Welt : Fuchs-Jagdverbot: Nahkampf im Unterholz

Hendrik Bebber

Malcolm steht früh auf. Er ist ins Grüne aufgebrochen, lange bevor sein Gegner, der "Master of the Hunt" nach dem "Bügeltrunk" das Jagdsignal bläst. Wie ein Guerillero schleicht sich Malcolm mit seinen Freunden, die die Füchse beschützen, im Morgengrauen durch das Unterholz.

Jagdhelfer verstopfen die Löcher in den Fuchsbauten, um damit zu verhindern, dass die Tiere nach ihren nächtlichen Beutezügen wieder unter der Erde verschwinden. Die Jagdmethode besteht darin, dass die Hundemeuten am Bau die Fährte aufnehmen und die Füchse auf dem freien Feld mit den Reitern verfolgen können. "Ich kann diese blutgierigen Fatzkes nicht ausstehen", murmelt Malcolm, während er Zitronenduft auf die Fuchsfährten sprüht. Im grünen Overall steckt die Jagdtute, mit deren falschen Signalen er später die Hunde weiter zu verwirren sucht. Schon mehrmals wurde Malcolm von aufgebrachten Landbewohnern unsanft von den Jagdgründen vertrieben. Und wenn sie nur könnten, würden viele Jäger lieber die Hunde auf die "Sabs" hetzen als auf den Fuchs, den sie als "fairen Gegner" liebevoll "Charley" nennen.

Malcolm hat dafür nur Verachtung übrig. "Die wenigsten dieser Sonntagsreiter sehen, wie ihr harter Kern mit "Charley" umspringt. Wenn es ihm gelingt, in seinen Bau zurückzufliehen, wird er von Terriern geortet und ausgegraben. Glücklich ist der, den dann ein Schaufelhieb trifft. Die meisten werden jedoch von der Hundemeute in Stücke gerissen. Die angebliche Klassenlosigkeit des "Feldsports" ist für Malcolm nur eine Schutzbehauptung. "Wer kann sich schon die 12 000 Mark leisten, die die Pferde, ihr Unterhalt, Ausrüstung und die Teilnahmegebühren mindestens im Jahr kosten. Zwar mögen einige Sekretärinnen und Briefträger mit galoppieren, aber im Großen und Ganzen ist und bleibt es ein Privileg des Land- und Geldadels, die die meisten "Master of the Hunt" stellen." Malcolms Abneigung gegen die Monarchie wird durch die Fuchsjagd noch bestärkt, an der Charles und Camilla begeistert teilnehmen, obwohl der Kronprinz sich so viel auf seine Natur-und Tierliebe einbildet. Zum Entsetzen von Prinzessin Diana wurde auch Prinz William von seinem Vater dafür begeistert und erhielt nach seiner ersten Jagd das traditionelle "blooding" - einige Tupfer frischen Fuchsblutes auf Wangen und Stirn.

Doch trotz königlicher Protektion fürchten die Fuchshetzer ihr letztes Halali. Nach einer von beispielloser Emotion und Härte geführten Diskussion hat das britische Unterhaus in der Nacht zum Donnerstag ein Verbot der Fuchsjagd mit Hunden beschlossen. Tierschützer, die mit Plakaten blutüberströmter Fuchsköpfe vor dem Parlament aufgezogen waren, brachen in Jubel aus. Enttäuschte Anhänger der Jahrhunderte alten Jagdtradition schworen, sie würden für ihren Lieblingssport auf dem Rücken der Pferde auch ins Gefängnis gehen. Mit 387 gegen 174 Stimmen hatten die Abgeordneten für ein Verbot gestimmt.

Das Gesetz geht jetzt zur Beratung ins Oberhaus, wo eine Ablehnung als sicher gilt. Ob und wann es tatsächlich in Kraft tritt, bleibt ungewiss.

"Sentimentale Städter, die unser Landleben zerstören wollen", erhitzt sich Sheila Clark. Die Frau könnte keiner Fliege etwas zuleide tun, aber sie streitet leidenschaftlich für das Recht der berittenen Rotröcke, weiter Füchse mit Hundemeuten zu Tode zu hetzen. In der idyllischen Dorfkneipe von Box in der Grafschaft Wiltshire schwappt das Bier in den Gläsern, so erregt ist Sheila. Sie und ihre Freundin Penelope sind überzeugte Anhänger des "Feldsports", wie die Fuchsjagd in ihren Kreisen heißt. "Die Städter sehen die Füchse als niedliche Kuschelwesen und füttern sie in ihren Vorgärten. Wer auf dem Lande lebt, weiß, dass sie Raubtiere sind, die den Bauern riesigen Schaden bei Lämmern und Geflügel verursachen, wenn der Bestand nicht kontrolliert wird. Gareth Evans verschluckt sich bei diesen Worten an seinem Bier. "Was für ein Unsinn. Ich habe immer auf dem Land gelebt, reite seit meiner frühen Kindheit und verabscheue diese Barbarei, die auch nicht besser wird, weil sie altmodisch ist," empört sich der Mann. "Redet mir doch nicht von Effizienz, wenn hundert Reiter und fünfzig Hunde stundenlang einen einzigen Fuchs zu Tode hetzen. Es geht dabei einfach um den gesellschaftlichen Firlefanz und die Freude am Killen". Tatsächlich gehört das Bild von Ross und Reitern, die in roten und dunkelblauen Röcken hinter prächtigen Meuten über die grünen Felder sprengen, zu den Idyllen Englands.

Die "Feldsportfreunde" und die "Blutsportgegner" haben immer einen aufregenden Tag vor sich, wenn sie sich im "Wappen des Königs" von Monkton Farleigh treffen. Der Wirt, der die Kontrahenten - freilich in getrennten Räumen - bewirtet, ist "neutral".

Mit der Abstimmung im Unterhaus sei das von der Labour-Regierung propagierte Verbot ein "historisches Stück näher gekommen", schrieb der "Independent". Zugleich müssten aber Zweifel daran erlaubt sein, ob Premierminister Tony Blair nach der weiteren parlamentarischen Behandlung auch am Ende der "schlaue Fuchs" bleiben werde. Blair hatte sich persönlich für ein Verbot eingesetzt, war dann zur Abstimmung wegen Verpflichtungen in Nordirland aber nicht erschienen.

Dies wurde ihm in den Kommentarspalten am Donnerstag als "politische Feigheit" ausgelegt. Dem Premierminister, schrieben gar so Labour-freundliche Blätter wie der "Mirror", gehe es eben nicht um die Wohlfahrt der Tiere, sondern angesichts der im Mai erwarteten Neuwahlen nur um "zynischen Opportunismus." Labour habe sich ausgerechnet, dass die Abstimmung sie höchstens sechs Abgeordnetenmandate kosten könnte. Das sei angesichts der Popularität eines Verbots zu verkraften, für das nach jüngsten Umfragen 48 Prozent der Bevölkerung eintreten.

Nach Ansicht der "Mail" sollte es Blair zu denken geben, dass sechs seiner Kabinettsminister gegen ein Verbot stimmten. Neben Innenminister Jack Straw stimmten unter anderen Außenminister Robin Cook, Finanzminister Gordon Brown und Nordirland-Minister Peter Mandelson für eine Kompromissformel, wonach die Jagd künftig mit Lizenzen reguliert werden soll.

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