• "Für Panik gibt es keinen Anlass": Nach dem "Plusminus"-Bericht warnen Experten vor Hysterie

Welt : "Für Panik gibt es keinen Anlass": Nach dem "Plusminus"-Bericht warnen Experten vor Hysterie

Adelheid Müller-Lissner

Aufregung schon vor der offiziellen Veröffentlichung der entscheidenden Zahlen: Viele deutsche Mineralwässer sind einer Erklärung des Westdeutschen Rundfunks (WDR) zufolge hoch mit Radium-226 belastet. Das sei das Ergebnis der Untersuchung durch ein europaweit anerkanntes Fachlabor, das im Auftrag des ARD-Wirtschaftsmagazins "Plusminus" verschiedene deutsche Mineralwässer analysiert habe. Der Beitrag soll am heutigen Dienstag um 22 Uhr ausgestrahlt werden. Fünf Mineralwässer enthielten einer vorab veröffentlichten Pressemitteilung zufolge "extrem viel" Radium-226, eine Reihe von ihnen dürften angesichts der ermittelten Werte nicht in die USA exportiert werden, behauptet das Magazin.

Keine Gesundheitsbelastung

Experten warnten dagegen gestern vor einem Schüren von Hysterie und wiesen darauf hin, dass die Radiumbelastung von Mineralwässern nicht gesundheitsgefährdend sei. "Für Panik gibt es keinen Anlass", sagte Rolf Michel, Leiter des Zentrums für Strahlenschutz und Radioökologie der Universität Hannover. Die Erklärung des WDR im Vorfeld der Sendung ist teilweise irritierend. Während einerseits von "extrem viel" Radium-226 die Rede ist, heißt es an andere Stelle erheblich moderater, vor allem für Kinder werde "eine Gesundheitsgefahr nicht ausgeschlossen". Der WDR machte in seiner Erklärung zudem eine Angabe, die falsch ist. Er schrieb von 19 untersuchten Mineralwässern. Tatsächlich wurden 16 Mineralwässer sowie drei Biere (sie sind unbelastet) untersucht. Das Magazin war vor der Sendung auf Nachfrage hin nicht bereit, die Namen der untersuchten Mineralwässer und die Belastungszahlen zu nennen.

Jörg Heimbrecht, einer der Autoren des Beitrags, sagte gegenüber dem Tagesspiegel, man habe mit mehr als 500 Milli-Becquerel Radium-226 belastete Mineralwässer gefunden. "Wären Abwässer von Brennelement-Fabriken so hoch belastet, so müssten sie nach der neuen Strahlenschutzverordnung geschlossen werden." Dagegen sagt Michel, die deutschen Mineralwässer hätten eine natürliche Strahlung von bis zu 600 Milli-Becquerel pro Liter - je nach Urangehalt des Gesteins. Nach der Trinkwasserrichtlinie der EU soll bei einer Strahlung von mehr als 500 Milli-Becquerel pro Liter eine Senkung des Wertes erwogen werden. Außerdem sollen die Verbraucher informiert werden. Eine Gefahr bestehe bei diesem Wert jedoch noch nicht.

Das Bundesgesundheitsamt ist nach Angaben des Mineralwasser-Verbandes 1987 zu dem Ergebnis gekommen, von dem Radium-Gehalt in den Getränken gingen "keinerlei gesundheitliche Gefahren" aus. "Radium wird nicht in Mineralwasser hineingemischt, sondern kommt überall in der Natur vor" so Horst Jung, Leiter des Instituts für Biophysik und Strahlenbiologie des Fachbereichs Medizin der Universiät Hamburg. Mineralwässer enthalten meist mehr Radium-226 als Trinkwasser, weil sie aus tieferen Erdschichten kommen. Wie gefährlich ist diese Radioaktivität? Am problematischsten wäre eine hohe Belastung gegebenenfalls für kleine Kinder, deren Nahrung mit Mineralwasser zubereitet wird. Jung nahm den ungünstigsten Fall an: Ein Baby, das im Jahr 50 Liter eines mit 600 Milli-Becquerel relativ hoch belasteten Mineralwassers zu sich nähme, würde damit im Jahr mit 30 Becquerel zusätzlich belastet. "Das entspricht genau der natürlichen Strahlendosis, die das Kind durch einen zweiwöchigen Finnlandaufenthalt zusätzlich abbekommen würde", sagt der Wissenschaftler, der ausdrücklich davor warnte, durch die Veröffentlichung in Panik zu verfallen.

In hoher Konzentration hat Radium-226, "das Radium von Pierre und Marie Curie", wie Jung betont, hohe Radioaktivität. Bisher gebe es allerdings keine Daten über Krebserkrankungen, die nur durch natürlich vorkommendes Radium-226 ausgelöst würden, so ergänzt sein Kollege Rolf Michel, Leiter des Zentrums für Strahlenschutz und Radioökologie der Universität Hannover. Auch in Gegenden mit 50fach höherer Belastung, etwa in Skandinavien, sei das Krebsrisiko nicht größer. Anders steht es mit der Gefahr, die Radium-226 aus nicht-natürlichen Quellen darstellt: Frauen, die im Ersten Weltkrieg Leuchtzifferblätter malten und beim Anspitzen der Pinsel geringe Mengen der radioaktiven Farbe zu sich nahmen, bekamen in den 20er Jahren gehäuft Knochenkrebs. "Es gibt eine eindeutige Dosis-Wirkungs-Beziehung", so Michel. Knochenkrebs stellt dabei die weit größere Gefahr dar als die Leukämie, die im Zusammenhang mit radioaktiver Strahlung von Laien häufiger genannt wird. Denn das Radionuklid wird vor allem in der Knochenhaut abgelagert.

Für Mineralwässer gibt es bisher in Deutschland keine Grenz- oder Richtwerte, da die Belastung als natürlich gilt. Auch andere Lebensmittel, zum Beispiel Gemüse, sind natürlich radioaktiv. Mineralwässer unterliegen dem Lebensmittel- und Bedarfsgegenstände-Gesetz, zusätzlich aber auch der Mineral- und Tafelwasserverordnung, die zum Beispiel festlegt, dass sich nur naturbelassene Wässer so nennen dürfen. Mit dieser Verordnung, deren Einhaltung von Landesbehörden kontrolliert wird, wäre es nicht vereinbar, Radium-226 aus Mineralwasser herauszufiltern. Beitrags-Autor Heimbrecht hielte es jedoch für vernünftig, die Verordnung in diesem Punkt zu ändern. Bisher darf nur Eisen, das die Konsumenten wegen seiner bräunlichen Farbe stören könnte, aus Mineralwasser entfernt werden. Sie werden auf dem Etikett als "enteisent" kenntlich gemacht. Die Firmen versuchten jetzt zum Teil, ihre Eisenfilter zu vergrößern, um auch einen Teil der Radionuklide zu erfassen, so Heimbrecht, der dem Tagesspiegel sagte, er sei durch einen Mitarbeiter der Mineralwasserindustrie auf das Thema gestoßen. Dabei gebe es Radium-Spezialfilter.

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