Freiwilligenarbeit : Probleme und Tugenden in Amerika

Sie reisen quer durch die USA, und wo sie sind, bilden sich lange Schlangen. Die Helfer vom "Remote Area Medical Corps" röntgen, ziehen Zähne oder fertigen Brillen. Alles gratis – für die Unversicherten. So sind sie Ausdruck einer amerikanischen Krise und Tugend zugleich.

Ann-Kathrin Eckardt[Knoxville]
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Hinterm Vorhang. Die umgerüstete Mehrzweckhalle in Knoxville, Tennessee.Foto: Ann-Kathrin Eckardt

Patricia Cooks ist 400 Kilometer weit gefahren, mit ihrer Tochter zusammen, am Vortag schon. Damit sie an diesem Morgen unter den Ersten sind und man sie ja nicht wieder wegschickt. Die frostige Nacht haben sie im Auto verbracht, an Schlaf war nicht zu denken gewesen, jetzt liegt sie endlich auf dem Zahnarztstuhl – und jetzt das!

Man will ihr nur zwei Zähne ziehen. Patricia Cooks wollte alle loswerden, diese schlimmen Stummel. „Eine Geburt ist nichts gegen diese Schmerzen!“, sagt sie. Seit Monaten hat sie gespart, hat die 350 Dollar zusammen, die das billigste Gebiss kostet. Der 50-Jährigen steigen die Tränen in die Augen. Sie zieht ihren langen Mantel fester um den runden Körper, wischt die erste Träne weg, von ihren Fingernägeln blättert roter Lack.

Früher hatte Patricia Cooks einen Job als Kassiererin und eine Krankenversicherung. Heute hat sie Diabetes und schlechte Zähne. „Nehmen Sie es nicht persönlich, Madam“, versucht Zahnarzt Patrick Kennedy seine Patientin zu beruhigen, „ich kann heute nur das Schlimmste beheben, für mehr fehlt leider die Zeit.“

Ein Gebiss mit 50 – in Tennessee, im Herzen der USA, ist das keine Seltenheit. Einen normalen Zahnarztbesuch können sich viele Menschen hier nicht leisten. Mehr als 400 Patienten warten am frühen Morgen dieses ersten Samstags im Februar vor der Mehrzweckhalle in Knoxville, einer Kleinstadt am Rande der Appalachen, die ein Heer aus Freiwilligen für ein Wochenende in ein Lazarett verwandelt hat. Ein Sichtschutz trennt den Wartebereich vom Rest der Spontan-Klinik. 40 Militär-Zahnarztstühle reihen sich aneinander, dahinter ist die Augenklinik, links sechs Kabinen für die Allgemeinmedizin, im Ticketbüro die Mammografie. Hunderte Ärzte, Krankenschwestern, Zahntechniker, Optiker und Röntgenfachleute bieten hier zwei Tage ihre Dienste an – kostenlos.

Das Kommando über das Freiwilligenheer hat ein drahtiger Engländer. Punkt sechs Uhr ist Stan Brock, 75, in Fliegerjacke und Khakihose vor das Eingangstor getreten. „Willkommen in Knoxville!“, rief er den Wartenden in feinstem British English zu. „Da drinnen warten viele Zahnärzte und noch mehr Brillen auf euch. Ich wünsche einen wundervollen Tag.“ Man könnte Brock für einen pensionierten General halten, aber das war er nie. Er war 15 Jahre lang Cowboy in Südamerika, danach Star der US-Fernsehserie „Wild Kingdom“, und als 50-Jähriger gründete er das Remote Area Medical Corps (RAM). Mit fliegenden Ärzten wollte er anfangs den Wapishana-Indianern im Amazonasgebiet helfen. Inzwischen verarzten die spendenfinanzierte Organisation und ihre bisher insgesamt 20 000 freiwilligen Helfer vor allem die Wunden des amerikanischen Gesundheitssystems.

845 Patienten behandeln sie an diesem Februarwochenende, zwei Hilfseinsätze pro Monat gibt es in der Regel, meist in ländlichen Regionen: Tennessee, Kentucky, Oklahoma. 845 von etwa 80 Millionen Amerikanern, die entweder gar nicht oder zu gering krankenversichert sind.

Deren Lage zu ändern, gehört zu den wichtigsten innenpolitischen Vorhaben von Barack Obama. Er ist nicht der erste US-Präsident, der jedem Amerikaner Zugang zu einer Krankenversicherung ermöglichen will. Zuletzt war Bill Clinton damit gescheitert – am erbitterten Widerstand der Republikaner, für die eine staatliche Krankenversicherung „Sozialismus“ ist. Seit die Republikaner aber im Januar die Wahl in Massachusetts gewannen und damit die Demokraten ihre Mehrheit im Senat verloren haben, ist nun auch Obamas Projekt gebremst. Am heutigen Montag will der US-Präsident einen neuen Kompromissvorschlag zur Gesundheitsreform im Internet präsentieren, am Donnerstag soll ein Treffen mit Parteivertretern stattfinden.

In den USA ist – anders als in Deutschland – die Versicherung durch den Arbeitgeber keine Pflicht. Vor allem große Unternehmen bezahlen ihren Arbeitnehmern die Absicherung als Teil des Gehalts, und wer gekündigt wird, ist von einem Tag auf den anderen nicht nur seinen Job, sondern auch seine Krankenversicherung los. Wer erst gar keinen Arbeitgeber hat, muss sich selbst um seine medizinische Versorgung kümmern. Zu diesen geschätzten 47 Millionen Unversicherten kommen weitere 30 Millionen Amerikaner hinzu, die unterversichert sind, deren Versicherer etwa die Kosten für den Augen- oder Zahnarztbesuch nicht übernehmen.

So eine Versicherung hat Marsha Willoughby, 24. An diesem Tag in Knoxville ist sie die erste Patientin. In ihrem Sozialen Jahr hilft sie behinderten Menschen beim Briefverkehr mit den Krankenkassen. Doch weil Marsha Willoughby dafür monatlich nur 800 Dollar und eine Krankenversicherung mit hoher Selbstbeteiligung bekommt, ist sie auch selbst auf Hilfe angewiesen. „Wegen drei Zahnfüllungen bei denen es Komplikationen gab, habe ich bereits 4000 Dollar Schulden“, sagt sie. Eine bessere Versicherung kann sie sich zurzeit ebenso wenig leisten wie ein weiteres Loch. Bereits am frühen Freitagnachmittag hatte sie Position auf dem Parkplatz bezogen, um eine Gratisbehandlung zu bekommen.

Keine andere Nation gibt so viel Geld für das Gesundheitswesen aus wie die USA – im vergangenen Jahr 17,3 Prozent des Bruttoinlandprodukts. In Deutschland sind es um die zehn Prozent. Kunstfehler sind in den USA für eine ganze Schar von Anwälten zum Geschäft geworden. Um sich abzusichern, machen Ärzte deswegen viel mehr Tests als sinnvoll. Und so kostet die Krankenversicherung für eine vierköpfige Familie jährlich im Schnitt so viel wie ein Kleinwagen.

Das Lazarett in Knoxville zeigt neben einem Problem auch eine Tugend: die unermüdliche Hilfsbereitschaft der Amerikaner. 320 Freiwillige aus allen Gesellschaftsschichten packen bei diesem 590. RAM-Einsatz mit an. Aus mehr als zwölf Bundesstaaten sind sie angerückt, ein Bus voller Zahnmedizinstudenten aus Alabama, ein Augenarzt aus Georgia, eine Krankenschwester aus Kalifornien. Ihre Anreise haben sie selbst bezahlt, ebenso ihr Hotel. Warum sie das tun? Jady Dadridge, 55, hat die Antwort parat: „Diese Menschen brauchen Hilfe, und wenn wir nicht helfen, wer dann?“ Mit ihrem Mann Greg ist sie fast bei jedem Einsatz dabei. Er fährt das rollende Optikerlabor zweimal im Monat quer durchs Land, sie fertigt darin Brillen an. Mit einem Spickzettel schafft sie die 67 Handgriffe bis zur fertigen Brille in zehn Minuten.

Stan Brock muss wegen der Frage nach dem Warum etwas länger überlegen. „Die Idee für RAM kam mir, als ich einmal schwer verletzt unter einem Pferd lag, 26 Tagesritte vom nächsten Arzt entfernt.“ Für einen Dollar im Jahr mietete er 1985 eine alte Schule in Knoxville. Damit endeten seine „leichten Jahre“, wie er sagt. Es begannen die ernsthaften. Ein Leben für RAM, kaum Geld, keine Familie, kein Auto, kein Haus. Aber oft ist er sowieso nicht daheim.

Nach dem Unfall mit dem Pferd hat er das Fliegen gelernt, der RAM-Stiftung gehört heute ein altes Flugzeug. Gerade erst ist er mit dem von einem Einsatz aus Haiti zurückgekehrt. Die C47 ist fast so alt wie er selbst, war schon beim D-Day in der Normandie dabei. „In Europa dürfte sie wahrscheinlich gar nicht mehr fliegen“, sagt Brock und lacht.

Bei dem RAM-Einsatz in Knoxville spaziert er mehrmals durch die Mehrzweckhalle. Am liebsten besucht er die Ecke hinten links: die Brillenausgabe. Hier fließen regelmäßig Freudentränen, wenn Menschen nach Jahren wieder richtig sehen. „Diese Klinik ist ein Segen!“, ruft Diane Josin und fällt ihrem Bruder um den Hals, der ebenfalls auf eine neue Brille wartet. Und überhaupt, alle seien so nett hier. „Man wird nicht so behandelt, als ob man nichts wert sei.“ Das letzte Mal war die 60-jährige Putzfrau vor fünf Jahren beim Augenarzt. Josin ist das, was man in Amerika „working poor“ nennt. Mit 1100 Dollar muss sie sich jeden Monat über Wasser halten. Zu wenig, um davon eine Krankenkasse zu bezahlen. Zu viel, um Hilfe vom Staat zu erhalten.

Ein reguläre Krankenversicherung gibt es in den USA nur für Rentner. „Medicare“ kommt für die meisten Arztrechnungen von Menschen über 65 Jahre und von Behinderten auf. Finanziert wird die Versicherung durch Beiträge der Versicherten, Sozialversicherungsabgaben und staatliche Zuschüsse. Auch Arme bekommen in den USA Hilfe vom Staat. „Medicaid“, ein gemeinsames, weitgehend steuerfinanziertes Programm des Bundes und der Bundesstaaten, können allerdings nur besonders Bedürftige in Anspruch nehmen. Die Aufnahmebedingungen und die erbrachten Leistungen unterscheiden sich von Bundesstaat zu Bundesstaat. Fast überall jedoch sind die Wartelisten endlos lang und die Leistungen auf das Allernötigste beschränkt.

Obamas Gesetzentwurf hatte ursprünglich eine staatliche Krankenversicherung vorgesehen, in die jene eintreten sollten, die im Moment durchs Raster fallen. Keiner sollte wegen Erkrankungen ausgeschlossen werden, niemand bei Arbeitslosigkeit oder Jobwechsel den Schutz verlieren. Arbeitgeber ab einer gewissen Größe sollten gesetzlich verpflichtet werden, sich an den Kosten der Krankenversicherung zu beteiligen. Mehr als 600 Milliarden Dollar wollte Obama in den nächsten drei Jahren dafür lockermachen. So weit der alte Plan.

Allerdings wäre auch diese Reform nur ein erster Schritt gewesen. Denn offen bleibt, wer die dann neu versicherten Amerikaner überhaupt behandeln soll. „Es gibt jetzt schon nicht genug Ärzte, die Medicaid-Patienten annehmen“, sagt Robert Dotson, Augenarzt aus Tennessee und Stammgast bei RAM. Auch in seiner Praxis versucht er, den Bedürftigen zu helfen. 20 Prozent seiner Klienten, sagt er, seien Medicaid-Patienten. „Mehr kann ich mir nicht leisten. Ich zahle bei jedem drauf.“

Verstärkt wird das Problem noch dadurch, dass in den meisten US-Staaten Ärzte aus anderen Bundesstaaten nicht praktizieren dürfen – selbst wenn akuter Ärztemangel herrscht. Das erschwert auch RAM die Arbeit. Gerade erst vor ein paar Monaten in Kalifornien. Mitten in Los Angeles, im Stadion, hatten sie ihre Klinik aufgebaut. 6334 Patienten konnten sie an drei Tagen behandeln, das war ein neuer Rekord. Und es hätten noch viel mehr sein können. Doch es fehlte an Personal. „Wir hatten 100 Zahnarztstühle, aber nur 25 Zahnärzte“, sagt Brock, „unfassbar!“, er wird vor Ärger richtig laut. Also mussten sie tausende Kranke wegschicken, unbehandelt. „Solche Gesetze müssten doch als aller erstes geändert werden“, verlangt er. Das würde auch nichts kosten. Aber in all den vielen Gesundheitsreformdebatten taucht dieses Problem gar nicht auf. Sehr wahrscheinlich also, dass Patricia Cooks mit ihrer Tochter auch in Zukunft 400 Kilometer zum Zahnarzt fahren muss.

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