Frauen und Männer : Westfrau trifft Ostfrau: peinlich, zickig, fremd

November 1989: Die Mauer fällt - und unsere Autorinnen lernen plötzlich Frauen des anderen Deutschland kennen. Begeistert sind beide nicht. Und wie sehen sie das 20 Jahre später?

Claudia Keller,Sandra Dassler

Die Ostfrauen



Jammern ist nicht ihr Ding. Angela Merkel ist die oberste Macherin. Neulich gab sie uns Frauen in einem Interview der „Emma“ den großartigen Tipp, selbstbewusster aufzutreten. Wenn ein Kollege für die gleiche Arbeit mehr verdient, dann sollen wir „selbstbewusst zum Chef gehen und sagen: Da muss sich was ändern!“ Aha. Da will uns also eine Ostfrau wieder sagen, dass wir selbst was tun müssen und hat doch vom richtigen Leben keine Ahnung.
Vor 20 Jahren war das nicht anders. Während wir uns im Westen den ultimativ weiblichen Zusatz „In“ ertrotzt hatten, kamen uns die Ostfrauen mit Merkelschem Pragmatismus: Macht einfach, statt euch rhetorisch zu verausgaben! Tut was, statt zu warten, bis man was für euch tut! Das feministische Getöse hielten die Ostschwestern für heiße Luft. Habt ja keine Ahnung vom patriarchalischen Schweinesystem, Ihr Männerversteher, schallte es zurück.
Die Frauenfrage war in der DDR gelöst. 1988 waren über 80 Prozent der Ostfrauen berufstätig, im Westen waren es 43 Prozent. Die Westfrau konnte Emanzipation wissenschaftlich herleiten, die Ostfrau lebte sie. Von der Ostfrau hatte man sich einen gewaltigen Schub für die Frauenbewegung erwartet. Und dann das! Die Ostfrau war die pure Enttäuschung.
Aber lag unter der Enttäuschung nicht ein anderes Gefühl? Vielleicht Neid? Man erkannte die Ostfrau in der Tram, in der Kneipe und beim Einkaufen nicht nur daran, dass sie kein Gespür für die feinen Unterschiede in der westdeutschen Kleiderordnung hatte. Sondern vor allem, weil sie jung war – und trotzdem Kinderwagen schob. Weil sie vormachte, was wir uns hatten ausreden lassen: ein Leben mit Kindern und Beruf. Wir hatten uns dem ungeschriebenen Gesetz gebeugt, dass nur eins von beidem drin sein würde. Die Hausfrauen-Ehe lebte in den 80er Jahren in Westdeutschland nicht nur in den Köpfen weiter. Wir Studentinnen träumten aber von der großen Unabhängigkeit und führten in der Mensa revolutionäre Reden. Wir brachen auf in die USA, nach Italien und Frankreich. Wer schwanger wurde, stand bald alleine da. Verlassen vom Kindsvater, der sich nicht einengen lassen wollte. Verlassen auch von den Freundinnen, die lieber in die Kneipe gingen als an Wiegen zu wachen. Bloß keine Verantwortung!
Und dann traf man sie, die anderen: Hatten schon mit 27 Jahren den Doktor in Mathematik oder einen Namen als Lyrikexpertin, arbeiteten als Ingenieurinnen oder Literaturwissenschaftlerinnen. Sie theoretisierten auf höchstem Niveau und schmierten trotzdem Stullen für die Kinder. Diese Mischung aus Intellektualität und Bodenständigkeit war im Westen weitgehend unbekannt. Geht also doch, Kinder und Beruf zu verbinden, schoss es vielen von uns durch den Kopf. Aber das war nur ein kurzer Anflug von Sentimentalität. Anstatt sich von den Erfahrungen der Ostfrauen ermutigen zu lassen, drückten wir den Impuls weg. Als im Osten Betriebe, Krippen und Kitas dichtmachten und viele Frauen mit Kindern auf der Straße standen, hatten wir nur noch Mitleid für sie übrig. Wir fühlten uns bestätigt und stürzten uns, kinderlos, in die Arbeit.
Heute haben viele West-Akademikerinnen um die 40 eine Putzfrau und irgendwo auch einen Mann, aber mehr als ein Drittel leben ohne Kinder. Der Beruf ist ihnen wichtig, sie haben Angst, sich zwischen Schreibtisch und Schnuller aufzureiben, Kita- und Krippenplätze gibt es allenfalls in Großstädten ausreichend. Freundinnen, die Nachwuchs bekommen haben, jenseits der 30, arbeiten heute halbtags und nur wenige in den anspruchsvollen Berufen, für die sie ausgebildet sind. Die dazu gehörigen Männer sind im Haushalt für die Getränke zuständig. Und ja, am Wochenende unternehmen sie auch was mit den Kindern. Während von den Frauen immer noch erwartet wird, dass sie nett, fürsorglich und demütig sind, fahren die Männer die Ellbogen aus und schauen, dass sie im Job vorne dabei sind. Nur eine Minderheit ist bereit, für Frau und Kind auf berufliche Anerkennung zu verzichten. Wer will auch schon mit einem Loser zusammen sein? Bei vielen blieb es beim theoretischen Aufbruch in neue Zeiten. Praktisch fielen viele Westfrauen und -männer doch wieder in alte Strukturen zurück.
Aber der Anspruch, als Frau einen guten Beruf auszuüben und gleichzeitig Familie zu haben, zumindest dieser Anspruch ist heute gesellschaftlich anerkannt. Dazu hat auch die Ostfrau beigetragen, auch die im Kanzleramt. Nicht mal mehr die CDU tritt für die Hausfrauen-Ehe ein. Die heute 20-Jährigen werden vielleicht endlich vieles anders machen und nicht nur davon reden. Sie sind ehrgeizig, zielstrebig und selbstbewusst. Glaubt man Umfragen, wollen sie einen Beruf und eigenes Geld, sie wollen fast alle Kinder, und sie wollen Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen.
Die jungen ostdeutschen Frauen sind die am besten qualifizierte, mobilste Gruppe auf dem Arbeitsmarkt. Selbst die Wirtschaftskrise kann ihnen nichts anhaben. Wird Zeit, dass wir uns von den Ostfrauen was abschauen. Dass wir uns zumindest jetzt, 20 Jahre nach dem Mauerfall, endlich zuhören.

Claudia Keller
Foto: Privat

Die Autorin Claudia Keller war Studentin, Single und kinderlos im Jahr, als die Mauer fiel, sie studierte in Köln Germanistik und Geschichte

und dachte nicht ans Kinderkriegen. Heute ist sie 41, Redakteurin des Tagesspiegels - und immer noch ohne Kinder.










Die Westfrauen



Es ist Zeit für ein Geständnis an jene Westfrau, der ich im Frühling 1990 nicht glaubte: Auf dem ersten „gesamtdeutschen“ Frauenseminar des Journalistenverbandes hatte ich mich, nichts Böses ahnend, als Reporter vorgestellt. „Du bist Reporterin, ReporterIN“, kreischten ein paar Westfrauen los.
„Hysterische Weiber“ nannte ich das unvorsichtigerweise nach dem zweiten Glas Wein am Abend und nun ging es richtig los. „Weiber“, erfuhr ich, sei ein Herrschaftsausdruck des (West-)Mannes. Erfunden, um Frauen zu unterdrücken – wie maskuline Berufstitel. „Wer emanzipiert ist, braucht die Sprache nicht als Vehikel dafür“, verteidigte ich mich. Und jene unbekannte Westfrau sagte traurig: „Warte mal ab, Ihr Ostfrauen habt ja keine Ahnung.“
Heute weiß ich, was sie meinte: Wir hatten wirklich keine Ahnung. Nie mussten wir uns vor 1990 von einem Chef anhören: „Bleiben Sie mal bei den lieben Kleinen zu Hause, es reicht, wenn Ihr Mann arbeitet.“ Nie hätte ein Vorgesetzter gewagt, eine Mutter, die im Büro alles liegen ließ, weil der Kindergarten zehn Minuten später schloss, zum Bleiben aufzufordern. Die Gewerkschaft hätte den Mann fertig gemacht. Vielleicht hatte Angela Merkel ja diese alten Zustände im Kopf, als sie kürzlich Frauen empfahl, selbst beim Chef gegen ungleiche Bezahlung zu kämpfen.
„Warum hat uns niemand gesagt, dass es hier in Cottbus warmes Mittagessen an der Schule gibt?“, fragte Mitte der 90er Jahre eine aus Hessen stammende Mutter im Elternabend. Warum wohl? Das Schulessen war so selbstverständlich, dass niemand daran gedacht hatte, darauf hinzuweisen. „Aus welchem Entwicklungsland kommen Sie?“, fragte eine Cottbuserin selbstbewusst zurück.
Ansonsten lag das Selbstbewusstsein der Ostfrauen damals eher brach. Von Hoffnung, die Westfrauen in uns setzten, spürten wir wenig. Dabei hatte es so gut angefangen: Wir lauschten sehnsuchtsvoll ihren Erzählungen über Selbstverwirklichungs-Trips in den Kibbuz. Sie lauschten träumerisch unseren Berichten über Baby-Etagen in Studentenwohnheimen und den Haushaltstag, den Berufstätige jeden Monat frei und bezahlt bekamen.
Die öffentliche Diskussion lief jedoch bald in eine andere Richtung. Plötzlich waren wir VerbrecherInnen, weil wir unsere Kinder – wenn wir sie gerade mal nicht abtrieben – in Krippen brachten, wo sie beim kollektiven Töpfchensitzen angeblich schon das Steinewerfen auf Asylbewerberheime übten. An unseren Haushaltstagen, hieß es, sei die DDR zugrunde gegangen und „richtig“ gearbeitet hätten wir ohnehin nie.
Auf einmal standen die Ostfrauen am Pranger und das ist bekanntlich kein guter Ort für selbstbewussten und selbstkritischen Erfahrungsaustausch. Beides wäre aber wichtig gewesen, denn die Emanzipation der Ostfrau war durchaus ambivalent, und das nicht nur wegen der ideologischen Determination durch ein diktatorisches Regime.
Die Doppelbelastung mit Haushalt und Beruf war nämlich nicht nur toll. Trotz aller Förderung: Wer am Fließband arbeitete, hatte nach der Schicht kaum mehr Kraft für ein fröhliches Familienleben. Und wer nachts abwechselnd am Bett eines fiebernden Kindes und am Schreibtisch über der Dissertation saß, sah leider nicht nur im übertragenen Sinn ziemlich schnell alt aus. Abgesehen davon, dass wir unsere Kinder auch bekamen, weil keine Karriereleitern herumstanden, man die Handvoll Länder, in die man reisen durfte, schnell kannte, oder weil man eine Wohnung wollte. Die Emanzipation wurde aus der Not geboren, was positive Effekte nicht verhinderte.
Zum Beispiel die Erfahrung, dass man zur Existenzsicherung keinen Partner benötigte. Während der Anteil alleinerziehender Frauen im Westen unter zehn Prozent lag, lebte im Osten fast jede Zweite zeitweise allein mit Kind(ern). Das war normal. Warum also zögern, ob es der richtige Partner oder Zeitpunkt war? Man machte einfach.
Das änderte sich auch nach der Wende nicht, als die Ostfrauen ihre Familien durch Arbeitslosigkeit, Umschulung und Wertewandel lotsten und es nebensächlich blieb, ob der flotte Spruch des Chefs nun dümmliche Anmache oder Chauvinismus war. Und anzügliche Witze haben Ostfrauen von jeher selbst erzählt.
Mit Witzen halte ich mich inzwischen zurück. Aber ich glaube immer noch, dass Männer auch nur Menschen sind. Schlimm finde ich, wenn sich Westfrauen ein schlechtes Gewissen einreden lassen, weil sie Kinder und Karriere wollen. 1990 dachte ich kurz, dass wir Ostlerinnen unnormal seien, dann traf ich Französinnen, Amerikanerinnen und Skandinavierinnen. Alle arbeiteten und hatten Kinder. „Wie konntet Ihr Euch so klein machen lassen?“, fragte ich eine Westkollegin. Und schämte mich. Denn das hörte sich genauso an wie: „Wie konntet Ihr zulassen, dass Görlitz so zerfällt?“
Kürzlich sah ich, wie meine 22-jährige Tochter in der S–Bahn sehnsüchtig auf ein Baby schaute. Und mir im nächsten Moment erklärte, dass sie erst ihr Masterstudium beenden, dann einen Job bekommen und dann erstmal darin Fuß fassen müsse. Da dachte ich so, dass wir (West- und Ost-)Frauen jetzt doch noch einmal zusammen loslegen sollten. Wenigstens für unsere Töchter.

Sandra Dassler
Foto: Privat

Die Autorin Sa

ndra Dassler war im Jahr 1989 Ehefrau, Reporterin und Mutter, sie arbeitete an der Uni Leipzig und bei der Lausitzer Rundschau, das Wichtigste für sie waren aber Tochter, Mann und Sohn. Heute ist sie 48, Redakteurin beim Tagesspiegel - und immer noch ohne Enkel.

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