Frankreich : Prostitution für das Studium

Ihre auswegslose finanzielle Lage treibt eine französische Studentin in die Prostitution. Laura D. ist eine von mehreren tausend junger Frauen, die diesen Schritt wagen um zu überleben. Ihre Erlebnisse schildert die erst 19-Jährige in ihrem Buch "Mein teures Studium".

Kerstin Löffler[AFP]

ParisLaura verkauft ihren Körper nicht, um sich teure Klamotten leisten zu können oder Cafébesuche. "Ich studiere Fremdsprachen und muss mich prostituieren, damit ich mir das Studium leisten kann", schreibt die junge Französin in ihrem gerade erschienenen Buch. "Damit bin ich nicht allein - angeblich machen es 40.000 andere Studentinnen genauso." Das Geld, das Laura mit ihrem Nebenjob in einem Call Center verdient, reicht bei weitem nicht zum Leben aus. Für eine Stunde Sex bekommt sie dagegen 100 Euro gezahlt. Und eine Zeitlang macht das schnelle Geld den Ekel wett.

"In jedem Leben gibt es eine Nacht, in der man zu schnell reift", schreibt Laura über jenen Winterabend vor gut einem Jahr, als sie in ihrem Zimmer am Computer sitzt und sich im Internet die Kleinanzeigen von Prostituierten anschaut. "Nichts wird jemals wieder wie früher sein. Unschuld, lebewohl."

Nichts mehr zu essen

Davor hat die Studentin binnen weniger Wochen mehr als zehn Kilo abgenommen, weil sie nichts mehr isst. Nichts mehr zu essen hat. Strom, Wasser und Heizung fressen ihren Verdienst auf, genauer gesagt die hundert Euro, mit denen sie über den Monat komme muss. Mehr bleibt nach Abzug der 300 Euro Miete nicht übrig von dem Geld, das sie im Call Center bekommt.

In Frankreich entstehe derzeit "ein regelrechtes studentisches Proletariat", warnte der frühere Verteidigungsminister François Léotard unlängst. Laut Studentenverband SUD-Etudiant prostituieren sich knapp 40.000 Studentinnen und Studenten, um sich die hohen Mieten und Lebenshaltungskosten leisten zu können; eine "zuverlässige wissenschaftliche Studie" gibt es aber nicht, wie die französische Soziologin Eva Clouet sagt.

Laura D.s Küchenschrank ist wenige Wochen nach Semsterbeginn bis auf ein paar Nudeln und ein Glas Nutella leer, wie sie in ihrem Buch "Mein teures Studium" schreibt. Beides teilt sie sorgsam ein. Nutella gibt es nie mehr als einen Teelöffel, und den schleckt sie bis aufs Letzte ab. Ihre Eltern bringen als Krankenschwester und Arbeiter nicht genug Geld nach Hause, um die 19-Jährige mit ein paar hundert Euro pro Monat zu unterstützen.

"Ich leide daran, dass ich kein Geld habe."

In der U-Bahn zittert Laura aus Angst vor Fahrscheinkontrollen, Verabredungen mit Freundinnen sagt sie immer öfter ab, weil sie sich nicht mal einen Milchkaffee leisten kann. Eines Tages bricht sie mitten in der Vorlesung zusammen, weil ihr Kreislauf wegen der Mangelernährung schlappmacht. Als die anderen sie zum Arzt schicken wollen, lehnt sie ab. "Ich brauche keinen Arzt, um zu wissen, woran ich leide", schreibt Laura. "Ich leide daran, dass ich kein Geld habe."

Das Studium fängt gerade erst an, und Laura kann schon nicht mehr. Kurz vor Weihnachten antwortet sie im Internet auf eine Kontaktanzeige, ein "Junggebliebener", der "gelegentliche Massagen" sucht. Der Mann ist 57, beim ersten Mal bekommt Laura 250 Euro von ihm. "Ich habe noch nie einen 100-Euro-Schein gesehen", stellt sie ungläubig fest. Und verabredet sich mit weiteren Männern, um endlich ihre Geldsorgen loszuwerden - so sehr es sie auch ekelt vor dem Sex mit Fremden. "Später will ich ein guter Mensch sein, soviel steht fest", nimmt Laura sich vor. "Derzeit kann ich es mir nicht leisten."

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