Mittwoch war es losgegangen. Da registrierten die Seismologen wieder ein stärkeres Grummeln im Untergrund von Südisland. Das Problem diesmal ist, dass über der mutmaßlichen Ausbruchsstelle rund 200 Meter Eis des Eyjafjalla-Gletschers liegen – und die rund 1200 Grad heiße Lava genügend Hitze hat, um große Mengen Eis zu schmelzen, die dann die Niederungen fluteten, Bächlein in reißende Ströme verwandelten, eine Brücke und den Highway Route 1 zerfetzten. Derweil ist oben am Berg eine mächtige Wolke in den Himmel gewachsen: Schmelzwasser traf auf geschmolzenes Gestein, und das wurde zu einem explosiven Gemisch.

Wegen der Hitze dehnt sich das Wasser wie in einem Hochdrucktopf stark aus, die Lava wird in kleinste Fetzen zerrissen – das vergrößert die Kontaktfläche zwischen Wasser und Lava, der Kreislauf beginnt von vorn. Immer wieder, mit einem Tempo, dass das Wasser nicht mal zum Kochen kommt, wie eine Alien-Flüssigkeit marodiert es mit 500 bis 600 Grad durch die Lava. Bis ihm die Kraft ausgeht, es endlich zu Dampf wird und aus der glühenden Suppe herausschießt: Wasserdampf und mikroskopisch kleine Lavafetzen steigen kilometerweit in den Himmel.

Dort können sie dem Flugverkehr gefährlich werden. Mit ihrem Wetterradar können die Piloten die Aschewolken aus dem Cockpit nicht sehen. Die Geräte sind dafür ausgelegt, aus Feuchtigkeit bestehende Wolken anzuzeigen und können die Asche nicht darstellen. Die kann aber Öffnungen im Flugzeugrumpf verstopfen und so Hydraulik, Klimatisierung, Elektronik oder beispielsweise die Geschwindigkeitsanzeigen ausfallen lassen. Auf die Außenhaut eines Flugzeuges, insbesondere auch auf die Cockpitfenster, wirkt sie wie Schmirgelpapier.

Also haben am Donnerstag nach und nach zahlreiche Länder von Norwegen über Dänemark, den Niederlanden, Belgien bis Irland und Großbritannien ihren Luftraum geschlossen, wurden hunderte Maschinen in großem Abstand um die Aschewolke herumgeleitet, liefen zigtausende Wartestunden auf, wurden ungezählte Urlaubs- und Geschäftsreisen nicht angetreten. Nicht zuletzt musste Königin Margrethe II. von Dänemark bei der Feier zu ihrem 70. Geburtstag auf König Harald V. von Norwegen und Carl XVI. Gustaf von Schweden an ihrem Gästetisch verzichten, da auch die festsaßen.

In Island blieb man, an schlechte Sicht und finstere Tage gewöhnt, gelassen. Wagte sich gar an Witzchen, ob es wohl jemanden gebe, der immer dann den großen Startknopf am Vulkan drückt, wenn die Zeitungen gerade voll sind mit Enthüllungsgeschichten zur Finanzkrise, die zuletzt für Eruptionen auf der Insel sorgte. Der neuerliche Vulkanausbruch begann nämlich keine zwei Tage, nachdem der Abschlussbericht der Untersuchungskommission zur Finanzkrise veröffentlicht wurde, der seitdem kein Thema mehr ist.

Der Eyjafjöll, Typ Stratovulkan, gelegen südlich der Hauptstadt Reykjavik, Gesteinsalter circa 700 000 Jahre, Erstbesteigung 1794. Vorletzte Eruption 21. März 2010.

Da brach es an der Flanke des rund 1600 Meter hohen Vulkans heraus. Nach fast 200 Jahren Pause meldete sich der Vulkan zurück. Bereits da gab es eine große Wolke, der Flugverkehr über der Insel wurde vorübergehend eingestellt, Anwohner mussten die Region verlassen, konnten aber bald zurück. Nun also der zweite Ausbruch innerhalb von vier Wochen. Und während von ihrem Land ausgehend in Tausenden Meter Höhe diese unheimliche Wolke sich auf den Weg begab nach Osten, machten die Isländer, was sie so gerne machen: Ausflüge.

Endlich sei mal was los, fanden sie, als die Nachrichten vom Vulkanausbruch anfingen, bedrohlicher zu klingen. Vulkan zerstört Gletscher, der zur Flutwelle wird, Brücken brechen, und vielleicht brechen weitere unterirdische Feuer aus, schmelzen weiteres ewiges Eis?

Den ersten Ausbruch hatten sie noch abfällig den „Touristenvulkan“ genannt. Aber jetzt: ein Krater von 2000 Meter Länge, ein neu entstandener Berg, für den die lokalen Medien sogleich einen Namensfindungswettbewerb ausriefen. Helikopter wurden gechartert und hochgeschraubt auf Eruptionsniveau. Jeepbesitzer boten Vulkantouren an. Und an den zuletzt regelrecht verstopften wenigen Zugangsstraßen standen die Bewohner der Höfe in der Region und verkauften Süßigkeiten.

Bauer Eggertson aus der Gegend des Vulkans jammerte, dass Schlamm seine Felder überspült habe, dass er am Mittwochabend seinen Hof verlassen sollte und die Kühe zurückblieben. Aber er durfte schnell zurück. „Das ist einfach unheimlich”, sagte Eggertsson den lokalen Zeitungen: die Rauchschwaden und die schwarze Asche in der Luft. Die Sicht ist schlecht im Umfeld des Vulkans, kaum sieht man die Hand vor Augen. Andere Bauern holten sicherheitshalber ihre Schafe von den Weiden – in Erinnerung an die Eruption von Katla im Jahr 1918. Auf den Bauernhöfen rund um den Vulkan starben damals fast alle Tiere, weil sie Asche fraßen oder sie, aufgelöst in Wasser, tranken. Und so viel Asche wie damals, da sind sich die Isländer einig, regne es jetzt auch wieder. Sigurlaug Sigurdardóttir, Bäuerin auf Herjólfsstadir jedenfalls erkannte am Donnerstagmorgen kaum noch das Nachbarhaus. Normalerweise wird es im April schon früh hell auf Island, aber nicht in diesen Tagen seit dem neuerlichen Ausbruch. „Ein grauer Schleier überdeckt alles. Die Autos sind grau“, beschreibt eine andere Bäuerin, was der Ascheregen anstellt mit dem Land.

Und Wissenschaftler meldeten, es gebe keine Anzeichen dafür, dass der Ausbruch sich abschwächen würde, die Rauchwolke, die von der Spitze des Vulkans aus aufsteigt, werde immer wieder schwarz, explosive Eruptionen seien das.

Vergleichbares ereignete sich in der Folge auch an den betroffenen Flughäfen in Finnland, Norwegen, Schweden, Dänemark und vor allem auch in England, dessen Bürger allerlei gewöhnt sind, was die Verlässlichkeit ihrer Abflug- und Ankunftszeiten angeht.

Diesmal also waren es keine technischen Pannen, die den Luftverkehr lahm legten, keine Streiks und auch kein Nebel. Diesmal also ein Vulkan, der 1880 Kilometer von Londfon Heathrow entfernt ausgebrochen war.

„Es ist, wie wenn man Farbstoff in Wasser gibt. Es verteilt sich langsam überall hin“, erklärt Timothy Crump, Physikstudent aus Loughborough. Noch ist er guter Dinge. Im Getöse der U-Bahn versucht er zu erklären, wie winzige, harte und scharfe Aschenteile aus einem Vulkan im fernen Island sich in der Stratosphäre verteilen und ein Düsentriebwerk stilllegt, das mit höchster Geschwindigkeit fliegt. Timothy und seine Freundin Hailey fahren nach Heathrow. Von dort soll es für eine Woche Urlaub nach New York gehen. Sie freuen sich seit Monaten darauf. Am Morgen haben sie sich am Bahnhof getroffen. Hailey war von Stuttgart nach Stanstead geflogen. Sie arbeitet am Max-Planck-Institut in Vaihingen als Forschungsstudentin. Fachgebiet: Kleinteilchenphysik.

Kaum ist er im Terminal 4 verschwunden, kommen vier Freundinnen zur U-Bahn. Auch sie wollten nach New York. Nun müssen sie zurück nach London. Man hat sie gar nicht erst ins Flughafengebäude gelassen. Seit 12 Uhr ist Großbritannien eine gigantische Flugverbotszone.

„Es ist ein Akt Gottes“, sagte einer der British Airways Duty Manager, die man an der grau-schwarzen Krawatte erkennt. Das heißt nicht, das British Airways plötzlich religiös geworden ist. So heißen Naturkatastrophen in der englischen Rechtssprache. Doch auch jenseits der Rechtssprache wird im Gedanken an das herumwabernde Etwas der liebe Gott immer wieder zitiert wurde, ganz so, als gäbe es da Parallelen. Es sagte etwa die Sprecherin der isländischen Luftfahrtbehörde in Reykjavik auf die durchaus berechtigte Frage, wie lange die Störungen noch dauern würden, das könnten Tage oder Jahre sein, „das wissen nur die Wettergötter“.

In einem Schulungsdokument von Airbus heißt es: Die Aschewolken steigen bis auf die Reiseflughöhe moderner Verkehrsflugzeuge von rund zwölf Kilometern. Sie breiten sich bis zu etwa 4500 Kilometer weit aus und können bis zu 72 Stunden nach dem Ende des Vulkanausbruchs eine Gefahr für den Luftverkehr bedeuten.

Am 15. Dezember 1989 beispielsweise blockierten nach dem Ausbruch des Mount Redoubt in Alaska beim Anflug auf Anchorage die Triebwerke einer Boeing 747 der niederländischen Fluglinie KLM und konnten erst nach mehreren Versuchen wieder in Gang gebracht werden Und nach dem Flug durch eine Aschewolke des indonesischen Vulkans Galunggang am 24. Juni 1982 fielen in elf Kilometern Höhe alle vier Triebwerke eines Jumbos der British Airways aus. Drei konnten wieder gestartet werden, nachdem die mit 248 Passagieren besetzte Maschine auf 3800 Meter abgestürzt war.

David Cameron, Chef der britischen Konservativen und gerade auf Wahlkampftour in Halifax, fand im Angesicht der sich auftürmenden Aschewolke so entschlossene wie mitfühlende Worte für die Bürger der Insel. „Die Nachrichten sind sehr beunruhigend“, zitiert ihn die Onlineausgabe der Zeitung „The Guardian“. In Gedanken sei er nun auch bei denen, die in den Urlaub fliegen wollten. Dabei sorgten sich manche Briten um ihre Gesundheit.

Auch für Menschen kann die Asche gefährlich sein. Als ein anderer Vulkan auf Island, der Lakis, 1783 ausbrach, starb jeder vierte Isländer an den Vergiftungen durch den in der Asche enthaltenen Grundstoff Fluor, ergab eine skandinavische Studie von 2007, die die chemische Zusammensetzung der Asche und alte Aufzeichnungen untersuchte. Damals war nur von der „mystischen Vulkanseuche“ die Rede. Ein isländischer Pfarrer beschrieb in jenen Jahren apokalyptisch: „Die Pferde verlieren ihren Halt, dicke Geschwülste bilden sich um ihre Gelenke, die Schafe schwellen an, und werden so voll von dem Gift, dass die Menschen, wenn sie ihr Fleisch essen oder das, was davon noch übrig ist, essen.“

Die Isländer sollen sich mit Masken gegen die Asche des Eyjafjallajökull schützen, empfiehlt denn auch seit gestern die englischsprachige Iceland Review, und zwar überall auf der Insel, nicht nur in unmittelbarer Nähe des Vulkans. Die Masken gebe es umsonst. Noch besser allerdings sei, das Haus gar nicht erst zu verlassen. Woran sich nicht so recht jemand halten wollte. Jedenfalls nicht in der Hauptstadt.

Als am Nachmittag im Hörsaal der Universität für Vigdis Finnbogadottir, die erste demokratisch gewählte Präsidentin der Welt, eine Feier zu ihren 80. Geburtstag eingeläutet wurde, waren jedenfalls keine Masken im Publikum zu sehen.

Ein Vulkan bricht aus, eine Wolke macht sich auf den Weg, Flugzeuge dagegen bleiben am Boden.

In Berlin wurden insgesamt neun Abflüge in Tegel und 14 in Schönefeld annulliert. Die meisten Fluggäste haben Verständnis dafür. Eine Frau sagt, ihr täten die Leute in Island leid. Dass sie nun ihre Freunde in England am Wochenende nicht besuchen könne, sei daran gemessen ja nicht so schlimm.

Trotzdem – so unkten die Historiker unter den Internetbloggern – sei es erneut einem isländischen Vulkan gelungen, die Welt zu beeinflussen. Wie damals doch auch, als Ende des 18. Jahrhunderts der Laki-Vulkan ausbrach, eine Aschewolke über Europa verbreitete, die zu Ernteausfällen und Hungersnöten führte, was die Französische Revolution wenn nicht ausgelöst, so doch beschleunigt haben soll.

Mitarbeit Andre Anwar, Alva Gehrmann, Sidney Gennies, Rainer W. During

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