Friedensnobelpreis 2014 : Im Namen der Kinder

Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi kämpft seit Jahrzehnten in Indien für die Rechte der Jüngsten Bereits mit elf Jahren wurde er zum Aktivisten. In Berlin gab er nun Einblicke in sein Leben.

von und Winfried Konrad
Ein „gewöhnlicher Aktivist“ sei er, sagt Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi.
Ein „gewöhnlicher Aktivist“ sei er, sagt Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi.Foto: dpa

Das erste Mal in Berlin. Daran erinnert sich Kailash Satyarthi noch ganz genau. Das war 1990, „und die Mauer stand in Teilen noch“, erzählte der erste indische Friedensnobelpreisträger am Donnerstag bei der Robert-Bosch-Stiftung, die in Berlin ihren 50. Geburtstag feierte. „Ich stand zwei oder drei Stunden in einer langen Schlange an, um mir für 50 Mark einen Hammer zu leihen“, sagt er, beugt sich leicht nach vorn und lacht herzlich. Dann reißt er einen Arm nach oben und hämmert gegen eine unsichtbare Wand: „Dann habe ich angefangen, die Mauer zu brechen.“ Ein kleines Stück habe er sich herausgebrochen und mitgenommen. „Das inspiriert mich bis heute“, sagt er.

Gleich nach dem Bundespräsidenten Joachim Gauck kam Satyarthi zu Wort, mit ihm auf dem Podium saß Mohammad Yunus, der Friedensnobelpreisträger von 2006 . Später wird Satyarthi witzeln, dass die „Bosch-Stiftung gute Beziehungen nach Oslo haben muss“, denn die hat ihn eingeladen, lange bevor er als Preisträger feststand. Es ist sein erster Termin außerhalb Indiens seit der Bekanntgabe vor einer Woche.

In Deutschland hat Satyarthi das Rugmark-Siegel vorgestellt

Satyarthi hat eine besondere Beziehung zu Deutschland. Denn hier hat er 1990 seine Idee von einem Gütesiegel für Teppiche ohne Kinderarbeit zum ersten Mal präsentiert. „Ich bin ausgelacht worden – hier und in Indien“, berichtet er. Aber das Rugmark-Siegel habe „einen großen Bedarf nach Teppichen ohne Kinderarbeit erzeugt“. Er habe an die deutschen Konsumenten geglaubt und sei nicht enttäuscht worden.

"Warum schicken Sie Ihren Sohn nicht in die Schule"

Auf die Frage, was sich seit der Nachricht aus Oslo verändert habe, antwortet er: „Ich schlafe weniger.“ Und er werde ständig nach seiner Meinung gefragt. Er sei „einfach glücklich“, sagt er und macht ein wegwerfende Handbewegung, sein weißes weites Hemd flattert. Später wird er im Gespräch mit dem Tagesspiegel sagen, dass er mit elf Jahren einen Moment erlebt hat, „der mich viel glücklicher gemacht hat als der Friedensnobelpreis“. Seit dem Tag seiner Einschulung habe es ihn beschäftigt, dass auf den Stufen seiner Grundschule ein etwa gleich alter Junge mit seinem Vater gesessen habe, um „Kindern mit Träumen wie mir die Schuhe zu putzen“. Nach einer Woche habe er sich getraut, den Vater zu fragen: „Warum schicken Sie Ihren Sohn nicht in die Schule?“ Der Mann habe geantwortet: „Mein Vater war ein Kinderarbeiter, ich war ein Kinderarbeiter – und nun ist es mein Sohn. Wir sind geboren, um zu arbeiten.“ Diese Antwort konnte der Sohn „eines Polizisten und einer ungebildeten Hausfrau“ nicht akzeptieren „bis heute nicht“.

Ein Aktivist - schon mit elf Jahren

Seine Eltern hätten sich um ihre Kinder „liebevoll gekümmert“. Satyarthi hat drei Brüder und eine Schwester. Seine Familie sei „nicht arm, aber auch nicht reich gewesen“, sagt er und seine Hände malen große Kreise in die Luft. Im Verlauf seiner Grundschulzeit hätten aber immer mehr seiner Freunde die Schule verlassen müssen, „weil ihre Eltern sich die Bücher nicht leisten konnten“. Also zog der elfjährige Kailash Satyarthi mit einem Handwägelchen durch den Ort, gratulierte Kindern, die versetzt worden waren und bat um ihre Bücher, die sie nicht mehr brauchen würden. „Wir haben an diesem Tag mehr als 2500 Schulbücher gesammelt“, erzählt er strahlend. „Das hat mir so viel Selbstvertrauen gegeben, mehr als der Nobelpreis.“ Es war die Basis seiner „Buchbank“. Später verkaufte er bei Festen Tee und kleine Snacks, um damit die Schulgebühren für arme Kinder zu finanzieren.

Satyarthi befreit bis heute Kinder aus der Sklaverei

Der Vater eines 34-jährigen Sohnes und einer 38-jährigen Tochter wusste damals noch nichts von den Millionen indischen Kindersklaven. Seit etwa 30 Jahren befreit er Kinder aus der Zwangsarbeit, Sklaverei oder Prostitution. „Wenn ich in Indien bin, mache ich das immer noch.“ Er sei zwar 60 Jahre alt, „aber dabei fühle ich mich jung und dynamisch und klettere rutschige Leitern hoch“. Wenn einer eine Waffe gegen ihn richte, „lache ich“. Mit der rechten Hand folgt er seinem Körper von den Füßen bis zum Kopf, klopft sich auf seinen mit grauen Haaren durchzogenen Schopf, grinst und sagt: „Alle Knochen waren irgendwann schon mal gebrochen.“ Aber er sei „ein Kämpfer“. Ans „Aufgeben glaube ich nicht“.

Bal Mitra Gram - ein kinderfreundliches Dorf

Seine jüngste Idee heißt Bal Mitra Gram (kinderfreundliches Dorf). Er gründet Kinderparlamente, die im Austausch stehen mit den gewählten Dorfvertretern. Es geht um gegenseitigen Respekt und Beteiligung der Dorfgemeinschaft. Vor einem Jahr gelang es ihm, die Bosch-Stiftung dafür zu begeistern. Er reiste nach Stuttgart, traf dort Ingrid Hamm, die Geschäftsführerin, und „viele wichtige Leute. Zwar hatten einige Bedenken, erinnert sich Satyathi, weil die Stiftung „andere Ziele“ verfolge. „Doch ich sagte, dass Bildung, Erziehung, Gewaltfreiheit, Lebensqualität und Demokratie so eng miteinander verflochten sind, dass wir schnell eine Basis fanden.“

Zwar hat die Stiftung noch keine offizielle Förderzusage gegeben, das Kuratorium muss erst noch zustimmen. Doch ist nicht damit zu rechnen, dass die Stuttgarter Wohltäter einen frisch gekürten Friedensnobelpreisräger abblitzen lassen. Bei mehreren Besuchen in Indien konnten sich die Stiftungsexperten bereits überzeugen, dass das Geld gut angelegt sein wird. Im Gespräch mit dem Tagesspiegel kündigte Satyarthi an – und dabei funkelten seine großen braunen Augen unternehmungslustig –, dass die Idee in andere Länder exportiert werden soll.

In Bolivien hat der Kinderschützer erst mal verloren

In Bolivien, wo nach einer Regierungsentscheidung Kinderarbeit ab einem Alter von zehn Jahren erlaubt ist, hat Satyarthi, wie er im Tagesspiel-Gespräch zugab, einen schweren Stand. Seine Intervention bei sämtlichen Mitgliedern des bolivianischen Parlaments sowie bei Regierungsstellen, die Entscheidung zu revidieren, blieb erfolglos, obwohl er "an jeden einzelnen Abgeordneten einen persönlichen Brief geschrieben" habe. Doch er will nicht aufgeben: "Ich bin ein Kämpfer," sagt er - und spielt, wie er schelmisch hinzufügte, nun mit dem Gedanken, Staatspräsident Evo Morales zur offiziellen Feier anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises einzuladen.

Von der Bosch-Stiftung erwartet Satyarthi, dass sie ihm dabei hilft, ein paar Funken zu schlagen, damit sich für Kinder ein Feuer der Hoffnung entzünden lässt. Und mit Funken schlagen kennt man sich bei Bosch aus. Das Stiftungsvermögen gäbe es nicht, hätte Robert Bosch nicht die Magnetzündung für Verbrennungsmotoren erfunden.

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