Welt : Für die Dünnen kommt es dicke

Das Verbot magersüchtiger Models in Madrid löst eine große internationale Debatte aus – werden Mailand und Paris folgen?

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Die Dünnen fallen durch. Die Entscheidung, bei den Madrider Modeschauen keine magersüchtigen Models zuzulassen, hat eine große Debatte ausgelöst. Die dürren Gestalten auf den Laufstegen erregen seit Jahren Unmut – bei Frauen, die dieses Schönheitsideal ablehnen, bei Müttern, die besorgt auf ihre Töchter schauen, wie die morgens zuallererst ihre Figur prüfen, bei Medizinern, die eindringlich vor den Gefahren der Magersucht warnen.

Tritt jetzt endlich die ersehnte Wende ein? Die Mailänder Bürgermeisterin Letizia Moratti forderte, dass die Mailänder Modeschauen dem Beispiel aus Madrid folgen. Das Gleiche forderte die britische Kulturministerin Tessa Jowell zu Beginn der jetzt gestarteten London Fashion Week. „Mädchen fühlen sich minderwertig, wenn sie nicht ebenso schön sind wie die Models“, wurde sie vom „Guardian“ zitiert.

In Madrid wurde den Models vorgegeben, dass ihr sogenannter „Body Mass Index“ nicht unter 18 liegen darf. Das bedeutet, ein 1,75 Meter großes Model muss mindestens 56 Kilogramm wiegen.

Fünf Models wogen zu wenig, sie wurden ausgeschlossen. Andere Models verweigerten die demütigende Prozedur des Wiegens, eine, die durchkam, streckte auf dem Laufsteg aus Protest demonstrativ die Zunge heraus. „Warum zeigt man nur auf die Dünnen und nicht auf die Dicken?“, wurde Eva Sanz von dpa zitiert. Ihre Kollegin Bimba Bosé meinte: „Mager zu sein, heißt nicht krank zu sein. Jeder Psychiater weiß, dass für die Magersucht nicht wir Models verantwortlich sind, sondern die Mütter.“ Naomi Campbell bangt laut „Gala.de“ um ihre Teilnahme in Mailand, sollte das Madrider Beispiel dort Schule machen. Mit einer Größe von 1,77 Metern und einem Gewicht von 51 Kilo müsste sie draußen bleiben.

Der Modebranche bläst der Wind ins Gesicht. Ihr wird eine Debatte aufgenötigt, an der sie kein Interesse hat. Und das alles wegen einer gelungenen Werbeidee. Die Madrider Modeschauen hatten wegen ihrer geringen Bedeutung in der Vergangenheit nie den Weg in die Medien geschafft. Das schlagzeilenträchtige Verbot magersüchtiger Models hob die Veranstaltung schlagartig in den Mittelpunkt des internationalen Interesses.

Die Modebranche lehnt Verbote ab. Von einer „Überreaktion“ sprach der Leiter der London Fashion Week, Stuart Rose gegenüber dem „Guardian“ und verwies auf die künstlerische Freiheit. London ist besonders stolz auf seine jungen kreativen Designer, die im Ruf stehen, sehr früh neue Tendenzen zu erkennen und umzusetzen. Das verheißt in Bezug auf das Schlankheitsideal nichts Gutes. Die „New York Times“ will am ersten Tag der Londoner Modeschauen ganz besonders dünne Models gesehen haben. In Paris reagierte der Präsident des Verbandes der Modeindustrie, Didier Grumbach, ablehnend. „Man kann Geschmäcker nicht reglementieren“, sagte er AFP. Jeder Modemacher müsse selbst entscheiden können, wen er auf den Laufsteg schicke.

Mailands Modeschauen sehen trotz der Forderung der Bürgermeisterin keinen Anlass, die Vorschriften aus Madrid zu übernehmen. Das sagte der Leiter der Modeschauen, Mario Boselli, dem Tagesspiegel.

In der Wissenschaft gilt es als erwiesen, dass Schlankheitsideale einen Einfluss auf Essstörungen haben. Als Ursachen der Magersucht werden aber ebenso genetische Faktoren gesehen, das belegen Zwillingsstudien.

Sind staatliche Verbote gegen die Modeindustrie ein Mittel, die Magersucht zu bekämpfen? Die britische Kulturministerin will vor allem eine Debatte über körperliche Vorbilder. Dem „Guardian“ sagte Tessar Joelle, sie wolle keine staatlichen Verbote. Man müsse sich um Mädchen kümmern, die glaubten, hungern sei ein Weg zu Glück und Ruhm.

Vielleicht müsste sich das Schönheitsideal der letzten 20 Jahre ändern. Die Schauspielerin Scarlett Johansson, die trotz ihrer etwas fülligeren Kurven ein Schönheitsideal Hollywoods ist, sagte gestern in einem Interview, sie sei glücklich mit ihrer Figur.

Das ist doch ein Anfang.

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