Welt : "Frühling": Die Zeit hat über tausend offene Poren

Eva Leipprand

"Helfen Sie mir!" Seltsam orientierungslos beginnt dieser Text, mit zerhackten Sätzen und rhythmisch gesetzten Zeichen, wie das auch Thomas Lehrs Berliner Autorenkollege Reinhard Jirgl macht. Hier spricht ein Verwirrter, der nicht weiß, wer und wo er ist, wie betrunken, unter Wasser. Ein "herrlicher weißer Blitz" hat ihn in diesen Zustand glücklichen Vergessens gebracht. Er spricht zu einem Begleiter, seinem "dunklen Freund", manchmal auch zu einer Frau, Angelika, und während der Leser noch rätselt, wo er sich hier eigentlich befindet, ist er schon untergetaucht in der wundersamen poetischen Welt dieses Buches: "Nachtseide, Schilf, Silber, Zikadentöne, tausendfaches Halmgeraschel, kein Weg unter den Füßen, ein samtener flüsternder Dschungel".

Der Leser ist so orientierungslos wie der Sprecher, er geht den gleichen Weg der Erkenntnis. Erst am Ende, wenn auch der Sprecher Klarheit über das Muster seines Lebens gewonnen hat, erkennt der Leser die Struktur der Erzählung. Von ":39" bis ":01" sind die Kapitel überschrieben, es sind die neununddreißig letzten Sekunden eines Sterbenden, der Übergang zwischen Leben und Tod. Wie in Dantes "Göttlicher Komödie" wird der Sprecher erst in die Hölle und dann durchs Purgatorium ins Paradies geleitet. Sein "Führer durch die Poren der Zeit" ist der Tod, Angelika ist seine Beatrice. Um ihn herum sind andere in Scharen, "Silberhäutige" und "Rauschwandelnde", auf dem gleichen Weg unterwegs.

Vom Ende her gelesen, ist das zerfließende Niemandsland wohlüberlegt aufgebaut. Zentrale Bilder der Erinnerung flackern auf, erst nur hie und da, zucken dann immer häufiger durch den Textstrom, bis sie dem sich nur widerwillig Erinnernden allmählich die Schlüsselszenen seines Lebens vor Augen führen - den Sommertag am See mit dem Bruder, den Fremden im Garten, den Boten einer eiskalten Wahrheit, die die Familie zerstört; den Tod des Bruders auf den Bahngleisen; die furchtbare Vergangenheit des Vaters, den Appellplatz von Auschwitz; das Haus, den Pinienhügel, wo der Erzähler gemeinsam mit der Freundin aus dem Leben geht; den Blitz des Schusses, die gleißende Helligkeit.

Aus der Wirklichkeit dieser Szenen wächst die Bilderwelt des Buches. Ein Wissenschaftskongress verwandelt sich in ein riesiges Purgatorium, das auch Züge von Auschwitz trägt, der Hölle schlechthin. Die innerpsychischen Bilder schlagen um ins Mythische, Kosmische. Im Wasser wie im Weltall treibend, "ein unbescholtener Astronaut", schwebt der Sprecher über der Stadt, bis er dann hineingezwungen wird in ein konkretes Haus, in ein irdisches Leben von Irrtum und Schuld.

Während Lehrs letztes Buch, "Nabokovs Katze" (1999), in die vertrauten Kategorien des Bildungsromans einzuordnen war, erinnert "Frühling" an Lehrs umfangreichen Roman "Die Erhörung" (1994), eine Traumwelt "im Zwielicht aus Irrsinn und Vision ge-schaut". Damals kam die Bildkraft aus einem schizophrenen, jetzt aus dem von einer Kugel durchschossenen Gehirn. In beiden Büchern schöpft der Autor kenntnisreich aus den Menschheitsarchiven Mythos und kultureller Tradition.

Lehr nennt sein schmales Buch "Novelle". Der Meister der Novelle, Kleist, ist zusammen mit Henriette Vogel freiwillig aus dem Leben geschieden - das Modell für die Todesszene, aus der Lehrs Text entspringt. Trotzdem erscheint die Gattungsbezeichnung "Novelle" hier zunächst ganz unpassend. Die Erzählung steuert ja keineswegs gradlinig und objektiv berichtend auf eine "unerhörte Begebenheit" zu, sie ist eine in sich geschlossene Fantasie des Übergangs, als Ganzes unerhört. Der Punkt, auf den sie sich zubewegt, der Punkt Null, ist eher Auflösung als Zuspitzung.

Lehrs Buch liest sich also wie die Umkehr einer Kleistschen Novelle, und "Umkehr" ist ein Schlüsselwort der Erzählung. Schon im Akt des Selbstmords kehren sich die Rollen um von Mann und Frau, und auch sonst geschieht Umkehr überall im Text, Luft in Wasser, Hell in Dunkel, Oben in Unten. Die Umkehr ist die Bedingung für den Weg von der Hölle ins Paradies, sie bedeutet Heilung oder Auferstehung - oder auch, nach dem Dante-Motto zu Beginn: Frühling.

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