Welt : Free Wal

Ein Finnwal hat sich nach Kiel verirrt – sein Orientierungssinn ist richtig, aber gerade darum schwimmt er in die Falle

Thomas Eisenkrätzer[Kiel]

Eigentlich stecken Martin Vollert und seine Lebensgefährtin Petra Vogler mitten im Umzug. Doch am Dienstag haben sie sich davon freigemacht, haben sich mit ihren Töchtern Nadja und Daniela ins Auto gesetzt und sind die 20 Kilometer von Preetz an die Kieler Förde gefahren. Wie viele Schaulustige wollen auch sie den Wal sehen, der am Vortag erstmals durch einen Kranführer der Kieler Werft HDW gesichtet wurde. Seit drei Stunden steht die Familie bereits am Fähranleger Reventloubrücke, unterhalb des Landeshauses. Gesehen haben die vier den Wal wie auch die vielen anderen Schaulustigen nicht, und auch bei der Wasserschutzpolizei liefen bis zum frühen Nachmittag nur drei Meldungen ein. Er macht sich rar, der Wal.

Anders war das am Montag. Da tauchte der jugendliche Finnwal immer wieder im etwa zwölf Meter tiefen Hafenbecken auf, schnaubte, prustete, zeigte seine Flossen und seinen glatten Rücken.

Dieser Anblick reichte dem Kieler Fischereibiologen Martin Franz vom Amt für ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein, um zu sehen, dass das Tier nicht besonders gut im Fleisch steht. „Er ist leicht abgemagert, wenig dynamisch, wirkt sonst aber gesund“, sagt er. Woher er diese tiefe Kerbe hat, kann Franz sich auch nicht erklären.

Schon abgemagert

Das weiß Greenpeace-Meeresbiologe Thilo Maack. Er steht mit dänischen Walbeobachtern in Kontakt, die die Bewegungen dieses Wales schon seit dem 26. Juni verfolgen. Die erste Meldung kam aus dem Öresund, später zog er westlich über Seeland in den Aarhusfjord, von dort über die Enge von Middelfart bis in die Flensburger Förde, wo er sich vom 6. bis 12. Juli aufhielt. Auf dem Rückweg in den Aarhusfjord verletzte er sich am Rücken, als er beim Auftauchen mit einem Segelboot kollidierte. Nun ist er in Kiel, südlicher als jemals zuvor. Maack schätzt das Alter des Tieres auf drei bis vier Jahre, sein Gewicht auf zwanzig Tonnen. Und Maack ist nicht überrascht über den Besucher. „Wahrscheinlich ist er mit einem nahrungsreichen Salzwasserstrom in die Ostsee gelangt.“ Auch für den Kieler Meeresbiologie-Professor und Walforscher Boris Culik ist das Auftauchen des Wals nichts Ungewöhnliches. „So etwas kommt immer mal wieder vor.“ Zuletzt haben dänische Fischer 1997 einen Finnwal im Großen Belt beobachtet, der letzte und einzig dokumentierte Finnwal-Besuch im Kieler Hafen war 1899.

Auch was das Nahrungsangebot betrifft, ist Culik optimistisch. Seine Mitarbeiter haben gestern Morgen vom Forschungsboot „Polarfuchs“ aus Echolotuntersuchungen in der Förde vorgenommen. Das Ergebnis: große Schwärme junger Heringe – neben Krill und anderen Krebstieren die Hauptnahrung der zahnlosen Finnwale. „Etwa eine halbe Tonne braucht unser Wal davon am Tag“, sagt der Wissenschaftler. Ihm gehe es hier nicht schlechter als in der Nordsee oder im Atlantik. „Deshalb würde ich auch nicht sagen wollen: Er hat sich verirrt.“

Zweifel bleiben Culik, ob es sich bei diesem Wal wirklich um einen Finnwal handelt. „Es könnte auch ein junger Blauwal oder ein Seiwal sein.“ Der letzte Beweis fehle noch: „Die für Finnwale typische asymmetrische Färbung des Kopfes, die helle Pigmentierung auf der rechten Gesichtshälfte, hat bisher keiner gesehen.“

Ob das Tier den Weg aus der Kieler Förde und später über die Nordsee in den Atlantik zurückfindet, ist ungewiss. Momentan sieht es so aus, als suche es die Küste ab, um einen Weg nach Westen zu finden. Und momentan sieht es so aus, als schaffe der Wal es nicht, um die Landzunge oberhalb des Aarhusfjords herumzuschwimmen und so in offeneres Gewässer zu gelangen. Der Aarhusfjord ist eine Falle: Er will nach Westen, meidet den Osten und schwimmt deshalb in den Fjord, der eine Sackgasse ist (siehe Grafik). „Möglich ist das“, sagt Culik. Aber vielleicht fühle er sich auch wohl, vielleicht sei er gar ein Vorbote für eine Ausbreitung großer Wale in die Ostsee. „Alles ist möglich.“

Aber würde er dann so zielgerichtet einen Ausgang aus der Ostsee suchen?

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