Welt : Flugzeugunglück in Südkorea: Vertrauen ist gut, Selbstkontrolle noch besser

Rainer W. During

Dass etwas nicht zu stimmen schien, hatten die Passagiere am ungewöhnlichen Flugverhalten des Großraumjets schon bemerkt, als sie von der Besatzung auf die bevorstehende Notlandung hingewiesen wurden. Als die Stewardessen kurz vor dem Start die Sicherheitshinweise gegeben haben, hat kaum einer der Reisenden zugehört oder gar aufgeblickt. Jetzt suchen 200 verschreckte Augenpaare hektisch nach dem besten Fluchtweg. Manch einer erliegt der Versuchung, den Sicherheitsgurt zu lösen, um später als Erster am Notausgang zu sein. Ein Fehler, der bei der Wucht des Aufpralls die Überlebenschancen drastisch verringern kann.

Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, eine Bruchlandung zu überstehen, gar nicht so schlecht. Lediglich bei Abstürzen aus großer Höhe gibt es keine Überlebensmöglichkeit. Die meisten Flugzeugunfälle ereignen sich aber beim Start oder bei der Landung, somit in Bodennähe. Hier kann das disziplinierte Verhalten der Insassen über das eigene Leben ebenso wie das anderer Fluggäste entscheiden.

"Wer in Panik gerät macht Sachen, die er bei kontrolliertem Verhalten nicht tun würde", sagt Thomas Kärger, Vorsitzender des Piloten Controller Clubs Berlin. Am Schlimmsten sei es, wenn Passagiere Mitreisende vor ihnen niedertrampeln, um selbst schneller den Ausgang zu erreichen, so der Boeing 767-Flugkapitän. Jeder Passagier sollte angeschnallt bleiben und sich an der Rückenlehne des Vordersitzes abstützen, wie es in den Karten mit den Sicherheitshinweisen gezeigt wird. Erst nach dem Stillstand der Maschine gilt es, den Gurt schnellstmöglich zu lösen und - wenn es die Situation noch zulässt - die Maschine nach den Vorgaben der Besatzung zu verlassen.

Auch Peter Jacobus, Sprecher der Unabhängigen Flugbegleiter Organisation, wünscht sich, dass die Reisenden in einer Notsituation "Ruhe bewahren und die Anweisungen der Crew befolgen". Die will auch Überleben und ist im Gegensatz zu den Fluggästen für solche Fälle trainiert. Doch auch Jacobus weiß, wie sich der normale Passagier verhält: "Der Mensch will raus".

Weil jeder Unfall anders verläuft, gibt es den sichersten Platz im Flugzeug nicht. Als Passagier wählt Thomas Kärger möglichst einen Platz ganz vorne oder ganz hinten. "Kommt es zu einer Explosion der Treibstofftanks in den Tragflächen, während die Maschine über den Boden schliddert, breitet sich das Feuer nach hinten aus." Und das Heck mit den letzten Sitzreihen breche oft beim ersten Aufprall ab und kommt bereits lange vor dem Rest des Flugzeugs zum Liegen. Folglich muss ein Sitz in der Nähe der meist zur Mitte der Kabine hin liegenden Notausgänge nicht unbedingt der sicherste sein. Bei einer Notwasserung hingegen biete sich gerade hier die beste Möglichkeit, in die aufblasbaren Rettungsflöße zu gelangen. So hat Peter Jacobus wegen dem individuellen Verlauf überlebbarer Flugzeugunfälle keinen Lieblingsplatz.

Wegen der starken Qualmentwicklung bei einem Brand raten Experten den Passagieren, vorsorglich bei jedem Flug die Reihen bis zum Notausgang zu zählen. Weil die giftigen Rauchgase zuerst nach oben steigen, sollte der Weg dorthin am Boden kriechend zurückgelegt werden. Die in jedem Flugzeug vorgeschriebenen Leuchtstreifen am Kabinenboden sind dabei eine Orientierungshilfe.

Im Gegensatz zu Schwimmwesten gehören Rauchschutzmasken bisher nicht zur vorgeschriebenen Sicherheitsausstattung von Flugzeugen, können aber von besorgten Reisenden im Fachhandel erworben werden.

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