Welt : Frohes Fest!: Nur Erbsenzähler zählen Kalorien. Ein Lob des Schmausens.

Katja Lange-Müller

Völlerei - ein seltsam antiquiertes Wort, - und doch weiß der nicht auf den Mund gefallene Mensch, selbst ein so genannter moderner, schon noch, was damit gemeint ist: Schlemmen, Futtern, Spachteln, Reinhauen É, ja, Nachgießen natürlich auch.

Dass die Völlerei, die Unmäßigkeit, wie die Katholiken den Hang zum Genuss nennen, eine Sünde sein soll, eine der sieben Todsünden sogar, kann ich, obwohl das einer eingefleischten Heldin wie mir egal sein dürfte, nicht verstehen. Schließlich fressen und saufen auch die Tiere, selbst die friedlichsten, bei jeder sich bietenden Gelegenheit mehr als nötig wäre gegen den simplen Hunger. Sind die Hyänen, Boas, Rehe, Kaninchen oder Blaumeisen deswegen Sünder?

Nein, beim heiligen Franz von Assisi! Denn das Tier gilt als bewusstseinslos, also nicht schuldfähig. Aber ich kleine glanzlose Perle in der "Krone der Schöpfung", ich soll Maß halten, beim ersten Sättigungsgefühl die Gabel niederlegen, statt Sauerbraten, Kloß und Rotkohl den inneren Schweinehund besiegen. Und außerdem, habe etwa ich das Paradies und den Menschen und den Apfel und die Schlange geschaffen oder die Legende von einer verführten Verführerin namens Eva, die an allem schuld sein soll, sogar daran, dass die Wölfe seither Pflanzenkostverächter sind? Und der gute alte Noah, der Larven, Puppen, Eier diversen gottgewollten Landgetiers sowie je ein Paar des vier- und zweibeinigen Proviants vor der ebenso gottgewollten Sintflut rettete, hat der sich vielleicht nicht sinnlos besoffen, als er fertig war mit dem Bau der Arche?

Apropos Sintflut und Saufen, was war eigentlich mit den Fischen während des "großen Regens", der hinwegspülen sollte "jedwede Kreatur, welche empfangen hat Gottes Odem"? Waren der im Alten Testament ausdrücklich erwähnte Wal und all die andren Meeresbewohner, die der Dauerregen ja nur gefreut haben kann, nicht auch Geschöpfe des jähzornigen Jahwe?

Welch eine schlaraffenländisch orgiastische Extremvöllerei muss die Sündflut für die gewesen sein. So viel Fleisch wie damals ist Krake, Hai, Seehund und Konsorten nie wieder vor die Mäuler geschwommen. Und auch der Herr selber war einstmals offenbar kein Vegetarier. Oder warum waren ihm die blutigen Opfer des Viehzüchters Abel wohlgefällig, während er die Feldfrüchte des Ackerbauers Kain verschmähte, bis der gedemütigte Kain seinen Bruder Abel erschlug? - Fragen einer schreibenden Genießerin an die mythologischen Wurzeln ihrer jüdisch-christlichen europäischen Kultur.

Eigentlich habe ich meine gut sortierte Küche ja nur verlassen und mich widerstrebend an die Tastatur gesetzt, weil ich die Völlerei einmal auch verbal loben wollte, was derzeit gar nicht so leicht fällt. Das Ossobucco könnte Wahnsinn übertragen, das Omelette surprise Salmonellen haben, im rohem Lachs für die Sushi sind womöglich tückische Fadenwürmchen, Bakterien und Straphylokokken, das Geschnetzelte Züricher Art leidet an einer Überdosis Antibiotika.

Aber erstens kommen mir derartige Bedenken meist erst, wenn ich meine Portion restlos verputzt habe, und zweitens liebe ich das Risiko, wie jene japanischen Feinschmecker, die sich mit angehaltenem Atem Häppchen vom köstlichen Fogo einverleiben und genau wissen, wenn der Koch beim Ausnahmen dieses Kugelfisches auch nur geringfügigst dessen Giftdrüse geritzt hat, so dass winzigste Spuren der stark lähmenden Substanz das Fischfleisch kontaminieren konnten, dann fallen sie demnächst tot um. Von dieser Seite betrachtet, hat der bislang nur metaphorisch zu verstehende Ausruf "Ich könnte sterben für einen Hamburger!" seit Neustem doch einen ganz anderen Klang.

Nun müssen auch die weniger Kühnen unter uns Ritterinnen und Rittern der Tafelrunden nicht gleich das Besteck wegwerfen, schon gar nicht dieser Tage, da die üppigsten Festmähler des Jahres nahen. Sowieso bin ich der Meinung, dass Gans und Ente zu jeder Zeit und bei jedem Wetter munden, vielleicht mit Radieschensalat, Spargel, Schmorgurke, Pilzen. - Oder sind die Wildchampignons, die ja gern auf Weiden wachsen, auch schon BSE-verdächtig? - Und den weit verbreiteten Leckermäulern, Süßschnäbeln, Schokoholics jedweden Alters und Geschlechts, die für die Weihnachtstage ohnehin wie geschaffen sind, drohte schließlich nie Schlimmeres als der eine oder andere kariöse Backenzahn, aber erst jetzt haben sie wirklich unschlagbare Argumente.

Also lassen Sie uns ruhig mal mit dem Dessert anfangen, dem möge der Käse folgen oder - vor dem Geflügelgang - der Krabbencocktail, und die Suppe nehmen wir, weise wie die Chinesen, zum Schluss, wenn schon fast nichts mehr rein geht. Dazu werden wir trinken, Schampus, roten Wein und weißen, auch mal einen edlen Geist, einen Kirschlikör, ein kühles Pils. Lange wollen wir sitzen an immer anders gedeckten Tischen, die sich biegen unter der Last immer neuer Platten, Schüsseln, Flaschen, und nicht Erbsen zählen noch Kalorien, sondern höchstens die Jahre, die uns noch zum Essen bleiben. Denn "wir sind alle nur Gast auf Erden" und das einzige, was wir in unserem so und so vergänglichen Menschenleben mit der Zeit immer mehr genießen, ist der Geschmack der Gerichte, der Duft der Früchte, der Abgang eines großen Schlucks vom reifen Burgunder. Und wie sagte schon die kluge Marlene Dietrich: "Was ist die Liebe gegen einen Teller voll Bratkartoffeln!"

Aber fast schöner als selber essen und fett werden ist das Kochen. Wer kochen oder singen kann, am Besten beides, macht sich Freunde wie kaum je ein Spitzensportler. Für keine anderen Künste ist der Mensch so offen wie für meisterhaft zubereitete Speisen und die Musik. Die Töne dringen durch die Ohren vor in sein Innerstes, doch für Labendes in mehr oder weniger fester Form hat er gleich drei von sensiblen Sinnesorganen bewohnte Löcher. Und schließlich essen und trinken auch noch die Augen mit; die, so sagt man, sind manchmal sogar größer als der Magen.

Darum will ich nun den Deckel über meinem "Laptopf" schließen und zurück in die Küche eilen, wo ein Landhuhn nackt und zart seiner Pflaumenfüllung harrt. Und vor dem Braten gibt es getrüffelte Spagetti und Zander in italienischer Kaperntunke. Und möge der Schöpfer aller Zutaten verhüten, dass einer meiner erprobten Tischgenossen wieder einen ungeladenen Banausen anschleppt, der die Trüffelscheibchen zum Tellerrand schiebt und die echten ganzen Kapern grob unauffällig unter seine Serviette zaubert oder fragt, ob der Fisch wirklich frisch ist.

Den hänge ich in den Baum, von dem ich das Huhn gepflückt habe, so wahr mir Gott helfe - zumindest beim Kochen und beim Essen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar