Forschung : Piranhas - eigentlich ganz lieb

Anders als bisher vermutet, haben die bisher so gefürchteten Fische Angst vor uns - sagen Forscher.

Dagny Lüdemann
Piranhas
Piranhas im Sea World Park in Jakarta. -Foto: AFP

LondonPiranhas sind gar nicht so aggressiv, wie alle denken. In Wirklichkeit rotten sich die Fische vor allem deshalb zusammen, um sich vor ihren Fressfeinden zu schützen - und nicht, um große Beutetiere zu zerfleischen und bis auf die Knochen abzunagen. Das jedenfalls sagen schottische und brasilianische Forscher über den berüchtigten Roten Piranha, der in den weit gefächerten Flüssen des Amazonas lebt, wo das Wasser um die 25 Grad Celsius warm ist.

Auf der Summer Science Exhibition in London, einer Ausstellung, bei der die Royal Society jedes Jahr Forschungsergebnisse aus Großbritannien vorstellt, zeigen die Wissenschaftler bis Donnerstag, warum die als Menschenfresser verschrienen Fische, die zu den Salmlern gehören, mit ihren knapp 30 rasierklingenscharfen Zähnen eigentlich ganz lieb sind.

Allesfresser ohne Anführer

"Piranhas sind keine richtigen Raubfische, sondern Allesfresser", sagte Anne Magurran von der St. Andrews Universität in Schottland dem Tagesspiegel. Die Fische ernähren sich nicht von großen Säugetieren, die sie angreifen, nachdem diese in den Fluss gefallen sind, sondern sie bevorzugen "Aas, andere Fische, Pflanzen und Insekten".

Gemeinsam mit Kollegen vom Mamiraua-Institut in Brasilien untersuchte die Biologin das Verhalten der Piranhas in ihrem natürlichen Lebensraum in einem Amazonas-Reservat. Die Fische wurden während der Experimente in Tanks gehalten und danach wieder frei gelassen. Einige ihrer Versuchstiere statteten die Forscher mit Sendern aus, um zu verfolgen, in welchen Schwärmen sie leben. "Dabei fanden wir heraus, dass die Gruppen nicht sehr beständig sind und die erwachsenen Fische meistens innen schwimmen, während sich die jüngeren außen aufhalten", erläuterte Magurran dieser Zeitung. Einen Anführerfisch gibt es in einem Piranha-Schwarm nicht. Bei der Suche nach Futter sind es häufig die jüngeren Tiere, die sich aus der schützenden Gruppe herauswagen und nach Beute schnappen. "Die älteren Fische brauchen weniger Nahrung", erklärte Magurran. Deshalb verharren die größeren Tiere in der Mitte des Schwarms, wo sie vor Räubern sicher sind und vorbeischwimmende Reste fressen können. Häufig kämpfen Piranhas aber auch um Beutestücke, wobei sie sich mit ihren scharfen Zähnen leicht gegenseitig verletzten. In Anpassung daran haben sie eine außergewöhnlich schnelle Wundheilung.

Größere Schwärme bei stärkerer Bedrohung

Die Forscher beobachteten außerdem, dass die Tiere sich zu größeren Schwärmen zusammentun, wenn sie stärker von Fressfeinden bedroht sind. Im Amazonas variiert der Wasserstand in den Flüssen um zwölf Meter - je nachdem, ob gerade Regenzeit ist und Schmelzwasser von den Anden den Pegel ansteigen lässt. "Ist das Wasser flach, verdichtet sich die Population und die Piranhas finden sich plötzlich auf engstem Raum mit ihren Feinden wieder", sagte Magurran. In dieser Zeit halten sie sich am liebsten in Schwärmen von 50 bis zu 100 Fischen auf. Ist der Wasserstand höher und die Gefahr geringer, schwimmen die Piranhas auch unbesorgt zu zehnt durch die Flussarme des Amazonas.

Vor allem der Piracuru - einer der größten Fische der Welt, der bis zu drei Meter lang werden kann - ernährt sich von den nur etwa 30 Zentimeter langen Piranhas. Auch Kaimane, Flussdelfine und Kormorane fressen die Salmler, die ihren Namen - der so viel wie Teufelsfisch oder Zahnfisch bedeutet - von dem südamerikanischen Indianerstamm Guarani bekamen.

James-Bond-Film ist schuld am Klischee

"Würde man seine Hand in den Amazonas halten, wäre das relativ ungefährlich", sagte Anne Magurran. Die scharfen Zähne der Fische seien aber trotzdem nicht zu unterschätzen. Wer verwundet sei, könne möglicherweise doch einen Schwarm anlocken und gebissen werden. "Normalerweise sind die Tiere scheu und Menschen gehören nicht auf ihren Speiseplan", erklärte die Forscherin. Das schlechte Image verdanken die Piranhas vor allem dem James-Bond-Film "Man lebt nur zweimal" (1967), in dem Bösewicht Blofeld seine Feinde von einer elektronischen Klappbrücke in ein Piranha-Becken stürzen lässt.

Dank der neuen Erkenntnisse vom Amazonas können auch die Menschen an der Erft aufatmen, einem Rhein-Nebenfluss in Nordrhein-Westfalen. Dort wurden Anfang des Jahres nämlich tropische Piranhas aus dem Wasser gefischt. Die Tiere waren vermutlich von Aquaristen ausgesetzt worden und hatten in dem durch Industrieabwässer aufgeheizten Wasser einen neuen Lebensraum gefunden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar