Welt : Frei – auf welchen Wegen auch immer

Das Ende einer langen Irrfahrt durch die Wüsten von Ägypten, Sudan, Libyen und Tschad

Martin Gehlen[Kairo]

Erst die Liveübertragung des ägyptischen Fernsehens vom Kairoer Militärflughafen brachte dann Gewissheit. Bis zum frühen Nachmittag hatte es widersprüchliche Meldungen über das Geiseldrama in der abgelegenen Wüstenregion gegeben. Frei oder nicht frei – die italienische Regierung sagte ja, die deutsche zeigte sich skeptisch und warnte vor vorschnellem Jubel. Gegen 15 Uhr schließlich die erlösenden Bilder: Die Maschine mit den elf westlichen Touristen und ihre acht ägyptischen Begleiter landete in der ägyptischen Hauptstadt. Mitarbeiter des Tourismusministeriums empfingen die Geretteten mit Blumen. Der zehntägige Geiselkrimi in der abgelegenen Grenzregion zwischen Ägypten und Sudan war zu Ende gegangen.

Die 19 Befreiten waren zuvor vom Tschad aus mit zwei Hubschraubern zu einem kleinen Provinzflughafen gebracht worden und von dort mit einer Militärmaschine nach Kairo. Die fünf Deutschen, fünf Italiener und ihre rumänische Mitreisende werden nach einer Gesundheitsuntersuchung wohl am Dienstag in ihre Heimatländer zurückfliegen. Bei den Deutschen handelt es sich nach Auskunft des Auswärtigen Amtes um eine 60-jährige Frau und einen 56-jährigen Mann aus Hessen, einen 37-jährigen Mann und eine 69-jährige Frau aus Baden-Württemberg sowie einen 65-jährigen Mann aus Berlin.

Zuvor hatte der italienische Außenminister Franco Frattini bekannt gegeben, die Entführten seien durch einen „hochprofessionellen Einsatz“ befreit worden. Lösegeld sei nicht gezahlt worden. Die deutschen Behörden hingegen wollten die Nachricht stundenlang nicht bestätigen. Selbst als in die Geiseln in Kairo aus dem Flugzeug stiegen und auf dem Rollfeld blumenschwenkend zu einem Bus gingen, blieb Berlin stumm. Am frühen Abend schloss sich dann auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier den Gratulanten an und beglückwünschte die Verschleppten zu ihrer Rettung.

Der ägyptische Verteidigungsminister Hussein Tantawi gab derweil stolz erste Details der Befreiungsaktion preis. Die Hälfte der 35 Kidnapper sei getötet worden, die übrigen seien entkommen, sagte er gegenüber der staatlichen ägyptischen Nachrichtenagentur Mena. Wie ein Sicherheitsbeamter schilderte, wurden insgesamt 150 Soldaten einer ägyptischen Eliteeinheit in den Sudan geschickt. Auch italienische und deutsche Spezialtruppen hätten vor Ort bereitgestanden. An der Befreiungsaktion im Tschad am frühen Morgen seien schließlich dreißig ägyptische Soldaten und zwei Helikopter beteiligt gewesen. Frattini hatte erklärt, bei der Befreiung handele es sich um „das Ergebnis internationaler Zusammenarbeit, für die wir den Behörden anderer Staaten wirklich dankbar sein müssen“.

Schon am Sonntagabend hatte die Regierung in Khartum darüber informiert, dass es zwischen sudanesischen Soldaten und einer Gruppe von acht Entführern ein Feuergefecht gegeben habe. Dabei wurde angeblich der Anführer der Bewaffneten getötet zusammen mit fünf seiner Gefolgsleute, zwei blieben unverletzt. Nach Angaben aus Kairo gab es zu diesem Zeitpunkt bereits eine Einigung mit den Entführern über die Befreiung und die Zahlung von Lösegeld. Die beiden gefangenen Kidnapper jedoch verrieten den Soldaten den genauen Standort der Geiseln und ihrer Bewacher. Daraufhin entschlossen sich offenbar die Krisenstäbe in Kairo, Rom, Berlin und Bukarest, eine Befreiung mit Waffengewalt zu versuchen. Über die Identität der Entführer gibt es nach wie vor keine klaren Angaben. Wahrscheinlich handelte es sich um Angehörige von Rebellengruppen aus dem Sudan und dem Tschad. Bewaffnete der Sudan Liberation Army (SLA) hatten in dem Gebiet auch früher schon Touristen überfallen, verschleppt und ausgeraubt. Die Vorfälle jedoch wurden entweder von den Touristen oder von den ägyptischen Militäroffizieren verschwiegen und nicht an die zuständigen Behörden weitergemeldet. Inwieweit der mit entführte Reisebürochef Kenntnis von früheren Angriffen hatte, ist unklar.

Die elf westlichen Wüstenreisenden und ihre acht ägyptischen Begleiter waren am 19. September in der Region von Dschebel Uweinat von vier maskierten Bewaffneten entführt worden. Wahrscheinlich hat die Gruppe bei der Besichtigung des Wadis von Karkur Tahl die Grenze zum Sudan überquert, was nach Angaben aus Kreisen von Safariveranstaltern bei solchen Touren üblich ist. Die Entführer verschleppten ihre Opfer zunächst weiter in den Sudan hinein, dann später offenbar für kurze Zeit auch nach Libyen, um die Vorräte an Essen und Wasser aufzufüllen. Zuletzt hatte es geheißen, die Gruppe werde im Tschad versteckt und von 30 bis 35 Bewaffneten bewacht.

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