Freispruch : Kachelmann: Freier Mann zweiter Klasse

Jubel nach dem Urteilsspruch: Jörg Kachelmanns Schuld ist nicht zu beweisen, es steht Aussage gegen Aussage. Doch nachdem Richter Seidling seine Begründung vorgetragen hatte, wurde es sehr still im Saal. Es ging um Wahrheit – und den Schmerz, sie nicht zu finden.

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Jörg Kachelmann verlässt ein letztes Mal das Mannheimer Gerichtsgebäude. Seine Rolle bleibt undurchsichtig.Weitere Bilder anzeigen
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31.05.2011 20:26Jörg Kachelmann verlässt ein letztes Mal das Mannheimer Gerichtsgebäude. Seine Rolle bleibt undurchsichtig.

Am Ende lässt er sich seine Spannung nur durch das anmerken, was er nicht tut. Verzichtet auf die in über 40 Prozesstagen eingeübte Charmegeste, seiner Verteidigerin Andrea Combé in die Robe zu helfen. Spart sich Freundlichkeiten mit Anwalt Johann Schwenn, die ihn zwängen, die ernste Miene aufzulösen. Gefasst will Jörg Kachelmann sein, ernst, respektvoll, den Rücken gerade, wie stets in Anzug und Krawatte. So betritt er kurz nach neun Uhr am Dienstagmorgen den Saal, so lässt er sich fotografieren. Dann müssen die Kameras raus, die Nebenklägerin und Zeugin Claudia D. kommt, jene Frau, von der Kachelmanns Anwälte sagen, sie habe eine Lügenfalle zuschnappen lassen.

Zwei Minuten später ist Kachelmann freigesprochen. Zuschauer jubeln, es gibt Applaus. Claudia D. dreht ihnen den Rücken zu, kauert sich in ihren Stuhl; schließlich fließen Tränen. Der Vorsitzende Michael Seidling ärgert sich ein letztes Mal. „Ich will meinen Tenor in Ruhe verkünden.“ Dann folgt die Abrechnung eines Richters, wie sie in einem deutschen Gerichtssaal selten erlebt wird. In der jeder sein Fett wegbekommt, Kachelmann, Anwalt Schwenn, die Nebenklägerin, die Medien. Nur die Staatsanwaltschaft und Anwältin Combé, die verschont er.

Ausgerechnet Seidling. Der freundliche Herr mit Glatze und Schnauzer, der, die Pensionsgrenze im Blick, im Verfahren so oft unsouverän wirkte. Dem man Voreingenommenheit vorwarf, weil er Kachelmann in U-Haft lassen wollte. Der sich von Anwälten und Medien verprügeln lassen musste, weil er im Namen der Wahrheitsfindung ein Dutzend von Kachelmanns Freundinnen vorlud – die in der fraglichen Tatnacht erwiesenermaßen an anderen Orten weilten und nicht in der Schwetzinger Wohnung, wo sich, nach Darstellung der Ankläger, zwischen Küche, Couch und Bett eine brutale Vergewaltigung abgespielt haben soll.

„Es gibt viel zu sagen, ich will mich auf Wesentliches beschränken“, leitet Seidling die Urteilsbegründung ein, kommt dann auf den Grundsatz „in dubio pro reo“, spricht von der Begrenztheit menschlicher Erkenntnis, der hilfreichen, aber ebenfalls beschränkten Einsicht, die Gutachter vermitteln könnten. Aber es ist etwas anderes, das ihn treibt: „Der Kammer zu unterstellen, sie sei nicht bestrebt, die Wahrheit herauszufinden und sie stattdessen mit dem Vorwurf zu überziehen, sie verhandle, bis Belastendes herauskomme, ist schlicht abwegig. Im Ergebnis wird damit meinen Kollegen und mir jegliche Professionalität und jedes Berufsethos abgesprochen. Es bleibt der ungerechtfertigte, dem Ansehen der Justiz schadende Vorwurf im Raum stehen, Richter seien bei Prominenten bereit, zu deren Lasten Objektivität, richterliche Sorgfalt und Gesetze außer Acht zu lassen.“

Es ist jetzt still geworden im Saal. Seidling wendet sich den Staatsanwälten zu, allen voran Lars-Torben Oltrogge, dem man nachsagt, er habe sich ehrgeizig in den Fall verbissen und von einer verleumderischen Nebenklägerin auf die falsche Fährte führen lassen. „Gerade der vorliegende Fall steht in seiner Komplexität exemplarisch dafür, dass mit vertretbaren Erwägungen unterschiedliche Sichtweisen denkbar sind.“ Den Staatsanwälten deshalb aber pflicht- oder gesetzeswidriges Verhalten zu unterstellen sei eines Strafprozesses unwürdig.

Sichtweisen? Die Öffentlichkeit erwartet klare Worte. Schuld oder Unschuld. Keine Sichtweisen, die hat sie selbst. Nur ist es genau das, worum es in einem Strafprozess gehen kann, zumal wenn Aussage gegen Aussage steht, wenn, allem voran, die Straftat einzig darin besteht, einen entgegenstehenden inneren Willen zu brechen und sonst nichts eine vollendete Vergewaltigung von einem alltäglichen Geschlechtsakt unterscheiden muss.

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