Friedensnobelpreisträgerin : Zu den Menschen: Mutter Teresas Erbe lebt

Zeitlebens hat sich Mutter Teresa der Ärmsten der Armen angenommen. Ihr Orden Missionarinnen der Nächstenliebe pflegt seit dem Tod der Gründerin dieses Erbe und setzt die weltweite Arbeit fort. In diesen Tagen wäre die Friedensnobelpreisträgerin 100 Jahre alt geworden.

Keiner verkörperte die Nächstenliebe wie sie: Am Donnerstag wäre Mutter Teresa 100 Jahre alt geworden. Porträt einer Heiligen.Weitere Bilder anzeigen
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25.08.2010 13:27Keiner verkörperte die Nächstenliebe wie sie: Am Donnerstag wäre Mutter Teresa 100 Jahre alt geworden. Porträt einer Heiligen.

Das Kloster von Mutter Teresas Missionarinnen der Nächstenliebe liegt an einer vielbefahrenen Straße im Herzen von Kolkata (Kalkutta). Durch die vergitterten Fenster dringt der Lärm der indischen Millionenstadt ins Innere, wo Ordensschwestern in blau-weißen Saris geschäftig ihrer Arbeit nachgehen. In der Verwaltung klappern alte Schreibmaschinen. Im Innenhof wird Wäsche gewaschen. „Wenn Sie so wollen“, sagt eine der gut gelaunten Nonnen, „dann ist das hier das Hauptquartier unserer Organisation“.

Stille herrscht im Erdgeschoss des 1953 bezogenen Mutterhauses, wo die vor 13 Jahren gestorbene Ordensgründerin ihre letzte Ruhe gefunden hat. In der Mitte des Raumes ist ein weißer Sarkophag in den Boden eingelassen, geschmückt mit Blumen und Kerzen. Immer wieder treten Schwestern ans Grab, um zu beten. Für sie ist Mutter Teresa, die am 26. August 100 Jahre alt geworden wäre, hinter diesen Klostermauern noch genauso präsent wie andernorts bei ihrer täglichen Arbeit für den Orden.

Mutter Teresa war ein Mensch der Tat, wie sich Schwester Andrea erinnert, die vor einem halben Jahrhundert aus Bayern nach Kolkata kam, um sich den Missionarinnen anzuschließen. „Sie hat uns beigebracht, in die Welt hinaus zu gehen und die Augen für die Armut zu öffnen.“ Zudem habe sie die jungen Frauen gelehrt, keine Angst davor zu haben, Bedürftigen beizustehen und neue Wege zu beschreiten. „Wir müssen zu den Menschen, auf die Straße, wo sie liegen und fallen“, sagt die 71-Jährige. „Wo sonst niemand hingeht, dort ist unser Platz.“

Eine halbe Autostunde vom Kloster entfernt gibt es so einen Ort - das Sterbehaus Nirmal Hriday (Reines Herz). Mutter Teresa hat es 1952 im Stadtteil Kalighat als erste Einrichtung ihres Ordens eröffnet, zwei Jahre nachdem der Vatikan diesen offiziell anerkannt hatte. Nach Indien war die in Skopje (heute Mazedonien) geborene Agnes Gonxha Bojaxhio 1929 als Novizin gekommen. Mitte der 40er Jahre habe sie Gottes Ruf vernommen und damit begonnen, sich um die Ärmsten der Armen zu kümmern, berichtet Schwester Andrea. „Sie spürte immer, dass Gott die treibende Kraft für unsere Arbeit ist.“

Die Einrichtung in Kalighat ist seit ihrer Gründung zum Synonym für die Arbeit des Ordens geworden. Mutter Teresas Haus für kranke und sterbende Arme steht über dem Eingang. In zwei riesigen Sälen werden 110 Männer und Frauen von Nonnen und zahlreichen Freiwilligen aus aller Welt versorgt. Vielen kann mit einfachen Mitteln Linderung verschafft werden. Andere sind hier, um in Würde zu sterben. „Seit der Eröffnung hat man uns 87 000 Menschen gebracht“, sagt Schwester Glenda, die resolute Oberin. Mehr als 36 000 davon seien gestorben.

Kritiker bemängeln, dass es in den Häusern des Ordens keine angemessene medizinische Versorgung gibt. Schwester Glenda weist die Vorwürfe zurück. Wir sind kein Krankenhaus, sagt sie. Leidende Menschen, bei denen Hoffnung auf Heilung bestehe, würden an Ärzte vermittelt. Auch die Behandlungskosten übernehme der Orden.

„Ohne die Hilfe der Schwestern wäre ich jetzt tot“, mischt sich der 50-jährige Ram Bahadur ins Gespräch ein. Nach einem schweren Unfall vor ein paar Jahren sei er vor dem Sterbehaus abgelegt worden. „Als mir niemand helfen wollte, haben die Schwestern 400 000 Rupien (knapp 6700 Euro) für meine Operation bezahlt und mich gepflegt.“ Schwester Glenda lächelt und sagt: „Viele kommen in einem wirklich fürchterlichem Zustand zu uns, doch Gott nimmt sich ihrer immer an.“

Inzwischen gibt es die Missionarinnen der Nächstenliebe in 137 Ländern. Vor allem im Westen sehe die Arbeit jedoch anders aus als in Indien, denn in New York oder Sydney müssten nicht viele Menschen auf der Straße sterben, sagt Schwester Andrea. Doch Leid gebe es überall. „Mutter sagte immer, die größte Seuche der Neuzeit ist nicht Aids, sondern das Gefühl, sich ausgestoßen und unerwünscht zu fühlen.“ Dieser Kampf gegen die Armut der Seele sei noch schwerer zu führen als der Kampf gegen Hunger und Krankheit.

Auch in den nächsten Jahr wird der Orden weiter wachsen. Schwester Andrea schränkt allerdings ein: „Wir planen unser Arbeit eigentlich nicht im Voraus, denn wir gehen nur dorthin, wohin man uns ruft.“ Anfragen gebe es jedoch viele. „Das geistige Erbe, dass uns Mutter hinterlassen hat, inspiriert uns und unsere Arbeit weiter. So lange wir dieses Erbe pflegen und auf Gottes Stimme hören, so lange werden wir weitermachen.“ Und mit einem Lächeln fügt die deutsche Ordensschwester hinzu: „Eigentlich können wir erst aufhören, wenn es keine Armen mehr auf dieser Erde gibt.“ (dpa)

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