Welt : Frohes Fest!: Was Gott erlaubt

Lothar Tubbesing

Moralisch brachte Jesus die frühe Christenheit in eine arge Bredouille. Ein Religionsgründer, der mit einfachen Leuten zechte, alle Speisen für rein erklärte und mit dem Letzten Abendmahl ein Essen im Freundeskreis zur rituellen Handlung und zur eigentlichen Grundlage der von ihm gestifteten Religion aufwertete - das mussten vor allem die Askese-gewohnten Eiferer unter den Anhängern Jesu erst mal verkraften.

An Versuchen, die christliche Lehre in dieser Hinsicht umzuinterpretieren, fehlte es nicht. So erklärte der in der Wüste lebende Mönch Poimen um 340 n. Chr.: "Wie können wir die Furcht Gottes gewinnen, wenn wir den Bauch mit Käse füllen und die Vorratskrüge mit Pökelfleisch?" Der Mönchsvater Johannes Cassianus setzte in seinem "Katalog der acht Laster" die "Gastrimargie" (Schlemmerei) gleich an die erste Stelle.

Als gefährlich und sozialschädlich wird die Feinschmeckerei von den Kirchenvätern allerdings nur selten um ihrer selbst willen betrachtet, sondern stets dann, wenn sie weitere Laster im Gefolge hat. Der zügellose Mensch wird, so die Hauptaussage der Bibel, irgendwann auch habgierig, egozentrisch, mitleidlos und hartherzig. Eine etwas subtilere Meinung zum Thema vertrat Thomas von Aquin, der dem Gourmand lautere Motive zubilligt, während er den Gourmet der Sünde überführt: "Wer im Essen das Maß überschreitet in der Meinung, so viel Speise sei ihm Bedürfnis, der sündigt nicht aus Gaumenlust; er ist gewissermaßen nur unerfahren. Wenn aber einer aus ungeregelter Begierde nach dem Ergötzen zu viel Speisen nimmt, der sündigt durch Gaumenlust."

Überhaupt hat Thomas von Aquin sich mit der "gula" - der Fresslust - aufs ausführlichste beschäftigt; in seiner theologischen "Sunima" widmet er ihr gleich sechs Kapitel. Von ihm stammt auch der Ausspruch "Melius est ditare quam philosophare" - was nichts anderes bedeutet als "Essen ist besser als Philosophieren". Zufall ist das wohl nicht: Der hl. Thomas trug ein Lebensgewicht von 200 Kilogramm mit sich herum, weshalb man in seinen Refektoriumstisch sogar eine eigene Ausbuchtung fräsen musste, damit der "Doctor angelicus" seine Leibesfülle zwischen Tisch und Bank verstauen konnte.

Wenn man sich die Bibel genauer ansieht, wendet sie sich zwar eindeutig gegen jegliche primitive, egoistische Lust, redet andererseits allerdings einer Lust das Wort, die sich dem Erhabenen, dem Feinsinnigen und Positiven zuwendet. Die positive Seite der Lust ist nämlich die Freude, ein Begriff, der immer wieder in der Bibel vorkommt. Die Freude ist in der diesseitigen Welt (als Vorgeschmack) ebenso beheimatet wie in der jenseitigen, ja, sie kann sogar als Klammer beider Welten gelten. Freude kann man jedoch aus biblischer Sicht niemals für sich empfinden - sie ist etwas, das man teilt, ja, teilen muss. So betrachtet, ist auch das letzte Abendmahl ein Fest der Freude.

Und eins wusste Jesus ohnehin ganz genau: Nicht das, was durch den Mund eindringt, verdirbt den Menschen, sondern vielmehr das, was aus dem Herzen herauskommt.

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