Fünf Jahre nach "Katrina" : Neu Orleans

Fünf Jahre nach dem Hurrikan „Katrina“ zeigt die Stadt New Orleans einen ungebändigten Überlebenswillen und Stolz auf den Wiederaufbau.

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Die Kirchenglocken begleiten die Freude und den Schmerz, das Leben und den Tod. Sie verbreiten am Sonntagmorgen das erhebende Gefühl, nach einer erfolgreichen Arbeitswoche ausruhen zu dürfen. Sie läuten auch, um Verstorbenen das letzte Geleit zu geben.

Wenn heute Abend die Glocken der St.-Louis-Kathedrale in New Orleans erklingen und Menschen mit Kerzen in den Händen den Platz vor ihrem Portal füllen, mischt sich beides zugleich: das Totengedenken mit dem Dankgottesdienst sowie die Trauer über das Verlorene und die vielerorts bis heute sichtbaren Wunden, die die Katastrophe gerissen hat, mit dem Stolz auf den Wiederaufbau. Die Rückkehr der Stadt, die Hurrikan „Katrina“ zu mehr als drei Vierteln verwüstet hatte, in nur fünf Jahren ist eine Geschichte von Überlebenskraft und bestem Lokalpatriotismus. Viele Amerikaner hätten dies in New Orleans, dessen Name für Ausschweifungen und Korruption steht, kaum für möglich gehalten.

Touristen treffen heute auf eine Stadt, die äußerlich so aussieht wie vor dem Sturm. Hinter den Kulissen ist es eine andere Stadt als zuvor. Der Wirbelsturm hat einen Teil der alten politischen Klasse von der Macht vertrieben. Das Schulsystem wurde reformiert. Die Bevölkerungszahl ist geschrumpft, von rund 450 000 auf 350 000. Nicht alles hat sich geändert, zum Beispiel die Kriminalität. Mit 150 bis 200 Morden im Jahr hat New Orleans wieder die höchste Rate pro Kopf unter den amerikanischen Großstädten, genau wie vor dem Hurrikan. Aber die „Saints“ haben die Meisterschaft gewonnen, nachdem das Footballteam zuvor jahrelang enttäuscht hatte. Ihr Triumph wurde zum stolzesten Moment der Stadt in der Post-„Katrina“-Ära.

Am 29. August 2005 hatte „Katrina“, ein Wirbelsturm außergewöhnlicher Stärke mit Windgeschwindigkeiten um die 200 km/h die Südküste der USA erreicht. Nicht nur New Orleans wurde zerstört. Auf einer Breite von mehreren hundert Kilometern fegten Sturm und Wellen auch in den Bundesstaaten Mississippi und Alabama Häuser in Strandnähe weg, katapultierten Boote hunderte Meter landeinwärts, knickten mächtige Bäume und Strommasten, wirbelten tonnenschwere Fahrzeuge durch die Luft. 1800 Menschen starben.

In New Orleans hielten Dämme und Pumpensystem dieser Naturgewalt nicht stand. Die Stadt ist eingeklemmt zwischen dem Lake Pontchartrain, einem riesigen Binnensee im Norden, sowie den Mäandern und Seitenarmen des Mississippi im Süden. Viele Viertel liegen unter dem Meeresspiegel und sind nur dank eines komplizierten Entwässerungssystems bebaubar und bewohnbar. Dessen Wartung und Modernisierung war seit Jahrzehnten vernachlässigt worden. Der Sturm und der tagelange Dauerregen, den das Tief mit sich brachte, führten zur Überlastung. Der Druck der Wassermassen stieg von allen Seiten zugleich: vom See im Norden, dem Mississippi sowie dem Kanalsystem in der Stadt.

Die eigentliche Zerstörung brachten nicht die Sturmwinde, sondern ihre Folgen. Die Dämme brachen. Ganze Stadtviertel standen wochenlang unter Wasser. Die Fluten waren mit Fäkalien und Industrieabfällen verseucht. Was übrig blieb, verlangte nach Abriss oder kompletter Sanierung.

Amerikas Medien konzentrieren sich in den Berichten zum Jahrestag auf das French Quarter und auf die Lower Ninth Ward, wo die ärmeren Afroamerikaner wohnten. Sie dienen als Gegenpole, was in den Jahren erreicht wurde und was nicht. Dort finden die Fernsehteams die Bilder, um die Extreme zu illustrieren.

Jazzkneipen, Karaoke-Bars und Erotikschuppen in der Bourbon Street wetteifern wie eh und je mit ohrenbetäubender Beschallung um die Aufmerksamkeit. Touristen genießen das in den USA außergewöhnliche Privileg, mit einem Bier oder einem anderen alkoholischen Getränk in der Hand durch das French Quarter mit seinen schmiedeeisernen Vordächern und Balkons zu flanieren. In fast allen anderen Städten Amerikas ist das verboten. Aus den Restaurants dringen die verführerischen Düfte lokaler Spezialitäten wie Gumbo, gegrillte Austern, Shrimp Creole.

Diese Bilder konnte man freilich auch schon im Herbst 2005 wieder drehen, wenige Wochen nach „Katrina“. Das French Quarter war nie überflutet worden. Es liegt wenige Meter höher, und die waren entscheidend. Das gilt auch für große Teile des Geschäftsviertels mit den Bürotürmen und den Garden District, wo die Villen der Besserverdienenden stehen. Die Straßen und Plätze, die der typische Tourist besucht, hatten den Monstersturm vergleichsweise intakt überstanden, abgesehen von Windschäden an Dächern und umgestürzten Bäumen. Bereits der Mardi Gras 2006, der erste Karneval nach „Katrina“, war so ausgelassen wie eh und je gefeiert worden.

Ganz anders die Lower Ninth Ward wenige Kilometer weiter östlich. Dort scheint die Zeit fast stehen geblieben zu sein. Wo früher bescheidene einstöckige Häuschen ohne Keller dicht an dicht standen, erstrecken sich heute Straßen voller Schlaglöcher, die von brachliegenden Grünflächen gesäumt sind. Nur ein Drittel der Bewohner ist zurückgekehrt. Viele Läden, Billigrestaurants und auch Kirchengemeinden dagegen nicht. Von der reduzierten Kundschaft können sie nicht leben. Die aufgebauten Häuser wirken wie einsame Inseln – wie einst im geteilten Berlin die Schweizer Botschaft.

Aussagekräftiger für die Entwicklung der Stadt seit „Katrina“ sind die Gegenden, wo die Mittelschicht wohnt. Ob überwiegend weiße Mittelschicht wie in Lakeview oder überwiegend schwarze Mittelschicht wie in Gentilly: Die beiden Viertel rechts und links des Stadtparks, die im Norden an den Lake Pontchartrain grenzen, waren 2005 weitgehend zerstört und sind heute zu drei Vierteln wieder aufgebaut.

Auf den breiten Grünstreifen der Boulevards, die sie mit dem Stadtzentrum verbinden, hatten sich in den Wochen nach der Flut stinkende Trümmer gestapelt: ausrangierte Kühlschränke, verquollene Möbel, kontaminierte Teppichböden. Heute sind sie mit Bäumen und Sträuchern bepflanzt. Ihr uniform junges Alter bezeugt, welch tiefen Einschnitt die Stadt erlebt hat.

Auch politisch brachte „Katrina“ eine Wende. Zum ersten Mal seit mehr als 40 Jahren hat New Orleans wieder einen weißen Bürgermeister, Mitch Landrieu. Auch die Schwarzen haben ihn mehrheitlich gewählt. Vorgänger Ray Nagin gilt im Rückblick als Enttäuschung. Die Wahl 2006 hatte er nochmals gewonnen, nicht zuletzt mit dem Versprechen, er werde dafür sorgen, dass New Orleans eine „Chocolate City“ bleibe.

Die gut dotierten Posten in den Komitees für das Pumpen- und Dammsystem werden nicht mehr so ungeniert an politische Freunde ohne Ingenieurskenntnisse vergeben. Landrieu sagt, fünf Jahre nach „Katrina“ sei es Zeit für „harte Entscheidungen“, welche Viertel aufgebaut und welche aufgegeben werden. In Umfragen genießt er 70 Prozent Unterstützung.

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