Welt : Flugzeugunglück: Feuerball über nächtlichem Wald

Sascha Buchbinder

Nieselregen und nasser Schnee fällt in der Nacht zum Sonntag, im Wald beim Zürcherischen Bassersdorf hängt Nebel. Zwischen den Bäumen irrlichtern die leuchtenden Finger von starken Stablampen. Feuerwehrleute und Polizisten suchen hier nach dem Absturz einer Crossairmaschine von Berlin nach Zürich nach verstörten Überlebenden, die durch den Wald irren könnten. Beißend wie Ammoniak hängt der Gestank von verbranntem Kunststoff in der Luft. Weiter hinten im Wald ist es Tag hell. Dort liegen die Trümmer des zerschellten Jumbolinos.

Kurz nach 22 Uhr wurde die Kantonspolizei alarmiert, 10 Minuten später waren sie vor Ort, Anwohner von Bassersdorf hatten gehört, wie die leicht verspätete Maschine zunächst über ihren Häusern angeflogen war. Dann vernahmen sie "splitternde, krachende Geräusche", wie Franz Brunner, der Gemeindepräsident erzählt. Andere sahen einen Feuerball im Wald aufleuchten. Noch um 23 Uhr suchten Anwohner vergeblich nach der Absturzstelle, der dichte Nebel schluckte das Geschehen.

Zum Wrack gelangt man über einen Feldweg von Birchwil Richtung Bassersdorf, vorbei an vier Kontrollen. Hier werden Schaulustige abgewiesen und Retter weiter gelotst. Die Unfallstelle ist gegen Mitternacht rasch gefunden: Über eine Strecke von rund einem Kilometer weist ein roter Feuerwehrschlauch wie ein Ariadne-Faden den Weg.

An der Absturzstelle selbst herrscht hektische Betriebsamkeit. Die Reste der Maschine liegen am Rande des Waldes, bei einer kleinen Lichtung. Das Cockpit sieht aus wie die Schnauze eines toten Tieres, dessen Kopf am Rande eines Bachbetts ruht. Beinahe im rechten Winkel dazu liegt ein Teil des Hecks. Verbeult ragt die Schwanzflosse mit dem Crossair-Logo zwischen den Bäumen hoch. Dazwischen streicht weißer Rauch über den gespenstisch leeren Waldboden. Wo ein großer Teil des Passagierraums sein sollte, ist einfach nichts. Dieses Bild vor Augen, erscheint es als ein Wunder, dass 9 von 33 Flugzeuginsassen den Absturz überlebten.

Wie die Maschine hier in den Wald gerast ist und zerrissen wurde, lässt sich an den Bäumen sehen. Unmittelbar am Unfallort sind die Wipfel abgefräst. Höchstens sechzig Meter weiter, auf der anderen Straßenseite sieht man keine Spuren mehr. Die Forststraße selbst ist mit Feuerwehrautos verstellt. Dicht an dicht sind die Rettungsfahrzeuge aufgereiht. Generatoren dröhnen, auf einer Stellwand beim Feuerwehrkommandoposten protokolliert ein Feuerwehrmann die Ereignisse. Demnach wurden um 23.45 Uhr Hundeführer angefordert, um den Wald nach Opfern und Teilen von Toten abzusuchen. Nach Mitternacht ist der Flugdatenschreiber bereits geborgen.

Kurz vor 1 Uhr versammeln sich die Kommandanten von Polizei, Sanität und Feuerwehr zu einer Konferenz. Vor ihnen ein Lageplan der Flugzeugteile. Demnach wurde etwas weiter im Waldesinnern ein Flügel samt Triebwerk gefunden. Davor hat ein Feuerwehrmann sieben rote Kreuze auf die Skizze eingezeichnet. Zwei weitere rote Kreuze sind auf dem Plan im Cockpit eingetragen. Ob Kapitän und Kopilot tatsächlich tot sind, wollte die Polizei am Sonntag noch nicht bestätigen.

Die Bergung vor Ort sei schwierig, erklärt einer der Retter im Gespräch. Der beißende Rauch sei giftig, die Arbeit deshalb nur mit Atemschutz möglich. Gegen 1.30 Uhr verschiebt denn auch die Kantonspolizei die weitere Opfersuche beim Wrack selbst auf den nächsten Morgen. Weiterhin wird aber der Wald systematisch durchkämmt. Rund 80 Polizisten und ebenso viele Feuerwehrleute stehen in dieser Nacht im Einsatz. Die Hoffnung auf weitere Überlebende zu stoßen, erfüllte sich jedoch nicht. Und auch wenn noch am Sonntag 14 Insassen als "vermisst" galten, bestand für sie keine Hoffnung mehr.

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