Welt : Fuchsteufelswild

Britische Jäger sehen im Treibjagdverbot einen Aufruf zum Klassenhass – und proben den Widerstand

Matthias Thibaut[London]

Pünktlich um Viertel vor 11 heute morgen wird die „Old Surrey, Burstow and West Kent Hunt“ bei der Warren Barn Farm in Woldingham zusammenkommen. Eines von schätzungsweise 250 Jagdtreffen, die von trotzigen Jagdvereinen fürs Wochenende geplant sind – keine 24 Stunden, nachdem das Verbot der Fuchstreibjagd mit Hunden in Kraft getreten ist. „Alle sind eingeladen, die die Freiheit lieben und Vorurteile hassen“, so Jagdmeister Graeme Worsley. Für Jagdfreunde soll es ein Wochenende des Widerstands und Protests werden.

Was genau bei den Jagden an diesem Wochenende geschehen wird,  ist erst einmal im Paragraphendickicht des neuen Gesetzes verborgen. Hunde dürfen ja immer noch an den Fuchsbau herangeführt werden, um den Fuchs vor den Lauf eines Gewehrs zu treiben. Und was, fragen die Treibjäger unschuldig, wenn ein Hund die Fährte eines Fuchses aufnimmt und einfach losjagt, so wie es sein Instinkt seit Tausenden von Jahren ist? Ein neues Handbuch für legales Jagen der Jagdlobby soll Britanniens Jäger mit den Details eines Gesetzes vertraut machen, dass nach Ansicht vieler Rechtsexperten und der Mehrheit des britischen Oberhauses verworren und undurchsetzbar ist.

Aufmerksam werden allerdings die „Jagd-Saboteure“ das Geschehen verfolgen. Sie haben seit bald 20 Jahren versucht, den Jägern das Handwerk zu legen - oft mit illegalen Mitteln und Gewalt. Nun treten sie als Hüter des Gesetzes auf. Die Polizei signalisierte oft genug, dass sie nicht genug Geld hat, hinter jeden Baum im Wald einen Polizisten zu stellen, geschweige denn den Dutzenden von Hunden einer Meute nachzujagen. „Ab heute sind wir die Kriminellen“, sagen kopfschüttelnd die Jäger. „Doch dies ist nicht das Ende“, warnte Mark Bycraft von der Old Surrey Hunt nach der letzten legalen Jagd am Donnerstag. „Unterschätzt nie die Entschlossenheit eines Jägers!"

700 Stunden parlamentarischer Debatten wurden auf das Gesetz verwendet – mehr als auf den Irakkrieg. Doch während die Briten nach all den Empörungen über den Waffengang wieder zur Tagesordnung übergegangen sind und aller Wahrscheinlichkeit nach im Mai sogar Tony Blair wieder wählen, ist ein Ende der Kontroverse um die Fuchsjagd nicht in Sicht. Schon deshalb, weil bis heute bei den Briten keine Einigkeit darüber besteht, was nun eigentlich verboten wurde: ein barbarischer Akt gegenüber dem Fuchs oder eine traditionelle Lebensform, eine kulturelle Aktivität, die Jahrhunderte lang soziale Sitten und Bräuche, die englische Landschaft, die englische Kunst und Literatur mitgeprägt hat.

„Seit gestern ist Großbritannien ein kleines bisschen zivilisierter geworden“, freut sich der Labour-Abgeordnete Tony Banks, der sich mit besonderer Begeisterung für das Verbot des „grausamen Sports“ eingesetzt hat. „Ihr jagt der Vergangenheit hinterher“ höhnte Arbeiterdichter Ian MacMillian. Mit dem kraftvollem Akzent eines nordenglischen Proletariers durfte er in der BBC sein Gedicht zum Ende der Jagd verlesen.  „Ihr reitet über ein Land, das es nicht mehr gibt“, rief er den Rotröcken zu. Und: „Die Demokratie hat gesprochen“. Es klang, nicht nur in den Ohren von Jägern, etwas höhnisch.

Anders sah es der Chefredakteur des „Country Life“ Magazins“: Die Jäger seien „gesetzesfürchtige, ordentlich gekleidete, disziplinierte Bürger, die niemandem etwas zu leide tun, unter sich bleiben und in den Nachrichten von den der Gesetzlosigkeit in den Städten, den Raufereien und dem urbanen Chaos hören“, tönte er. „Wie können es Politiker rechtfertigen, ihre ordentliche, ländliche Lebensform zu zerstören?"

Blairs Labour-Partei, die ein modernes Großbritannien  ohne Klassenunterschiede will, muss sich vorwerfen lassen, mit dem Verbot alte Vorurteile, sogar Klassenhass zu begünstigen. Aber ab heute sind die britischen Jäger die antiautoritären Rebellen, die sich auf demokratisch-revolutionäres Widerstandsrecht berufen.

Nur drei Labourabgeordnete stimmten gegen das Jagdverbot. Eine von ihnen, die Ex-Sportministerin Kate Hoey, saß noch nie auf einem Pferd. Im Unterhaus bezeichnete sie das Verbot jedoch als Bruch des Vertrauens der Bürger, „dass Minderheiten vor Selbstgerechtigkeit und Intoleranz beschützt werden“. Heute wird sie auf einem der vielen Massenproteste in Didmarton Gloucestershire sprechen.

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