Flugzeugabsturz : "Das Schlimmste ist, wenn keine Leiche da ist"

Die ersten Opfer des Air France-Unglücks sind geborgen, manche werden jedoch nie gefunden. Wie Angehörige das ertragen können, beschreibt Trauerexpertin Verena Kast.

Interview von Parvin Sadigh

ZEIT ONLINE:

Wie verkraften es Freunde und Familienangehörige, wenn sie einen geliebten Menschen bei einem Flugzeugunglück wie dem in Brasilien verlieren?

Verena Kast: Mit einem  überraschenden Tod kommen wir nie gut  klar. Dieser Flugzeugabsturz ist besonders schlimm. Denn noch immer wissen wir nicht genau, was  eigentlich passiert ist  Was wir nicht wahrnehmen können, füllen wir gerne mit der Fantasie. Wir denken uns dann aus, dass der Mensch, den wir kennen, doch noch lebt.

ZEIT ONLINE: Aber sollte man sich deshalb mit einer Leiche konfrontieren, die tagelang im Wasser lag, wie es jetzt der Fall ist?

Kast: Sehr wichtig ist, dass es die Leichen überhaupt gibt. Man kann nicht pauschal sagen, jeder sollte sich einen verunstalteten Menschen zum Abschied noch einmal anschauen. Für viele Angehörige ist es aber der richtige Weg, denn sie können den Tod so besser akzeptieren. Für andere ist es unmöglich, es wäre ein Schock fürs Leben. Jeder sollte das für sich entscheiden.

ZEIT ONLINE: Können die Angehörigen sich darauf vorbereiten?

Kast: Ja, wenn immer möglich, sollten sie nicht allein hingehen. Ein Mensch, mit dem sie sich wohl fühlen, sollte dabei sein. Das kann auch ein Mitarbeiter des Care-Teams sein. Und sie müssen sich darauf einstellen, dass es sehr erschreckend wird.

ZEIT ONLINE: Wie verhindert man, diese Bilder nie wieder loszuwerden?

Kast: Man wird nicht notwendigerweise traumatisiert.  Es kann den Betroffenen unendlich traurig machen, wenn die Bilder immer wiederkehren. Das sollte er einfach zulassen. Denn die schrecklichen Bilder entsprechen ja dem wirklichen Schrecken. Aber sie interagieren auch mit den Erinnerungen, die derjenige an den lebendigen Menschen hat. Auf diese Weise bleiben sie nicht das vorherrschende Erinnerungsbild für den Rest des Lebens.

ZEIT ONLINE: Ist es besser oder noch schlimmer, wenn die Toten gar nicht mehr gefunden werden?

Kast: Für den Trauerprozess ist es das Schlimmste, wenn die Leiche nicht gefunden wird. Die Reaktionen sind dann oft: Das kann nicht wahr sein. Das ist alles ein Traum. Ich muss gar nicht Abschied nehmen, denn ich werde wieder erwachen. Der Betroffene ist abgespalten von seinen Gefühlen.

ZEIT ONLINE: Was hilft?

Kast: Wichtig ist für alle Angehörigen, dass es einen gemeinsamen Abschied gibt. In der Regel wird es einen Trauergottesdienst geben. Schön wäre auch ein gemeinsames Denkmal oder Grabmal. Damit die Toten, die eigentlich keinen Ort haben, einen finden.

Man gibt dem Tod damit eine Realität und eine Würde. Außerdem bekommt der Einzelne das Gefühl, nicht allein zu sein. Weil wir so wenige Möglichkeiten haben zu handeln, ist die Gruppe so wichtig. Man fühlt sich geborgen und nimmt die Realität an. Die große Aufmerksamkeit, die ein solcher Unfall auf sich zieht, kann den Betroffenen auch gut tun, weil so viele Menschen mit ihnen fühlen.

ZEIT ONLINE: Was geht in den betroffenen Angehörigen im Augenblick vor?

Kast: Das ist sehr verschieden. Manche Menschen glauben an ein Schicksal. Sie können in einem solchen Unglück eine Ordnung erkennen, vielleicht eine Vorsehung. Für die anderen gilt genau das Gegenteil: Sie fühlen sich der Willkür des Lebens ausgeliefert.

Der ersten Gruppe ist zunächst einmal geholfen, trotzdem kann sie sich sehr allein gelassen fühlen. Die Trauer kommt hinterher. Für die anderen ist die Trauer oft mit einer ungeheuren Wut verbunden.

ZEIT ONLINE: Wie kann man damit umgehen?

Kast: Menschen brauchen zum Trauern ein Netz. Sie sollten ihre Gefühle ausdrücken können. Und zwar auch die widersprüchlichen, denn Trauern ist viel mehr als traurig sein: Angst, Schmerzen, Wut, Vorwürfe, Liebe. Man sollte all das miteinander teilen.

Dann beginnen die Trauerphasen im engeren Sinn. Dazu brauchen wir das Erinnern. Wie war mein Leben mit diesem Menschen? Was hat er in mir geweckt? Denn das verlieren wir mit seinem Tod nicht, das können wir weiter tragen. Am besten ist es, man erzählt einander wirkliche Geschichten. Weiß du noch? Dabei lacht und weint man und holt sich die Beziehung zurück.

ZEIT ONLINE: Wie helfen die professionellen Helfer direkt nach dem Unglück und was empfehlen Sie Bekannten von Trauernden?

Kast: Die Fluggesellschaften haben sehr gut ausgebildete Care Teams, die sich den Menschen in differenzierter Weise zuwenden. Manche müssen reden, andere müssen schweigen. Wen brauchen sie?, oder wollen sie lieber keinen Kontakt? Man stülpt nicht über alle das gleiche Programm. Einem kann die richtige Suppe im richtigen Moment helfen. Ein anderer hat einen heftigen Wutausbruch. Die Leute von den Care Teams sind darin geschult das auszuhalten. Auch Freunden und Bekannten kann man dasselbe empfehlen. Billige Tröstversuche wie "Das wird schon wieder" oder auch "Jetzt denk mal an etwas anderes" muss man vermeiden. Es ist zwar schwer auszuhalten, wenn ein Trauernder Gott und die Welt verflucht. Aber in einer kleinen Gruppe gelingt es leichter. Man sollte ruhig bleiben, verfügbar und doch nicht gekränkt sein, wenn man zurückgewiesen wird. "Ruf mich an, wenn Du mich brauchst!", funktioniert nicht, aber: "Ich komm mal vorbei und geh sofort wieder, wenn Du deine Ruhe haben willst." Das geht.

Das Interview führte Parvin Sadigh

Die Psychologin und Psychotherapeutin Verena Kast ist Professorin an der Universität Zürich und hat unter anderem über Trauern, Trennungen und Lebenskrisen publiziert.

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