Welt : Flugzeugunglück in Mailand: Ohnmacht der Gefühle

Thomas Migge

Hubert Meier schaut besorgt auf die Kuppel. "Da kann es einem schon ganz mulmig werden", sagt er und runzelt die Stirn. "Wenn da einer reinfliegen würde, dann wäre das schon etwas anderes als in Mailand". Der 38-Jährige ist in Rom Fremdenführer. Sein Hauptarbeitsgebiet ist die Peterskirche mit der Kuppel des Michelangelo. Als auch er von der Vermutung der Mailänder Polizei hörte, wonach Luigi Fasulo deshalb mit seiner Maschine in das Pirelli-Hochhaus flog, weil er auf dramatische Weise seinem Leben ein Ende bereiten wollte, da wurde es ihm, wie er sagt, "ganz komisch". Wie schon nach dem 11. September befürchtet er auch jetzt, dass die Untat von Mailand Nachahmer anregen könnte.

Die Tatsache, dass man von einem Sportflughafen aus mit einer kleinen Maschine über eine Innenstadt fliegen und sich in ein Gebäude stürzen kann, versetzt die Italiener in Angst.

Laxe Kontrollen

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Am Stadtrand Roms befinden sich ungefähr zehn Kleinflughäfen mit zirka 60 Maschinen der Größe und Bauart wie Luigi Fasulo sie benutzte. Eigentlich dürften nur ordentlich eingetragene Piloten eine der Maschinen fliegen, die auch Mitglied in einem der Flugvereine sind. "In Wirklichkeit aber", so ein junger Pilot, der namentlich nicht genannt werden will, "kann hier jeder, der einen Flugschein vorweist, eine Maschine stundenweise mieten, wenn er das geforderte Geld dafür auf den Tisch legt". Das sei, sagt er, "an der Tagesordnung, nicht nur bei uns, sondern auch allen Kleinflughäfen, die ich kenne". Im römischen Rathaus auf dem Kapitolshügeln, mitten im "Centro storico", dem historischen Zentrum, weiß man von diesen verboten Flügen. "Über unserer Innenstadt", so Kulturassessor Gianni Borgna, "fliegen dann und wann Kleinmaschinen mit Touristen oder um Luftaufnahmen zu machen". Die Stadtverwaltung, von deren Fenstern aus der Blick auf das antike Forum Romanum und das Dächer- und Kuppelmeer der barocken Stadt geht, "hat leider keine Möglichkeiten, alle diese Flügel zu kontrollieren". Auch der Papst und Ministerpräsident Berlusconi verfügen über Hubschrauber, "die relativ oft das Stadtzentrum überfliegen". Das kann nicht kontrolliert werden.

"Es wäre ein leichtes", erklärt der Pilot Walter Masini, "eine Maschine zu mieten und sie direkt in den Vatikan knallen zu lassen". Oder auch, so Masini, "in das Stadtzentrum von Florenz oder auf den Markusplatz in Venedig". Obwohl die Regierung nach dem 11. September großspurig verkündete, dass die Luftwaffe das Überflugverbot für italienische Großstädte kontrolliere, so der Hobbypilot, "geschieht in Wirklichkeit gar nichts".

Auf Nachfrage im Verteidigungsministerium erfährt man, dass die Luftwaffe nach wie vor über eventuelle Verletzungen des Flugverbots wache. Allerdings würden nur große Passagierflugzeuge kontrolliert, nicht aber Maschinen des Typs wie diejenige, die Fasulo in den "Pirellone" - so nennen die Italiener das Gebäude - fliegen ließ. Weite Teile der italienischen Bevölkerung befürchten weitere Selbstmorde nach Art Fasulos. Psychologen wie Rafaele Cimasi berichten von "vielen Patienten, die seit letzten Donnerstag extrem verstört sind und von Ängsten gepeinigt werden, dass ein Verrückter ein Flugzeug auf ihr Haus, den Kindergarten, wo ihre Kleinen sind, oder auf ihre Arbeitsstelle steuern könnte".

Gesundheitsminister Sirchio spricht von einer "Massenhysterie".

Nachahmer befürchtet Massimo Calli, Germanist an der römischen Universität "La Sapienza". "Wir kennen ja solche Phänomene", erklärt Calli und kommt auf den jungen Werther von Goethe zu sprechen. "Nicht wenige Leser dieses Romans", so der Germanist, "brachten sich nach der Lektüre um". Auch die Nationale Vereinigung der Psychologen schließt einen Imitationseffekt nicht aus.

"Von vielen manisch-depressiven Patienten wissen wir", meint der römische Psychologe Rafaele Cimasi, "dass sie auf ein Zeichen warten, das ihnen den Anstoß dazu gibt, ihrem Leben ein Ende zu setzen". Ein so "spektakuläres Ereignis wie das von Mailand", glaubt er, "könnte im Kopf von so machen psychisch Kranken etwas auslösen, etwas in Bewegung setzen". Cimasi findet die Idee von Ignazio La Russa, Abgeordneter der rechten Partei Alleanza Nazionale, deshalb gar nicht so verwegen, alle italienischen Kleinflughäfen künftig besser zu kontrollieren.

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