Frankreich : Albert Camus und der eitle Präsident

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy will den toten Literaturnobelpreisträger mit großem Pomp in den Panthéon überführen – der hätte das aber nie gewollt.

Hans-Hagen Bremer[Paris]

Eine schlichte Platte aus dem Kalkstein der Provence ziert das von Lavendelbüschen umgebene Grab im Schatten einer hundertjährigen Zypresse. „Albert Camus 1913–1960“ lautet die Inschrift. Auf dem Friedhof von Lourmarin im südfranzösischen Luberon, dem Ort, der ihn mit seinen sanften Hügeln, seinem hellen Licht und den würzigen Düften zu Lebzeiten an seine Heimat Algerien erinnerte, hatte der Philosoph, Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger nach einem tödlichen Autounfall am 4. Januar 1960 seine letzte Ruhestätte gefunden. Nun soll es mit dem stillen Grab ein Ende haben.

Zum 50. Todestag des Autors von „Der Mythos des Sisyphus“, „Der Fremde“ oder „Die Pest“ will Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy dessen Gebeine in den Pariser Ruhmestempel Panthéon überführen lassen. Schon kurz nach seiner Wahl vor zweieinhalb Jahren hatte er im Kreis von geladenen Gästen seine Bewunderung für Camus in schwärmerische Worte gefasst. Wenn er an ihn denke, den einzigen wirklichen Nonkonformisten im Vergleich zu all den Intellektuellen des Quartier Latin, dann überkomme ihn Wehmut, dass er nicht auch in Algerien geboren sei.

Jetzt soll der Bewunderung die Tat folgen. Über eine Elysee-Beraterin nahm Sarkozy Kontakt zu den Nachkommen Camus’ auf. Doch noch bevor die Tochter Catherine, die im Dezember ein Buch über ihren Vater herausbringt, und deren Bruder Jean, der die Rechte an dessen Werk verwaltet, ihre Zustimmung geben konnten, wurde die Absicht des Präsidenten durch eine Zeitung bekannt. Das führte sofort zu einer für die Pariser Szene typischen Polemik. Sie richtet sich nicht gegen Camus, sondern gegen die Idee des Präsidenten.

Aus Ehrungen habe sich Camus nie etwas gemacht, schreibt „Le Monde“: „In Lourmarin ist er zu Hause. In Paris, das er nicht mochte, wäre er in dem republikanischen Mausoleum mit seinen Kolonnaden, Kuppeln und akademischen Fresken ein Fremder.“ Wenn es jemand verdiene, im Panthéon zu ruhen, dann sei es natürlich ein Schriftsteller, Denker und Citoyen wie Camus, gibt Jean-Yves Guérin, Literaturprofessor und Herausgeber eines zum 50. Todestag des Dichters erscheinenden „Dictionnaire Albert Camus“, zu. Aber es sei eben Lourmarin, der Ort, der ihn fern von Paris, seinen Palästen und Eliten aufgenommen hatte, den er zu seiner letzten Ruhestätte bestimmt habe: „Lassen wir ihn dort.“

„Den großen Männern – das dankbare Vaterland“ lautet die Inschrift über dem Eingang zu dem mächtigen Panthéon im V. Pariser Arrondissement, ein ehemaliges Kirchengebäude, das die revolutionäre Versammlung 1791 in eine republikanische Weihestätte umfunktionierte. Dort liegen unter anderem Voltaire, Rousseau, der Résistance-Held Jean Moulin und – als einzige Frau – die Wissenschaftlerin Marie Curie.

Immer erwies sich die „Panthéonisierung“, wie diese weltliche Heiligsprechung großer Verstorbener genannt wird, als ein wirkungsvolles Staatsschauspiel der jeweils Regierenden. Gleich fünfmal ließ François Mitterrand den republikanischen Totenkult mit flatternder Trikolore, dumpfem Trommelwirbel, Marseillaise und pathetischen Reden zelebrieren. Sein Nachfolger Jacques Chirac brachte es auf zwei Inszenierungen.

Dem will Sarkozy jetzt nacheifern. Camus’ Biograf, der Philosoph Olivier Todd, meint, dass es dem Präsidenten nicht allein um eine Geste für das literarische Genie geht. Sarkozy wolle vielmehr den Autor politisch „instrumentalisieren“, um sein lädiertes Image aufzupolieren, befürchtet er. Auch andere Kommentatoren attestieren dem Präsidenten Hintergedanken. Auch Camus’ Sohn Jean scheint von dem noblen Motiv des Präsidenten nicht überzeugt. Die geplanter Ehrung seines Vaters sei ein „Widersinn“, ließ er verlauten. Da befielen auch seine Schwester Catherine Zweifel. Im Elysee-Palast hat man die Hoffnung noch nicht aufgegeben, die Zustimmung doch noch zu erhalten: „Aber wenn sie nicht wollen, können wir nichts machen.“

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