Frankreich : Kampf im Haus L’Oréal

Die 87-jährige Erbin Liliane Bettencourt verschenkt Milliarden – und einer profitiert von ihrer Großzügigkeit besonders. Ihre Tochter will sie nun entmündigen.

Hans-Hagen Bremer[Paris]
Bettencourt
Noch zurechnungsfähig? Liliane Bettencourt, Francoise Bettencourt-Meyers. -Foto: AFP

Sie ist 87 Jahre alt, unvorstellbar reich und bei klarem Verstand. Niemand zweifelt am Alter von Liliane Bettencourt, auch nicht an dem Milliardenvermögen, das sie von ihrem Vater, dem Gründer des Kosmetikkonzerns L’Oréal, Eugène Schueller, geerbt hat, wenngleich die Schätzungen da schon mal divergieren können. Doch ob die kleingewachsene, zerbrechliche Frau, die zurückgezogen hinter den hohen Mauern ihres Anwesens im Pariser Vorort Neuilly-sur-Seine lebt, noch zurechnungsfähig ist, das ist die Frage. Zu ihrer Klärung bemüht ihre Tochter Francois Bettencourt-Meyers seit zwei Jahren die Justiz. Bisher ohne Erfolg. Jetzt erlebte sie wieder einen Rückschlag. Das Vormundschaftsgericht von Neuilly lehnte ihren Antrag ab, die Mutter unter „gerichtlichen Schutz“ zu stellen.

Anlass des Streits, in dem es um sehr viel Geld, Lebensversicherungen und Kunstschätze geht, ist die Großzügigkeit, mit der die alte Dame ihre Umgebung bedacht hat. So verschwenderisch soll sie mit Geschenken umgegangen sein, dass ihre Tochter dafür nur die eine Erklärung hatte, nämlich die, dass die alte Dame nicht mehr voll über ihre geistigen Kräfte verfüge. Vergangene Woche hatte sie sich deshalb an das Vormundschaftsgericht gewandt. An die Mutter, die mit ihr schon lange kein Wort mehr gewechselt hat, richtete sie außerdem einen Brief, in dem sie der „bewundernswerten Frau“ diesen Schritt zu erklären versuchte. Sie sei besorgt, dass sie sich von ihren „wirklichen Freunden“ isoliert habe, schrieb sie ihr, und dass sie unter dem Einfluss einer „schlechten Umgebung“ stehe. Vornehmer lässt sich die Angst kaum ausdrücken, dass die „liebe Mama“ das ganze Vermögen verschleudern könnte.

Und das ist im Fall der L’Oréal-Erbin in der Tat ein Riesenvermögen. Ihr Vater hatte das Unternehmen 1907 gegründet, über die Kriege gerettet und ihr bei seinem Tod 1957 vererbt. Heute hält sie noch 27,5 Prozent der Anteile. Ihr Vermögen wird auf 13 Milliarden Euro geschätzt. Vor der Krise waren es noch ein paar Milliarden mehr. Aber es ist immer noch so viel, dass Madame Bettencourt als die reichste Frau Frankreichs gilt und laut US-Magazin „Forbes“ zu den reichsten Menschen der Welt zählt. Und es ist auch so viel, dass sie großzügig als Philanthropin wirken kann. Mit ihrem 2007 verstorbenen Mann André Bettencourt, einem früheren Politiker, der unter de Gaulle Minister war, gründete sie die Bettencourt-Schueller-Stiftung, die die medizinische Forschung, den Wohnungsbau für Obdachlose und den Kampf gegen den Analphabetismus fördert und Preise an Künstler und Wissenschaftler vergibt. „Das Vermögen ist ein Glück“, hat sie in einem ihrer seltenen Interviews dem „Figaro“ gesagt, „man muss es nutzen, um anderen die Möglichkeit zu geben, etwas zu schaffen.“

Einer aber hat wohl von ihrer Großzügigkeit besonders profitiert, und zwar, wie die Tochter meint, auf unredliche Weise: der Fotograf, Romancier und Theaterautor Francois-Marie Banier. Bankschecks, Lebensversicherungen und Kunstwerke im Wert von 993 Millionen Euro soll er von ihr erhalten haben. Die Bekanntschaft mit dem heute 62-jährigen Dandy, der mit Salvador Dali, Samuel Becket, Francois Mitterrand oder Federico Fellini Umgang pflegte, reicht bis 1987 zurück. Damals posierte sie zwischen Fellini und Marguerite Duras für ein Magazin vor seiner Kamera.

Danach wurde er öfters in Bettencourts Villa in Neuilly gesehen. Je enger die Beziehung wurde, umso großzügiger wurden die Zuwendungen seiner Gönnerin. Aus den Polizeivernehmungen einer Privatsekretärin, einer medizinischen Betreuerin sowie von Hausangestellten geht hervor, dass die Gaben jedes Mal umso reichlicher ausfielen, je schwächer sich die Spenderin infolge eines vorübergehenden Klinikaufenthalts oder eines anderen Unwohlseins fühlte. Banier habe seine Geldforderungen immer ungeduldiger vorgetragen, zitierte das Magazin „Le Point“ aus den Vernehmungen. Er begleitete sie auch auf ihren Reisen. Bei einem Aufenthalt auf den Seychellen soll er darauf bestanden haben, Pinsel und Farben mit einem Privatflugzeug aus Paris einfliegen zu lassen, um ein besonderes Motiv verewigen zu können.

„Diese Geschenke kommen von einer völlig klar sehenden Frau“, sagte Banier „Le Monde“. Sie sei eine „freie Frau“ und ihm eine „Sponsorin“ gewesen. Es wird wohl nicht das letzte Wort in der Affäre sein. Am heutigen Freitag will ein Gericht in Nanterre bei Paris entscheiden, ob es zu einem Strafprozesse kommt.

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