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Frankreich: Ermittlungen in Brétigny-sur-Orge : Defektes Teil an Weiche verursachte vermutlich Zugunglück

Ein defektes Teil an einer Weiche verursachte vermutlich das schwere Zugunglück im französischen Brétigny-sur-Orge mit mindestens sechs Toten. Es wurde tausendfach im ganzen Land im Schienennetz verbaut.

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Ein Großaufgebot an Helfern suchte am Freitag im Bahnhof von Brétigny-sur-Orge im Departement Essonne nach Verunglückten. Foto: AFPAlle Bilder anzeigen
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13.07.2013 11:13Ein Großaufgebot an Helfern suchte am Freitag im Bahnhof von Brétigny-sur-Orge im Departement Essonne nach Verunglückten.

Ein defektes Verbindungsteil an einer Weiche war vermutlich die Ursache des schweren Zugunglücks bei Paris. Das Stahlelement hätte eigentlich zwei Schienenteile zusammenhalten sollen, erklärte ein Bahnverantwortlicher am Samstag auf einer Pressekonferenz. Es habe sich aus noch ungeklärter Ursache gelöst.

Nun sollen schnellstmöglich alle vergleichbaren Verbindungsteile im französischen Schienennetz überprüft werden, es sollen rund 5000 sein.

Nach Angaben der Bahngesellschaft SNCF verhinderte der Lokführer des entgleisten Intercity durch seine schnelle Reaktionen eine noch größere Katastrophe. Als er Stöße spürte, habe er sofort Notsignale gesendet, erklärte SNCF-Sicherheitschef Alain Krakovitch auf einer Pressekonferenz in der Nacht zum Samstag in Paris. Dadurch hätten andere Züge gestoppt und „ein oder mehrere Zusammenstöße“ verhindert werden können. „Der Zugführer steht völlig unter Schock“, sagte Krakovitch.

An den Bergungsarbeiten waren nach Regierungsangaben Hunderte Rettungskräfte und mehrere Hubschrauber beteiligt. Spezialkräfte suchten auch in der Nacht noch nach möglichen weiteren Todesopfern.
Innenminister Manuel Valls hatte am frühen Abend gesagt, es sei wahrscheinlich, dass sich die Opferbilanz weiter verschlimmere. In der Nacht gab es dafür aber zunächst keine Anzeichen mehr.

Das Unglück hatte sich eine Viertelstunde nach Abfahrt des vollbesetzten Intercity-Zuges Paris-Limoges aus dem Bahnhof Paris-Austerlitz um 17.14 Uhr in Bretigny-sur-Orge im Departement Essonne ereignet. Die Waggons Drei und Vier des Zuges sprangen aus den Gleisen und rissen die nachfolgenden Waggons mit sich, während der vordere Teil des Zuges weiterraste. Der entgleiste Teil des Zuges legte sich auf die Seite und krachte auf den Bahnsteig. Mehrere Waggons schoben sich ineinander.

Den Rettungskräften von Feuerwehr und Polizei bot sich ein Bild des Grauens. Der Bürgermeister von Bretigny, Bernard Deacaux, sprach von einem „apokalyptischen Anblick“. Reisende, die sich aus den Trümmern selbst befreien konnten, liefen nach seiner Schilderung „wie wild in alle Richtungen“. Ein Passagier, der sich retten konnte, berichtete, wie er in Panik über einen Passagier, „dem der Kopf abgeschlagen war“, aus dem Waggon kletterte, wo er eingeklemmt war.

Guillaume Pépy, Präsident der französischen Eisenbahn SNCF, nannte das Unglück eine „Katastrophe“. Die Sicherheitskräfte schlossen nicht aus, dass sich die Zahl der Opfer noch erhöhen könnte. Sie vermuteten weitere Tote und Verletzte in den ineinander verkeilten Trümmern des Zuges. Es ist das schwerste Eisenbahnunglück in Frankreich seit 25 Jahren. Staatspräsident Francois Hollande und Verkehrsminister Frédéric Cuvillier begaben sich noch am Abend an den Unglücksort.

Nach Angaben von Bahnchef Pépy wurden noch am Abend Untersuchungen von Polizei, Justiz und Verkehrsministerium eingeleitet. Auf die Frage, ob es auf der Strecke Arbeiten gebe, die zu dem Unglück geführt haben könnten, sagte Pépy, es sei zu früh, über mögliche Ursachen zu sprechen. Er werde sich äußern, sobald Erkenntnisse vorliegen. „Wir sichern völlig Transparenz zu“, erklärte er.

Jean-Paul Huchon, Präsident der Hauptstadtregion Ile-de-France, sprach die Vermutung aus, dass das Unglück auf Verspätungen bei der Modernisierung von Weichen zurückzuführen sei. Entsprechende Arbeiten hätten schon längst stattfinden müssen, sagte er. Pierre Serne, der für das Verkehrswesen zuständige Vizepräsident der Region, wies auf Versäumnisse bei Investitionen hin, die zur Modernisierung dieser viel befahrenen Strecke nötig seien. Der Unterhalt dieser Strecke sei vernachlässigt worden. Er hoffe jedoch, dass dies nicht Ursache der Katastrophe sei. Die Bevorzugung der Strecken für den Hochgeschwindigkeitszug TGV gegenüber den übrigen Eisenbahnlinien gehört zu den ständigen Beschwerden der französischen Verkehrspolitik.

Ineinander verkeilte Waggons, ein völlig verwüsteter Bahnsteig und dazwischen Tote und Verletzte: Für knapp 400 Passagiere eines französischen Intercitys endete die Fahrt ins Wochenende in einer Katastrophe. Ihr Zug entgleiste am Freitag knapp 40 Kilometer nach der Abfahrt in Paris in einem kleinen Bahnhof. Nach der jüngsten Zwischenbilanz kamen mindestens sechs Menschen um Leben. Von den Dutzenden Verletzten schwebten zahlreiche zunächst in Lebensgefahr. Vermutlich werde sich die Opferbilanz noch verschlimmern, sagte Innenminister Manuel Valls am Abend. Hunderte Rettungskräfte waren in Brétigny-sur-Orge im Einsatz, um die Opfer zu bergen. (mit dpa)


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