Fotoprojekt : Die Waffen der Frauen

In den USA ist er ein Mythos: der Mann mit Knarre. Dabei haben auch schon 20 Millionen Frauen Gewehr oder Colt. Eine Fotografin hat sie gesucht und porträtiert.

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Weil ihr Vater Jäger ist, interessierte sich Rachel früh fürs Schießen. Hier hält sie eine Selbstladebüchse Ruger 10/22. Ihr Lieblingsgewehr ist die Savage .250 - damit hat sie ihren ersten Elch erlegt.Alle Bilder anzeigen
Foto: Lindsay McCrum
21.11.2011 11:11Weil ihr Vater Jäger ist, interessierte sich Rachel früh fürs Schießen. Hier hält sie eine Selbstladebüchse Ruger 10/22. Ihr...

Einige Frauen hatten Angst, von der Fotografin getäuscht zu werden. Unter falschen Vorgaben vor die Kamera gelockt zu werden und am Ende als Witzfigur oder Fanatikerin dazustehen. Lindsay McCrum hat sie alle mit dem selben Argument beruhigt: „Wenn ich wirklich jemanden hereinlegen wollte, würde ich mir dann ausgerechnet eine Gruppe Bewaffneter aussuchen?“

Wenn in den USA über die Verbreitung von Pistolen und Gewehren diskutiert wird, entsteht leicht der Eindruck, das Tragen von Schusswaffen sei eine rein männliche Angelegenheit. Das täuscht. Laut einer Studie besitzen bereits bis zu 20 Millionen US-Amerikanerinnen eine Schusswaffe, das ist jede achte. Lindsay McCrum, Porträtfotografin aus San Francisco, wollte diesen Frauen ein Gesicht geben: Dreieinhalb Jahre reiste sie durchs Land, traf Sportschützinnen, Jägerinnen, Polizistinnen – und solche, die sich im Notfall selbst verteidigen wollen. Denn genau dies ist das Hauptargument der Waffenbefürworter: Jeden Tag würden 500 Vergewaltigungen verhindert, weil die betroffene Frau eine Waffe mit sich führe, heißt es. Die Kritiker antworten mit einer anderen Statistik: Das Risiko einer Frau, zu Hause ermordet zu werden, steigt um 340 Prozent, sobald sie eine Schusswaffe in ihrer Wohnung lagert.

Lindsay McCrum will sich nicht an der Debatte beteiligen, will weder verherrlichen, noch verdammen, bloß zeigen. Für ihren gerade erschienenen Fotoband „Chicks with Guns“ (The Vendome Press, 167 Seiten, 29,95 Euro) bat sie die Porträtierten, mit eigenen Worten aufzuschreiben, was ihnen Waffen bedeuten. Sie berichteten vom Reiz der Vogeljagd, von nützlichen Zielfernrohren und Glückstreffern beim Dosenschießen. Keine einzige schrieb, ob sie die Waffe schon mal gegen einen Menschen gerichtet hat.

Der Verkauf von Gewehren und Pistolen an Frauen steigt jährlich um 70 Prozent. Die Industrie hat sich auf die neue Zielgruppe eingestellt, bringt Sondermodelle mit vermindertem Rückstoß und blumenverziertem Gehäuse auf den Markt, dazu Handtaschen mit eingenähtem Pistolenhalfter. Der Lobbyverband „National Rifle Association“ (NRA) veranstaltet Jagdausflüge speziell für Frauen, Schießplätze laden zur Ladies’ Night. Zentralorgan der Bewegung ist die Fachzeitschrift „Women & Guns“. In ihrer aktuellen Ausgabe bietet sie Nachladetipps für Anfängerinnen.

In der Kommode neben ihrem Bett bewahrt Liz diese Beretta 96G auf - geladen und entsichert. Hätte sie Kinder, würde sie das nicht machen, sagt sie.
In der Kommode neben ihrem Bett bewahrt Liz diese Beretta 96G auf - geladen und entsichert. Hätte sie Kinder, würde sie das nicht...Foto: Lindsay McCrum

Die Idee zum Projekt kam Lindsay McCrum im Frühjahr 2006, kurz nach dem Jagdunfall von Dick Cheney: Auf einer Ranch in Texas hatte der damalige Vizepräsident eine Wachtel erschießen wollen, aus Versehen aber seinen 78-jährigen Begleiter in Wange und Brustkorb getroffen. Die Reaktionen auf ihre Fotos waren bis jetzt sehr unterschiedlich, sagt McCrum. Während befreundete Fotografen ihr zunächst „fehlgeleitete Kreativität“ vorwarfen, werde „Chicks with Guns“ in New York inzwischen großteils als Kunstbuch verstanden. In anderen Regionen wird der Bildband dagegen eher als Liebeserklärung an das Grundrecht auf Waffenbesitz gefeiert. In Texas gab es schon drei Signierstunden.

Die Fotografin hat auf ihren Reisen zwei Dinge gelernt. Erstens: Keiner ist beim Thema Schießen neutral. Zweitens: Außerhalb der demokratischen Hochburgen besitzt praktisch jeder Haushalt eine Waffe. McCrum selbst hat übrigens keine. Das bleibt wohl auch so, sagt sie.

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