Welt : Fünf Millionen Mal täglich blaues Meer und weißer Strand

Werner Alfke

Wenn andere sich im Urlaub erholen, beginnt für Sylvia Schönfisch der Stress. Denn die Sommermonate sind Hochsaison bei ihrem Arbeitgeber CeWe Color in Oldenburg, dem größten Fotolabor der Welt. Sylvia Schönfisch und ihre rund 600 Kolleginnen haben dann an einem Tag bis zu 200 000 Filme anzunehmen, zu entwickeln, zu vergrößern und wieder an die Kunden zurückzuschicken. Das sind ungefähr fünf Millionen Bilder täglich, und auf fast allen ist das Gleiche zu sehen: glückliche Menschen im Urlaub. Mutti am Strand, die Kinder auf der Wasserrutsche, Vati vor dem Schiefen Turm von Pisa. "Da gucken wir schon gar nicht mehr hin", sagt Schönfisch.

Fast jeder dritte Film, der in einem deutschen Fotogeschäft abgeliefert wird, landet in einem CeWe-Color-Betrieb. Die Firma mit Stammsitz im niedersächsischen Oldenburg ist Marktführer nicht nur in Deutschland, auch in Europa. In 25 Labors von Skandinavien bis an die spanische Grenze und neuerdings auch in Osteuropa wurden im ersten Halbjahr 1998 rund 39 Millionen Filme entwickelt und mehr als 1,3 Milliarden Farbbilder auf Fotopapier gedruckt. Die Firma, die Labors mit klangvollen Namen wie Fuji und Kodak in Europa längst überrundet hat, wurde erst vor rund 30 Jahren gegründet. Heinz Neumüller, der Schwiegersohn eines Oldenburger Fotohändlers, erkannte die Chancen des Marktes. Der Firmengründer starb im vergangenen Jahr, da hatte er CeWe Color längst zum Marktführer gemacht.

"Dienstags ist es am schlimmsten - da haben wir hier alle Filme, die gleich am Montag nach der Rückkehr aus dem Urlaub zum Entwickeln gegeben werden," sagt die Betriebswirtin Hella Meyer von CeWe Color. Ab 19 Uhr rollen abends die Kleinlaster, die die Filme bei den Fotohändlern, Drogerien und Kaufhäusern der näheren und weiteren Umgebung eingesammelt haben, auf das Firmengelände in Oldenburg. Die ganze Nacht werden die eingetüteten Urlaubserinnerungen in großen Sortieranlagen vollautomatisch getrennt: nach Hochglanz und Seidenmatt sowie nach den gewünschten Bildformaten.

Das Förderband transportiert dann die Kästen mit den Bildtüten zu Sylvia Schönfisch und ihren Kolleginnen. Die sitzen am so genannten Splicer: Tüte und Film werden codiert, dann getrennt. Die Patrone landet in der dunklen Öffnung einer Maschine. Im Inneren wird die Patrone geknackt und der Film mit bis zu 500 weiteren zu einer großen Rolle zusammengeklebt. Diese Riesen-Rolle landet dann in den Entwicklungsbädern. In 25 verschiedenen Lösungen werden die Urlaubsfilme gebadet, dann von den entwickelten und getrockneten Negativen im Sekundentakt die Bilder auf Fotopapier gedruckt. Schließlich werden die Bilder, der Film und die Auftragstasche wieder vereint - per Hand: Noch sind die Frauen an den Sortiertischen schneller als Maschinen.

Den nächsten Arbeitsgang übernimmt wieder ein Automat. Der Preis wird nach der Anzahl der entwickelten Bilder berechnet und auf die Tüte geklebt, schließlich sortiert eine Maschine die erledigten Aufträge wieder den einzelnen Touren zu. Und in der Nacht, wenn die neuen Filme gebracht werden, gehen die Tüten mit den Urlaubsbildern per Kleinlaster wieder zurück an die Fotogeschäfte. Schon am nächsten Tag können dann Kollegen und Freunde mit den Erinnerungen an einen schönen Urlaub neidisch gemacht werden: Mutti am Strand, die Kinder auf der Wasserrutsche, Vati vor dem Schiefen Turm von Pisa.

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