Welt : Freispruch ohne Freudentanz

Zum Freudentanz auf dem Autodach fehlte Popstar Michael Jackson nach dem triumphalen Freispruch die Kraft.

Santa Maria (14.06.2005, 13:42 Uhr) - Ein schwaches Winken und matte Kusshände für die jubelnden Fans waren alles, war der längst entthronte «King of Pop» am Montag beim Verlassen des Gerichtssaals in Santa Maria noch von sich gab. Nicht mit stolzem Siegerlächeln, sondern wie ein hilfloser Mann, von seinem Vater gestützt, stieg Jackson in eine wartende Limousine und flüchtete aus dem Rampenlicht in seine Neverland-Ranch.

Bei seinem ersten Gerichtstermin zum Vorwurf des Kindesmissbrauchs im Januar 2004, bei dem er sich «nicht schuldig» bekannt hatte, tanzte Jackson noch siegessicher auf dem Dach seines Wagens und ließ sich von hunderten Fans feiern. Die vierzehn Prozesswochen mit über 130 Zeugenaussagen und 700 Beweisstücken haben Spuren hinterlassen. Am Ende ist der weltbeste Moonwalker ein kränklicher, abgemagerter Schatten seiner selbst.

Doch Bruder Jermaine hat keine Zweifel an dem Comeback des Sängers: «Es steckt in seinem Blut und seinen Knochen». Auch Bruder Tito fand nach dem Freispruch große Worte: «Er ist und bleibt Michael Jackson». Auf seiner Webseite trumpft Jackson gar als historische Figur auf. Der 13. Juni 2005 werde in die Geschichte eingehen, wie die Geburt von Martin Luther King, die Befreiung Nelson Mandelas und der Fall der Berliner Mauer.

Doch viele meinen, dass der Möchtegern-Peter-Pan, der sich lieber mit Kindern und Tieren als Erwachsenen umgibt, seinen Pädophilen-Ruf nicht mehr los wird. «Ich glaube, dass Jackson wahrscheinlich Jungen auf Neverland belästigt hat», bekannte einer der Juroren freimütig auf CNN. Der 62-jährige Ingenieur konnte sich nur zu einem Freispruch durchringen, weil er dem jugendlichen Beschuldiger «mit einer Lügnervergangenheit» nicht 100-prozentig traute. Für einen Schuldspruch waren der 15-Jährige und dessen Mutter nicht glaubwürdig genug, so das einstimmige Urteil.

Staatsanwalt Tom Sneddon, der Jackson schon nach Belästigungsvorwürfen von Jungen in den neunziger Jahren hinter Gitter bringen wollte, war es nicht gelungen, den Popstar nun als pädophilen Serientäter bloßzustellen. Ex-Kinderstar Macaulay Culkin war als eines der angeblichen früheren Opfer zur Entlastung in den Zeugenstand getreten. Seine gemeinsamen Nächte im Bett des Popstars beschrieb der Schauspieler glaubhaft als harmloses Vergnügen und tat jedweden Missbrauch als «absolut lächerlich» ab.

Dass sich Jackson bald wieder Händchen haltend mit jungen Besuchern auf Neverland zeigt, ist unwahrscheinlich. Es war eine dieser Szenen in einer britischen Fernsehdokumentation, die die juristische Lawine im Sommer 2003 ins Rollen brachte. Im November des gleichen Jahres wurde Jackson in Handschellen abgeführt. Im Falle eines Schuldspruchs drohten der Pop-Ikone fast 20 Jahre Haft.

Jacksons Zukunft ist nun das nächste Kapitel im «Thriller» des Entertainers, dessen Karriere schon lange vor dem Prozess brach lag. Der Popstar könnte in Las Vegas Fuß fassen oder sich mit seinen Kindern nach Europa absetzen, spekulierten Prozessbeobachter. Dort habe er treuere Fans als in seiner Heimat. Viele waren aus Europa nach Kalifornien gepilgert, um ihr Idol zu unterstützen. Die aus Deutschland angereiste Melanie Reichert (24) sagte der «Los Angeles Times»: «Ich bin so froh, dass andere es auch sehen. Er ist ein wunderbarer Mensch. Jeder sollte wie er sein: Unschuldig und kindlich.»

Doch das ist nicht die Botschaft, die die Jury mit ihrem Freispruch vermitteln wollte. Ein 63-jähriger Rentner, den das Gremium zum Vorsitzenden gewählt hatte, gab Jackson den guten Rat mit auf den Weg, vorsichtig zu sein und Jungen nicht mehr in seinem Bett übernachten zu lassen. Eine 45-jährige Frau aus der Jury warf eine von vielen Fragen in der bizarren Jackson-Saga auf: «Wie kann eine Mutter es nur zulassen, dass ihr Kind so viele Nächte im Bett eines Fremden verbringt?», fragte die dreifache Mutter, ohne eine Erklärung parat zu haben. (Von Barbara Munker, dpa)

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