Welt : Frankreich: Toulouse steht unter Schock

Sabine Heimgärtner

Die französische Stadt Toulouse steht unter Schock. Die Bilanz nach der schweren Explosion in einer Düngemittel-Fabrik am Freitag hat sich dramatisch verändert: Mindestens 29 Tote, 600 Verletzte, 30 davon schwer. Rettungskräfte waren während des ganzen Wochenendes im Einsatz, um Überlebende in den Trümmern des zerstörten Fabrikkomplexes zu finden, fünf Personen wurden am Sonntag noch vermißt. Räumungstrupps waren dabei, den Katastrophenort zu sichern, wo Tausende von Tonnen hochgiftiger Stoffe wie Ammoniak, Chlor und Methanol den Boden verseuchen. "Unfall oder Attentat?", titelten die französischen Sonntagszeitungen. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. "Ein tragischer Unglücksfall ist die wahrscheinlichste Variante, aber im Moment kann ich das ebenso wenig bestätigen wie einen Terroranschlag ausschließen", erklärte der zuständige Oberstaatsanwalt, Michel Bréard.

Es war Ammoniaknitrat

Innerhalb weniger Sekunden hatten sich bei der Detonation zwei Fabrikgebäude des zum Mineralölkonzerns TotalFinaElf gehörenden Industriegeländes in Staub und Trümmer verwandelt. Dort, wo jetzt ein 50 Meter tiefer Krater klafft, befand sich ein Silo, in dem rund 300 Tonnen Ammoniakitrat gelagert waren. Nach den ersten Ermittlungsergebnissen lag hier der Ausgangspunkt der Explosion, die im Umkreis von 30 Kilometern zu hören war und einem Erdbeben der Stärke 3,2 auf der Richterskala entsprach. Die Hauptfrage, die die Experten beschäftigt: Wie konnte das ammoniumhaltige, in Fässern aufbewahrte Material eine überhöhte Temperatur erreichen, sich selbst entzünden und schließlich explodieren ? "Ohne fremdes Einwirken ist eine solche Kettenreaktion äußerst unwahrscheinlich", betonte ein verantwortlicher Techniker der Fabrik. Eine Hypthese bei der Suche nach der Unglücksursache ist deshalb menschliches Versagen.

Auch 48 Stunden nach der Explosion bietet sich im Bereich des Unglücksortes ein Bild der Verwüstung. Autowracks, Gebäude- und Eisenteile, die durch die Wucht der Detonation bis zu 400 Meter weit geflogen sind, Staub, Qualm, angesengte und verbrannte Trümmer. Diese Szenerie ist es, die das öffentliche Leben im Großraum von Toulouse, wo 650 000 Menschen leben, immer noch völlig lähmt. "Wie Manhattan, wir hatten solche Angst", berichtet eine auch zwei Tage nach dem Unglück noch völlig aufgelöste Mutter, die im Moment des Unglücks ihre beiden Kinder zur nahe am Fabrikgelände gelegenen Schule bringen wollte. "Alle rannten durcheinander, über uns eine dunkelgelbe riesige Wolke, alle schrien etwas von Bombenattentat und Flugzeugabsturz, ich packte meine Kleinen, und auf dem Rückweg kamen uns blutverschmierte Gesichter entgegen." Panik überall, die schrecklichen Bilder aus New York kommen immer wieder hoch.

Im weiten Umkreis, in den Vororten und selbst im mehrere Kilometer entfernten Stadtzentrum von Toulose zerbarsten die Fensterscheiben. Rund 2 500 Menschen sind quasi obdachlos geworden und werden seit Freitag in provisorischen Schlaflagern untergebracht, weil bei der Katastrophe 500 Wohnungen zerstört oder vorübergehend unbewohnbar wurden. Betroffen sind auch rund 10 000 Schüler, die wegen der Schäden an mehreren Schulgebäuden auf unbestimmte Zeit nicht mehr zum Unterricht gehen können. Der Unglücksort liegt in unmittelbarer Nähe der südlichen Wohngebiete von Toulouse und vor allem diese Tatsache ist es, die die Katastrophe noch lange in den Schlagzeilen halten werden. Seit Jahrzehnten kämpfen Umwelt- und Einwohnerinitiativen gegen eine Verlagerung der Fabriken aus den dicht besiedelten Vororten, weil der Chemiekomplex in der höchsten Gefahrenstufe, der sogenannten Seveso-Kategorie, eingestuft ist. Die Antwort aus dem Pariser Umweltministerium: Ein Umzug der Fabriken wäre extrem teuer.

0 Kommentare

Neuester Kommentar