Welt : Freizeit: Im Fitness-Fieber

Roland Koch

Die Zeiten, in denen die Mucki-Buden den richtig harten Kerlen vorbehalten waren, sind vorbei. Fitness-Studios haben heute ein anderes Image: Spaß und Gesundheit sind angesagt. Das gilt sowohl für das Training an den Geräten als auch für das "Zubehör", das Kursprogramm. Wer seinen Tag im Büro verbringt, will abends mehr bewegen als Hantelscheiben.

Die Fitness-Branche ist in den vergangenen zehn Jahren regelrecht explodiert. Trauten sich 1990 noch 1,7 Millionen Hobby-Athleten in die damals 4100 Studios, waren es im Jahr 2000 schon 6500 Fitness-Tempel mit gut viereinhalb Millionen Mitgliedern, wie der Deutsche Sportstudio Verband (DSSV) verzeichnet. Und der Boom soll sich fortsetzen. Der Verband erwartet, dass Fitness-Studios in wenigen Jahren populärer sind als Fußball oder Tennis. 2010 sollen acht bis neun Millionen Menschen in rund 8000 Muskel-Tempeln trainieren.

Doch die Kundschaft hat Ansprüche. Sie will ein breites Angebot - und es muss immer wieder Neues geben. Die Langeweile lauert überall. Heute will kaum noch jemand Aerobic treiben wie einst Jane Fonda. Und das Kursprogramm ist auch längst keine Domäne der Frauen mehr. Männer tanzen und steppen genauso mit, um abzuspecken und die Kondition zu verbessern.

Studios und Trainer müssen deshalb ein feines Gespür besitzen, wenn sie ihre Gemeinde bei der Stange halten wollen. Der Trend bestimmt das Bewusstsein. Und er kommt wie eh und jeh aus den USA. Also wechseln die Fitness-Kurse wie das Wetter. Dass das manchmal nur auf die Verpackung zutrifft, spielt dabei keine große Rolle. Der Trendsetter des vergangenen Jahres zum Beispiel, Tae Bo, hat immer noch eine stattliche Anzahl an Jüngern. Die tanzen zu lautstarken Aerobic-Rhythmen Choreographien mit Kampfsportelementen, boxen, schreien, treten bis die Kondition versagt. "Aber wir merken schon, dass das mittlerweile einigen zu hart wird", sagt Wolfgang Seitz vom Fitness-Studio Springtime in Moabit. "Und auch im Tanzbereich werden bei uns in letzter Zeit die Tanzkurse stärker nachgefragt, die mehr in den Bereich Ausdruck gehen. Hier gibt es komplexere und weichere Bewegungen statt harter Beats."

Das passt auch zur Philosophie des Studios, das sich wie viele in der Branche als Wohlfühlstudio definiert. Mit der Kombination von Fitness und Tanz will man sich von der Konkurrenz abheben. Im Gerätebereich sei neben einem allgemein kräftigenden Ausgleich zum Büroalltag auch das Zirkeltraining in der Gruppe gefragt. "Viele unserer Mitglieder wollen gemeinsam trainieren und Spaß haben", sagt Seitz. Darüber hinaus biete man regelmäßig Kultur: Kunstausstellungen oder Tanzvorführungen etwa.

Die Nachfrage nach dem neuen soften und vor allem gesundheitsorientierten Kick kann auch Alenka Stamatova, eine Trainerin bei Ars Vitalis bestätigen. In dem Schöneberger Sportstudio ist Aquafitness angesagt. Bei den Übungen im Schwimmbecken erhöht sich durch den Wasserwiderstand der Trainingseffekt, während gleichzeitig die Wirbelsäule und die Gelenke entlastet werden. "Wer mehr Power will, geht zum Spinning", meint Stamatova. Auf den speziell geformten Rädern für den Gruppenraum tritt man gemeinsam in die Pedale. Ein Trainer feuert die Gruppe an, die durch imaginäre Landschaften radelt. Ergebnis dabei ist ein intensives Ausdauertraining.

Für einen Trend der etwas anderen Art steht der Wiegand Sporting Club. In exklusivem Ambiente will man hier ein Clubleben nach englischem Vorbild gestalten, bei dem aber die persönliche Gesundheit im Vordergrund steht. Nach einem ausführlichen Gesundheitscheck, wird ein individuelles, EDV-unterstütztes Trainingsprogramm zusammengestellt. Mit einem kleinen Chip in der Hand wandert man von Gerät zu Gerät. Die Daten des Chips werden an der jeweiligen Station eingelesen und stellen das Gerät automatisch auf das passende Training ein. Im Kursbereich gebe es keine einheitliche Wunschliste. "Unsere Mitglieder müssen in der Regel tagsüber ihren Mann oder ihre Frau stehen", sagt Ralf Wiegand, der Inhaber. "Ärzte, Anwälte, Entscheider aus der Wirtschaft oder Botschafter, die einen harten Tag haben. Die brauchen dann ihr spezielles Programm." Das könne bei dem einen mehr in den Entspannungsbereich gehen. Der andere brauche ein Power-Training zum Stressabbau. Das Angebot reiche von asiatischen Entspannungstechniken bis hin zur eigens entwickelten Jiu-Jitsu-Variante.

Daneben wolle man aber vor allem den Club-Gedanken leben. Das heißt, dass man sich nicht ausschließlich zum Sport trifft. Vom Geschäftsessen im Club-Restaurant über die gemeinsame Radtour bis zu Vortragsabenden reicht das Rahmenprogramm.

Einen anderen Ansatz hat TiB. Das ist die Turngemeinde in Berlin, der älteste Sportverein der Stadt mit über 3000 Mitgliedern. Auf seinem sechseinhalb Hektar großen Gelände am Columbiadamm hat sich der Verein im vergangenen Jahr einen Neubau geleistet, der neben den Tennis- und Badmintonhallen große Gruppenräume und ein Fitness-Studio bietet. "Wir wollen Fitness und Gesundheit für die ganze Familie bieten", sagt Muriel Giovanetti, die Sportkoordinatorin. Der Fitnessbereich ist hier nur als Ergänzung zum Kursangebot gedacht. "Neben Spinning ist zurzeit Capoeira ganz klar angesagt. Hier werden Tanz- und Kampfsportelemente miteinander verbunden. Das ist nicht nur ein intensives Training, es sieht auch sehr ästhetisch aus."

Und das mit der ganzen Familie ist ernst gemeint: Neben den Kinderkursen zieht es immer mehr Senioren auf die Hantelbank. Unter sich trainieren sie Bizeps und Rücken, lernen Selbstverteidigungstechniken oder tun was für die Kondition. "Dabei stellen wir zwei Motivationsmuster fest", sagt Muriel Giovanetti. "Die einen wollen sich was gönnen. Die anderen nutzen das Training, um gezielt altersbedingten Beschwerden vorzubeugen." Da wird wohl so mancher Nachwuchs-Schwarzenegger künftig im Armdrücken gegen seine Oma verlieren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben