Flugzeugdrama in Brasilien : Das angekündigte Unglück

Nach dem verheerenden Flugzeugunglück in São Paulo ist die Zahl der Todesopfer auf 194 Todesopfer gestiegen. Mittlerweile wurde der Flugschreiber gefunden.

Sao Paolo
Die Feuerhölle von Sao Paolo -Foto: AFP

São Paulo/Brasilia Bei dem schwersten Flugzeugunglück in der Geschichte Brasiliens sind in São Paulo nach Schätzungen der Feuerwehr mindestens 200 Menschen ums Leben gekommen. Ein Airbus A320 der brasilianischen Fluggesellschaft TAM mit 186 Menschen an Bord schoss am Dienstagabend (Ortszeit) mitten in der Millionenmetropole bei der Landung über die regennasse Landebahn des Flughafens Congonhas hinaus. Anschließend rutschte er über eine Hauptstraße und raste in eine Tankstelle und ein Geschäftsgebäude. Das Flugzeug und mehrere Häuser gingen in Flammen auf.

Auf der Passagierliste standen viele deutsch klingende Namen. Die Maschine war in Porto Alegre gestartet. In der Region leben viele Menschen deutscher Abstammung. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin sagte, dass die deutschen Generalkonsulate in São Paulo und Porto Alegre in engem Kontakt mit den örtlichen Behörden stünden. Bislang gebe es keine Hinweise auf deutsche Opfer, sagte sie.

181 Leichen geborgen

Wie der Fernsehsender "Globonews" unter Berufung auf die Rettungsteams berichtete, wurden bis zum frühen Mittwochnachmittag (Ortszeit) 162 Leichen geborgen. Die Zahl der Todesopfer stieg damit auf mindestens 194, denn in den Gebäuden am Unfallort waren drei Menschen schwer verletzt worden und in Krankenhäusern gestorben. Bei dem bislang schwersten Flugunglück in Brasilien waren Ende September vergangenen Jahres 155 Menschen ums Leben gekommen.

Mehr als 300 Feuerwehrmänner sowie dutzende Polizisten, Notärzte und Zivilschützer waren die ganze Nacht im Einsatz. Die Retter gehen nicht davon aus, dass Menschen an Bord das Unglück überlebt haben. Nach dem Unglück waren Explosionen zu hören. Ein Haus stürzte ein, 27 Gebäude wurden wegen Einsturzgefahr evakuiert.

Rettung durch Sprung aus dem Fenster

Augenzeugen sprachen von Panik unter den Anwohnern des vornehmen Viertels Moema, in dem sich der Flughafen befindet. Sie habe ein "Inferno auf Erden" gesehen, sagte eine Rentnerin einem brasilianischen Reporter. Mindestens ein Mann und eine Frau retteten sich, indem sie aus dem Fenster eines brennenden Hauses mehrere Stockwerke in die Tiefe sprangen. Sie kamen mit Knochenbrüchen davon.

Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva ordnete eine dreitägige Staatstrauer an und wies die Bundespolizei an, bei den Ermittlungen besonderes Augenmerk auf die Landebahn zu legen. Die Unglücksursache war zunächst nicht bekannt. Der Flugschreiber wurde gefunden und soll den Ermittlern weiter helfen.

Experten kritisierten fehlende Rillen auf der Landebahn

070718flugzeugabsturz
Nach dem Absturz. Die Rettungsarbeiten gingen die ganze Nacht weiter. -Foto: dpa


Die Hauptlandebahn war erst Ende Juni modernisiert worden. Experten hatten kritisiert, dass Rillen in der Bahn fehlten. Sie sollen die Gefahr von Aquaplaning verringern. Ein Richter hatte im Februar die Landung größerer Maschinen verboten, unter anderem weil die Landebahn zu kurz sei. Das Urteil wurde später wieder aufgehoben.

Die Unglücksmaschine kollidierte, als sie über eine an den Flughafen grenzende Straße rutschte, laut Medien auch mit einigen Autos. Der Pilot habe nach der gescheiterten Landung vermutlich beschleunigt und versucht durchzustarten, meinten Experten.

Airport für kleinere Maschinen wieder geöffnet

Der städtische Flughafen wurde zunächst geschlossen, einige Stunden später aber für kleinere Maschinen wieder geöffnet. Der Airport im Viertel Moema liegt in unmittelbarer Nachbarschaft von Hotels, Hochhäusern und Einkaufszentren. Er wurde in den 30er Jahren in einem damals menschenleeren Gebiet gebaut und im Lauf der Jahre von der wachsenden Stadt eingeschlossen.

Präsident Lula sei "tief betroffen" und verspreche eine gründliche Untersuchung, sagte ein Regierungssprecher. Der Staatschef rief einige seiner Minister noch in der Nacht zu einem Krisentreffen in der Hauptstadt Brasilia zusammen. Erst im September 2006 war ein Flugzeug in Brasilien schwer verunglückt. Eine Maschine der Airline Gol stieß über dem Amazonas-Urwald mit einer kleineren Privatmaschine zusammen. 155 Menschen kamen ums Leben.

070718flugzeug
Suche nach der Unglücksursache: Wurde die Landebahn nach der Sanierung zu früh freigegeben? -Foto: AFP

Letzter Unfall am Montag



Erst am Montag war auf dem Flughafen Congonhas eine Maschine von der Landbahn abgekommen. Das Flugzeug hielt auf einer Rasenfläche unweit des Absperrzauns um den Flughafen. 1996 war eine Maschine der TAM kurz nach dem Start in Congonhas abgestürzt. 90 Passagiere und sechs Besatzungsmitglieder sowie drei Menschen am Boden kamen dabei ums Leben.

Der Präsident der Fluglotsen-Gewerkschaft, Carlos Trifilio, wies auf Probleme bei der Ausbildung von Fluglotsen und der Kontrolle des Luftraums hin. Über dem Amazonas-Regenwald gebe es ein riesiges "blindes Gebiet", in dem Flugzeuge nicht überwacht werden könnten. Mehrfach streikten in der Vergangenheit Fluglotsen des Landes für bessere Arbeitsbedingungen. Sie werfen der Regierung Tatenlosigkeit vor. Lula wies die Kritik zurück und sagte, Brasilien habe eines der modernsten Luftkontrollsysteme der Welt.

Zivilluftfahrtbehörde Anac ermittelt

Die Zivilluftfahrtbehörde Anac teilte unterdessen mit, sie habe eigene Untersuchungen zur Ermittlungen der Unfallursache aufgenommen. Sie wolle auch dafür sorgen, dass die Airline Angehörigen Beistand leiste.

Der europäische Flugzeugbauer Airbus schickt zur Aufklärung des Unglücks fünf Experten nach Brasilien. In einer Pressemitteilung teilte das Unternehmen mit, dass Airbus den brasilianischen Behörden jede technische Unterstützung zukommen lassen werde. Bundespräsident Horst Köhler sprach Lula und den Brasilianern "tief empfundene Anteilnahme" aus und schickte ein Kondolenztelegramm. Glück hatte die Fußball-Erstligamannschaft Gremio Porto Alegre: Das Team wollte ursprünglich in die Unglücksmaschine steigen, wie der Vater des Torhüters Sebastian Saja in Interviews erklärte. In letzter Sekunde sei eine andere Verbindung bevorzugt worden. (mit dpa)



0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben