Welt : Fremder in der Nacht

Glückwünsche in die Abgeschiedenheit: Harald Juhnke, einst der Entertainer der Nation, wird heute 75 Jahre alt

Rüdiger Schaper

Am vergangenen Wochenende starb der frühere US-Präsident und Schauspieler Ronald Reagan an der Alzheimer-Krankheit. Heute feiert Harald Juhnke, der Mann, den wir einmal den „Entertainer der Nation“ nannten, seinen 75. Geburtstag. Er leidet an Demenz. Es wird für ihn ein Tag wie jeder andere sein im Katharinenhof bei Berlin, einem Pflegeheim, wo er seit Dezember 2001 lebt, abgeschirmt von dieser Welt, die er nicht mehr wahrnehmen kann.

Juhnke und Reagan: Vieles verbindet die beiden Show-Männer, nicht allein das Bild der Krankheit, die das Bewusstsein zerstört, die Erinnerung. Juhnkes einzigartige Karriere war wesentlich auf Amerika gebaut. Auf die Nachkriegszeit. Als 15-Jähriger musste der Hitlerjunge aus dem Wedding noch an die Front, er hatte Glück. Im Tschechischen wurde er von GIs aufgegriffen, „zwischen den Bierstädten Pilsen und Budweis“, wusste er später zu erzählen. Er nahm sich Frank Sinatra zum Vorbild, und damit war es ihm bitterernst: Swinging Harald, lange Zeit wirklich der einzige deutsche Entertainer, der singen, tanzen, spielen, Witze reißen konnte, träumte von Las Vegas. Im Februar 1997 schien es so weit zu sein. Für eine Fernsehproduktion flog er in die USA – in einen Alptraum. Schwer alkoholisiert randalierte er in einem Hotel in Los Angeles, als er realisierte, dass er nicht als Entertainer in Las Vegas auftreten würde, sondern als lebendige Dekoration für eine Dokumentation vor den großen Casinos gefilmt werden sollte.

Juhnke aber blieb der „deutsche Sinatra“. Bis zuletzt sang er seine eingedeutschten Standards: „Mich haut kaum Rum wirklich um (I get a kick out of you)“, „Berlin, Berlin“ (New York, New York“) und vor allem „My Way“. Harald Juhnke hat sich über seine Sinatra-Manie häufig und offenherzig geäußert: „Wenn ich trinke, dann säuft Sinatra“. Doch: „Der hat etwas, was ich nicht habe, er hat einen kühlen Kopf. Der fällt nie aus.“

Soll man an seinem Ehrentag, den seine Familie, wie es heißt, im allerengsten Kreis mit ihm begeht, noch einmal an all die Abstürze, Aussetzer und Zusammenbrüche erinnern, die lange Zeit ebenso spektakulär wie unterhaltsam waren? Nicht trotz, sondern wegen seiner Eskapaden und Exzesse hat man ihn geliebt, verehrt – und benutzt. Er kam immer wieder zurück. Er hat seinen Spaß gehabt und das Publikum daran teilnehmen lassen, als noch niemand das Wort Spaßgesellschaft kannte. Er trank für Deutschland. Er war süchtig. Seine Drogen hießen: Publikum, Erfolg, Rampenlicht. Dabei war Harald Juhnke, selbst auf der Höhe des Erfolgs, ein „Stranger in the Night“: ein Fremder in der Nacht.

Die Schattenseiten seiner Wirtschaftswunderlustigkeit, seines West-Berliner Stehvermögens und seines hierzulande so raren Multitalents wurden zu spät wahrgenommen. Juhnke und der Alkohol: Hellmuth Karasek sprach da einmal vom „Pakt mit dem Teufel“ – „Die Schauspielerei ist für Juhnke die einzige (mögliche? vorübergehende?) Rettung.“ Und diese „Rettung“ hat ihn immer tiefer in den Teufelskreis hineingezogen. Im August 1997 fällt er, nach der letzten Vorstellung als „Hauptmann von Köpenick“ am Berliner Maxim Gorki Theater, in ein tiefes Loch. Es war seine allerletzte Theaterrolle – ein Triumph. Auch seine späten Filmrollen – in „Schtonk“, als Falladas „Trinker“ und noch einmal als Zuckmayers „Köpenick“ – waren großartige Charakterstudien, gezeichnet von den Furien, die er scheinbar kontrollieren konnte, wenn es darauf ankam.

„Ich will mit Kunst die Ausschweifungen lenken“: Juhnke hat gern Shakespeare zitiert, in seinen Konzerten, zwischen Sauf- und Altherren-Sketchen. Shakespeare aber hat er nie gespielt. Der „König Lear“ blieb – neben Las Vegas – sein großer, unerfüllter Herzenswunsch. Am Ende haben die Ausschweifungen ihn und seine Kunst gelenkt. In die Krankheit, die keine Rückkehr kennt.

Es ist, jetzt, wohl fast alles gesagt über diesen großen Künstler, über den genialischen Öffentlichkeitsarbeiter, die gläserne Person Harald Juhnke. Nun erscheinen die Nachrufe zu Lebzeiten, sieht das Fernsehen zu, wie man einen Mann ehrt, der all dem nichts mehr hinzufügen kann und dessen Gesundheitszustand eine öffentliche Vorführung verbietet.

Zuletzt hat sich Susanne Juhnke, in all den Jahren und Jahrzehnten der Ehe mit dem Entertainer als stille Dulderin bekannt geworden, zu Wort gemeldet. 2003 erschien ihr Buch „In guten und in schlechten Tagen.“ Es hat sich wohl nicht schlechter, eher besser verkauft als Juhnkes Autobiografie „Meine sieben Leben.“ Eine letzte ironische Wendung in dieser an Hintertreppen, Missverständnissen und tragischen Anekdoten so reichen Medienmenschengeschichte. Vergangenen Winter mussten auch noch einmal die Juristen sprechen – als Susanne Juhnke und Peer Juhnke, der Sohn aus erster Ehe des Künstlers, um die Vormundschaft des kranken, alten Mannes stritten. Das Sorgerecht blieb bei der Gattin.

Ronald Reagan soll, schon schwer von Alzheimer gezeichnet, einmal gesagt haben: Das Schöne an dieser Krankheit sei, dass man jeden Tag neue Menschen kennenlernt. Von Harald Juhnke wird erzählt, er drehe in seinem Kopf immer noch Filme. Mit Schauspielerkollegen und Regisseuren, die schon lange tot sind.

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