Fotografie : Kein schöner Land

Ein verblüffender Blick auf die USA: Alex MacLean dokumentiert aus der Luft, wie Städte sich in die Natur fressen.

Interview: Björn Rosen
Dracut
Dracut, Massachusetts. Lagerräume, die von Privatleuten gemietet werden können. -Foto: Alex MacLean, Courtesy Schirmer/Mosel Verlag

Mr. MacLean, Sie sind immer wieder über die USA geflogen und haben dabei faszinierende Fotos geschossen – von Landschaften, Städten und Stadtlandschaften. Was haben Sie durch den Blick von oben besser verstehen können?



Vor allem, wie ungebremst sich der Mensch ausbreitet und dass er die Natur immer stärker in Besitz nimmt. Auf dem Boden bekommen Sie gar keinen Eindruck davon! Viele Siedlungen, die ich fotografiert habe, gab es vor 20 Jahren noch nicht – ich weiß, wovon ich spreche, ich besitze meinen Pilotenschein seit 1972. Der Trend geht dahin, dass die Häuser immer weiter auseinander stehen und immer größer werden.

Zwischen 1970 und 2005 habe sich die Fläche des durchschnittlichen amerikanischen Hauses verdoppelt, schreiben Sie.

Erschreckend, oder? Die Zahl gibt eine Ahnung davon, in welchem Ausmaß wir Energie und Ressourcen verschwenden. Erst aus der Vogelperspektive bemerkt man auch, wie viele Häuser am Wasser errichtet wurden – und wie verletzlich diese Siedlungen bei einem Anstieg des Meeresspiegels wären. Deiche mögen beruhigend wirken. Aber sobald Sie aus dem Flugzeug die gewaltige Kulisse des Ozeans dahinter sehen, merken Sie, dass die vor gar nichts schützen.

Over -Luftaufnahmen von Alex MacLean
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1 von 9Foto: Alex MacLean, courtesy Schirmer/Mosel Verlag
01.12.2009 17:06Miami Beach, Florida. Die "Venetian Islands" ragen ins Meer. -


Aus welcher Höhe machen Sie Ihre Fotos?



Aus 300 bis 600 Metern. Manchmal bin ich sogar auf 150 Meter runtergegangen. Ich habe mir vor ein paar Jahren ein neues Ultraleichtflugzeug gekauft, mit dem ich schnell fliegen, aber auch langsam über der Landschaft schweben kann.

Auffallend viele Fotos in Ihrem Buch „Over“ wurden im Südwesten der USA aufgenommen. Warum?

In Arizona oder Nevada ist es warm und die Grundstücke sind billig. Deshalb ziehen dort viele Leute hin. Weil die neuen Siedlungen aber oft in Trockengebieten liegen, muss aufwendig Wasser herbeigeschafft werden. Auf meinen Bildern kann man auch erkennen, wie wenig Mühe sich die Planer geben. Die denken gar nicht an Parks oder daran, wie weit die nächste Schule entfernt ist und wie man sie erreichen kann. Kinder, die in solchen Siedlungen aufwachsen, sind sozial isoliert. Ihre Eltern müssen sie überall hinfahren – selbst wenn sie nur einen Freund besuchen wollen.

Seit über einem halben Jahrhundert verlassen die Menschen die großen Städte, ziehen ins Umland und noch weiter hinaus. Das Auto, mit dem man pendeln kann, macht’s möglich. Die Suburbanisierung ist kein rein amerikanisches Phänomen.

In den USA ist die Zersiedlung der Landschaft aber besonders stark ausgeprägt. Unter anderem weil es hier so viel billiges Land gibt. Ich beobachte seit 35 Jahren das unaufhörliche Wachstum des amerikanischen Straßennetzes – und wie Highways selbst in den Städten Barrieren bilden, die es unmöglich machen, sich zu Fuß fortzubewegen. Wir Amerikaner mögen es, unabhängig zu sein, unser eigenes Haus zu besitzen. Aber in Wahrheit sind wir hochgradig abhängig – vom Auto.

Auf Ihren Bildern erkennt man fast nie Menschen, dafür umso mehr Asphalt. Etwa auf dem Foto, das eine Kirche in Spinnerstown, New York, zeigt. Drum herum gibt es lauter Parkplätze. Sie sind alle ...

... leer. Ja, fast surreal. Der Parkplatz wird nur genutzt, wenn Gottesdienst ist. Also zwei Stunden in der Woche.

Besteht die Lösung in einer Rückkehr in die großen Städte?

Zumindest leben die Menschen dort enger zusammen, was Energie spart und öffentlichen Nahverkehr möglich macht. Es kommt darauf an, die Städte attraktiver zu machen, mit besseren Schulen, Parks und mehr Freiflächen.

Am Dienstag haben Sie in München den Corine-Buchpreis erhalten. Glauben Sie, dass „Over“ helfen kann, die Leute zum Umdenken zu bewegen?

Das Buch verkauft sich in Europa besser als in den USA. Der Al-Gore-Film über den Klimawandel hatte einen treffenden Titel: „Eine unbequeme Wahrheit“. Das Schmelzen der Polkappen, die zunehmende Zahl tropischer Stürme – das alles zeigt, dass wir handeln müssen. Werden wir auf Bildung, Veränderung setzen oder weiter nur auf ökonomisches Wachstum und gedankenlosen Konsum?

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