Welt : Fragen Sie Dave Brubeck

Er war der populärste Jazzmusiker seiner Zeit: Zum Tod des großen Pianisten.

Christian Broecking
Im Block. Von seinem Partner Paul Desmond geschrieben, wurde der Song zu Dave Brubecks Lebensmelodie. Foto: Promo
Im Block. Von seinem Partner Paul Desmond geschrieben, wurde der Song zu Dave Brubecks Lebensmelodie. Foto: Promo

Das Publikum blieb ihm treu, bis zum Schluss. Den Beweis dafür bieten die Leser des amerikanischen „Down Beat“, des einflussreichsten Jazzmagazins weltweit. Sie wählten in einer aktuellen Umfrage das Dave Brubeck Quartet zur besten Jazzband des Jahres, und das, obwohl ein Konzert schon lange nicht mehr stattgefunden hatte.

Der Ruhm dieser Band und ihres Bandleaders überstrahlt schon lange dessen irdische Existenz. Dave Brubeck war einer der populärsten Musiker ever. Und das auch noch mit Jazz, dieser Musik der Unzufriedenen. Und das auch noch nur wegen eines einzigen Songs. „Take Five“ hieß der, und er hatte ihn gar nicht geschrieben, sondern Paul Desmond, der Saxophonist, der ihm beinahe 20 Jahre mit der Grazilität eines aufsteigenden Zigarettenrauchs zur Seite stand. Das markante Piano-Riff im 5/4-Takt, darüber die eigenartig hingekrakelte Melodielinie, die in den melancholisch hingehauchten Tönen Desmonds ihre unvergleichliche Vollendung fand, gaben einer Epoche des Jazz die Signatur, als die vielleicht am Klassischsten war.

1959 war das. In diesem Wunderjahr des modernen Jazz gelang Brubeck der große Wurf. Einige der einflussreichsten Alben der Jazzgeschichte wurden fast zeitgleich aufgenommen, darunter Miles Davis’ „Kind of Blue“, Charles Mingus’ „Ah Um“, Ornette Colemans „The Shape Of Jazz To Come“, John Coltranes „Giant Steps“ und Dave Brubecks „Time Out“. Die darauf enthaltenen Stücke „Take Five“ und „Blue Rondo a la Turk“ – im 9/8-Takt – werden zum unerwarteten Durchbruch.

Die Jazzkritik hatte zunächst reserviert auf den europäischen Modernismus des Brubeck-Quartetts reagiert. War dieser Mann aus Concord, Kalifornien doch vor allem einer gewesen, der Jazzstandards interpretierte. Erst mit ungewöhnlichen Taktmustern und Blockakkorden avancierte er nun zum experimentierfreudigen Komponisten, der nicht ganz verhehlen konnte, dass er durch Vorlesungen von Arnold Schönberg und den Unterricht bei Darius Milhaud geprägt worden war.

Aufgewachsen ist der stets elegante Kalifornier auf einer Farm und studierte zunächst Tiermedizin. Musik spielt zwar schon früh eine Rolle im Hause Brubeck, aber sie bleibt auch unerreichbar. Als Jugendlicher träumt er davon, dass die von ihm gehüteten Tiere den Tourbus des Benny-Goodman-Orchesters stoppen würden, damit er ihm vorspielen könne. 1951 gründet er mit dem Saxofonisten Paul Desmond eine Band, die als das langlebigste Ensemble des modernen Jazz Geschichte schreiben sollte – das Dave Brubeck Quartet.

Am 8. November 1954 prangt sein Porträt auf dem Cover des „Time Magazine“. Das hatte zuvor nur Louis Armstrong geschafft. Es ist deshalb vielleicht kein Zufall, dass der Trompeter Wynton Marsalis sehr viel später Brubeck in seiner Autobiografie nur einmal erwähnt. An einer Stelle, an der er sich mit der Ungerechtigkeit befasst, dass weiße Musiker zum „König“ einer Sache gemacht werden, die eigentlich schwarz ist. Das schade denen ebenfalls, meint Marsalis, „denn mit ihrer Musik wollten sie zu einem Amerika gehören. Die Musik gab ihnen eine Vorstellung, wie positiv das sein würde, fragen sie Dave Brubeck.“

Ende der 50er Jahre gerät Brubeck mit der Rassentrennung in Konflikt und sagt Konzerte und Fernsehaufzeichnungen ab, weil er seinen afroamerikanischen Bassisten Eugene Wright nicht durch einen weißen Musiker ersetzen will. Seine sozial engagierte Komposition „The Real Ambassador“ mit Louis Armstrong wird 1961 veröffentlicht.

Brubeck erhielt so viele Auszeichnungen, dass man sie gar nicht aufzählen kann. Wie sehr er sich etwa mit seinen geistlichen Werken wie der Messe „To Hope! A Celebration“ verschiedensten Einflüssen öffnete, gerät dabei in Vergessenheit. Ihm schwebte nicht nur die Vereinigung von Klassik und Jazz vor, ihn bewegte die Einheit des Menschen mit seiner Umwelt. Am 5. Dezember ist Dave Brubeck in Connecticut an Herzversagen gestorben. Heute wäre er 92 Jahre alt geworden.

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