Welt : Flut der Liebe

Es gibt nichts Schöneres als einen Spaziergang in Venedig – Hand in Hand, wenn langsam das Wasser steigt

Andreas Oswald

Eines schönen Sonnentages läuft ein Liebespaar durch Venedig, die Frau mit verträumten Augen und der Mann ganz benebelt von ihren Blicken. Sie trägt Prada-Schuhe, er Schuhwerk aus Pferdeleder. Aber daran denken die beiden nicht. Noch nicht. Sie sprechen einen Gondoliere an. Der wirkt gehetzt, bittet die beiden, sich schnell für eine der Routen zu entscheiden. Dieser Mann wird wohl kaum die richtige Atmosphäre schaffen, denkt das Paar und läuft weiter. Wenige Minuten später kommen die ersten Gondeln nicht mehr unter niedrigen Brücken durch.

Das Wasser steigt.

Also weiter durch die Gassen bummeln. Am Canale Grande haben Restaurants Tische ans Ufer gestellt, wo Gäste zu Abend essen. Das Wasser steigt weiter. Den ersten Gästen werden die Füße nass. Das Paar lacht. Biegt in eine Gasse. Nach mehreren Ecken ist Stopp. In einer Quergasse steht das Wasser zwei Zentimeter hoch. Also umkehren. Nach wenigen Metern kommt auch hier das Wasser entgegen. „Meine Pferdeleder-Schuhe halten das ohne Probleme aus“, sagt der Mann. Die Frau zieht ihre Schuhe aus. Wie andere Passanten auch. Der Mann gibt klein bei, tut es allen nach. Da kommen die ersten Venezianer entgegen – im Anzug und in kurzen Gummistiefeln. Die haben sie immer im Büro bereitstehen für den Fall, dass sie sie für den Nachhauseweg brauchen. Die Venezianerinnen tragen Gummistiefel, die aussehen als wären sie von Prada. Daran hätte man denken müssen, das wäre es gewesen. Ganz lässig Prada-Gummistiefel anziehen, wenn das Wasser steigt.

Es beginnt zu tropfen. Dann zu regnen. Dann zu schütten. Das Wasser steigt bis zu den Waden. Das Paar ist bester Laune. In den Restaurants sitzen Gäste seelenruhig an den Tischen, bis zu den Knien im Wasser. Ein Stück Weißbrot schwimmt vorbei. Das Paar lacht und watet weiter. Plötzlich fühlt sich das Wasser körperwarm an und sieht auch nicht mehr ganz sauber aus, aber zwei Schritte weiter wird es wieder kühler und klarer. Die vielen Schuhgeschäfte und anderen Läden haben Wassersperren in den Eingang geklemmt, sie kennen das.

Es kommen die ersten Venezianer entgegen, die lange Gummistiefel anhaben. Anglerstiefel, die bis unter den Schritt gehen. Das Paar lacht. Soweit wird es nicht kommen.

Eine Viertelstunde später ist es soweit. Das Wasser steht bis zum Schritt. Ein neu ankommender Reisender denkt weniger an seinen Anzug aus edlem Tuch. Er trägt zwei schwere, edle Lederkoffer und kann sie nur mühsam über Wasser halten. Er nimmt es mit Humor. Wenige Meter hinter ihm kauert seine mutmaßliche Frau in einem Designer-Kostüm auf einer etwas erhöhten Treppe und hält ihr Baby im Arm. Stillt es. Sie weiß nicht, ob sie lachen soll oder weinen, da waten schon zwei Pagen eines etwas besseren Hotels herbei, um ihr zu helfen.

Der Markusplatz steht einen Meter unter Wasser. „Nicht quer über den Platz laufen“, sagt der Mann. „Wenn ein Blitz einschlägt.“ So etwas darf ein Mann nicht sagen. Der Frau solche Angst zu machen. „Diese Gasse ist viel schöner.“ Das Paar erreicht einen etwas höher gelegenen Teil der Stadt. Dort steht ein schönes Hotel. Triefend nass und bester Laune läuft das Paar über den Teppich auf die Veranda, lässt sich in die Sessel fallen und bestellt einen Aperitivo della Casa.

Am Nebentisch sitzt eine amerikanische Studentin in ähnlichem Zustand schweigend mit ihrem Freund. Dann sagt sie trocken: „This was not in the books.“

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