Flugzeugabsturz : "Mayday" auf Helios-Stimmenrekorder

Im Cockpit der Todesmaschine von Athen hat sich vor dem Absturz ein Drama abgespielt. Das hat die Auswertung des Stimmenrekorders ergeben.

Athen (22.08.2005, 09:08 Uhr) - Laut Stimmenrekorder rief eine männliche Stimme - vermutlich die eines Stewards - drei Mal «Mayday», das internationale Wort für Notruf. Außerdem war «tiefes Ein- und Ausatmen», vermutlich durch eine Sauerstoffmaske, zu hören sowie «ein Flüstern, als ob jemand mit sich selbst spricht». Zuvor hatte es geheißen, es seien lediglich Atemgeräusche zu hören. Die Boeing 737-300 der zyprischen Fluggesellschaft Helios Airways war am 14. August mit 121 Menschen an Bord nahe der griechischen Hauptstadt abgestürzt.

Alle Insassen kamen erst beim Aufprall ums Leben. Das ergab die Obduktion von 118 der 121 Opfer, wie Chef-Gerichtsmediziner Filippos Koutsaftis am Sonntag mitteilte. Drei Leichen konnten bislang nicht gefunden werden. Zunächst hatte es geheißen, viele Insassen seien wegen der eisigen Temperaturen und des Sauerstoffmangels an Bord vermutlich bereits tot gewesen, als die Boeing zerschellte. Die weitaus meisten dürften jedoch schon vor dem Aufprall das Bewusstsein verloren haben. Das teilten Gerichtsmediziner in Athen am Montag mit. «Sie hatten offenbar alle Hypoxämie. Das bedeutet: herabgesetzten Sauerstoff im Blut», sagte der Mediziner Nikos Karakoukis, der an den Autopsien der Leichen teilnimmt, im staatlichen griechischen Fernsehen.

Medien in Athen berichteten am Sonntag unter Berufung auf die Untersuchungskommission der Zivilen Luftfahrt Griechenlands, dass vermutlich sowohl der Notruf als auch die schweren Atemzüge vom Steward stammten, der sich zum Zeitpunkt des Unglücks im Cockpit befand. Der Co-Pilot war ohnmächtig geworden, der deutsche Pilot saß nicht auf seinem Platz. Der Steward hatte nur eine Pilotenlizenz für kleine Flugzeuge und nach Expertenangaben keine Chance, eine Boeing zu landen.

Die Fachleute konzentrierten ihre Untersuchungen zuletzt auf die Phase kurz nach dem Start der Maschine in Larnaka auf Zypern. Aus den Funkgesprächen des deutschen Piloten mit den Helios-Technikern ergibt sich: Die Kühlung der Computer funktionierte nicht. Der Pilot wurde von den Technikern am Boden aufgefordert aufzustehen und eine Sicherung hinter seinem Sitz auszuschalten, damit das sekundäre Kühlungssystem eingeschaltet werden könne. Gleichzeitig trat ein akutes Sauerstoffproblem auf, berichtete übereinstimmend die griechische Presse unter Berufung auf die Untersuchungskommission. Es sei auch zu Kommunikationsproblemen mit den Technikern in Larnaka gekommen.

Beschäftigt mit diesen Problemen hätten die Piloten vermutlich vergessen, dass die Maschine mittlerweile auf große Höhe aufgestiegen war. Im Flugzeug verloren die Menschen bereits das Bewusstsein, lautet die wahrscheinlichste Version des Geschehens. Gerüchte und Spekulationen von zyprischen Boulevardblättern, die Piloten hätten eine Schlägerei gehabt oder dass an Bord der Maschine angeblich eine Bombe war, wurden von keiner Seite bestätigt.

Dagegen sollen Crewmitglieder von einem eigenartigen Geräusch berichtet haben, das aus der linken hinteren Tür des Flugzeugs gekommen sei. Dies könnte ein Entweichen von Luft gewesen sein. Nach der Helios-Katastrophe wurden die Kontrollen auf griechischen und zyprischen Flughäfen erheblich verschärft.

Bislang konnten erst 37 Opfer identifiziert werden. Für die anderen, darunter auch die des deutschen Piloten, seien DNA-Tests notwendig, hieß es. Von den drei Opfern, die noch nicht gefunden wurden, seien vermutlich nur Körperteile geborgen und in die Gerichtsmedizinische Abteilung gebracht worden.

Die Pilotenvereinigung Cockpit sieht angesichts der jüngsten Flugzeugtragödien einen Zusammenhang mit dem anhaltenden Preisverfall in der Branche. «Der enorme Kostendruck, der von den Billigfliegern ausgeht, erhöht die Gefahr, dass immer mehr Unternehmen an Stellen sparen, von denen man tunlichst die Finger lassen sollte. Der Preiswahn geht auf Kosten der Sicherheitskultur», sagte Cockpit-Präsident Thomas von Sturm dem «Handelsblatt» (tso)

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