Fukushima : AKW-Betreiber gibt verstrahlten Arbeitern Mitschuld

Von Entwarnung im japanischen AKW Fukushima Eins kann keine Rede sein. Inzwischen ist an drei Reaktoren hochradioaktives Wasser gefunden worden. Drei Arbeiter im Reaktor 3 wurden verstrahlt. 

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Sichtgeschützt hinter einer blauen Plane werden die verstrahlten Arbeiter aus dem AKW Fukushima Eins ins Krankenhaus geführt. Sie waren in radioaktiv-verseuchtes Wasser getreten.
Sichtgeschützt hinter einer blauen Plane werden die verstrahlten Arbeiter aus dem AKW Fukushima Eins ins Krankenhaus geführt. Sie...Foto: dpa

Der Reaktordruckbehälter im Block 3 der havarierten Atomanlage Fukushima Eins ist nach Angaben der Betreiberfirma Tepco möglicherweise beschädigt. „Es ist möglich, dass der Behälter in dem Reaktor, der die Brennstäbe enthält, beschädigt ist“, sagte ein Tepco-Sprecher am Freitag. Im Reaktor 3 von Fukushima enthalten die Brennstäbe neben Uran auch Plutonium, ein hochradioaktives, extrem giftiges Schwermetall.

Stark radioaktiv belastetes Wasser hat am Freitag auch die Arbeiten an den Reaktoren 1 und 2 gestoppt. Die Arbeiten mussten unterbrochen werden, nachdem im Untergeschoss der beiden Gebäude Wasser mit hoher Radioaktivität gefunden wurde, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo.

Unterdessen gibt Tepco den drei am Donnerstag an Block 3 verstrahlten Arbeitern eine Mitschuld an ihren Verletzungen. Die Arbeiter hätten Strahlenzähler bei sich getragen, den ausgelösten Alarm aber ignoriert, teilte Tepco am Freitag mit. Die eingesetzten Ingenieure würden nun erneut über die Sicherheitsgefahren informiert.

Erdbeben, Tsunami, Atomunfall in Japan
Die zerstörten Reaktorgebäude 1 und 2 des AKW Fukushima. Bisher hieß es nur in Reaktorblock eins sei es zu einer Kernschmelze gekommen. Nun bestätigt der Betreiber Tepco, dass die Brennstäbe auch in den Blöcken zwei und drei geschmolzen seien.Weitere Bilder anzeigen
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24.05.2011 07:40Die zerstörten Reaktorgebäude 1 und 2 des AKW Fukushima. Bisher hieß es nur in Reaktorblock eins sei es zu einer Kernschmelze...

Nach Angaben der japanischen Atomaufsichtsbehörde Nisa nahmen Arbeiter eine Ortsdosis zwischen 170 und 186 Millisievert auf. Der Grenzwert für Arbeiten zur Abwendung einer atomaren Katastrophe liegt in Japan – wie auch in Deutschland – bei 250 Millisievert. Die Weltgesundheitsorganisation hält sogar 500 Millisievert in einer Krisensituation noch für vertretbar.

Die drei Arbeiter sollten von einem bereits verlegten Starkstromkabel am Block 3 weitere Kabel in das zerstörte Reaktorgebäude verlegen. Sie standen nach Informationen der Internationalen Atomenergieorganisation rund drei Stunden lang in kontaminiertem Wasser. Die Betreiberfirma der havarierten Atomkraftwerke, Tokyo Electric Power Company (Tepco), hat die Firma der drei Männer mit den Elektroarbeiten beauftragt. Im japanischsprachigen Internet findet sich eine Stellenausschreibung eines Unternehmens für Arbeiten im Kernkraftwerk in Fukushima. „Ausbildungsanforderungen: keine“, heißt es dort.

Vermutlich stammt das Wasser aus dem Brennelementebecken, in dem wie im Reaktorkern Mox-Brennelemente lagern, die einen höheren Plutoniumanteil haben als abgebrannte Uran-Brennelemente. Das Brennelementebecken war im Verlauf der Krise trocken gefallen, Brennelemente wurden beschädigt. Ein großer Teil der Strahlenbelastung in der Umgebung von Fukushima geht auf dieses und das benachbarte Brennelementebecken des Blocks 4 zurück. In beiden Fällen sind durch Wasserstoffexplosionen die Dächer der Reaktorgebäude weggesprengt worden; die Radioaktivität konnte direkt in die Luft entweichen. Seit Tagen waren die Abklingbecken von außen mit Wasser befüllt worden. Dabei dürfte kontaminiertes Wasser in die unteren Etagen des stark zerstörten Gebäudes geflossen sein.

In den vergangenen Tagen war mehrfach der Verdacht laut geworden, dass die „Helden von Fukushima“ nicht ganz freiwillig dort Dienst tun. Der Industrieminister soll unwilligen Feuerwehrleuten mit Strafen gedroht haben. In der größten japanischen Tageszeitung „Yomiuri Shimbun“ erzählte ein Mann, der seit 30 Jahren in Akws „im ganzen Land“ arbeitet und von einem Tepco-Vertragspartner angeheuert worden sei, wie er nach dem Erdbeben mit seiner Familie in einem Notlager unterkam. Dann jedoch habe ihn sein Arbeitgeber gerufen, er werde in dem havarierten Akw benötigt. Da habe er nicht „Nein“ sagen können. Ein anderer Mann berichtet in der Tageszeitung „Mainichi Shimbun“: „Wenn ich den Einsatz ablehne, würde ich in eine schlechte Lage geraten.“ Er brauche den Job. „Ich möchte weiter für das Unternehmen arbeiten und so weit wie möglich das tun, was man mir sagt.“

Drei ihrer Kollegen ist das schlecht bekommen. Sie wurden ins Krankenhaus eingeliefert. Sie haben sich Brandverletzungen an den Füßen zugezogen, die von Betastrahlen verursacht wurden. Das vermutet zumindest die Aufsichtsbehörde Nisa. Eberhard Gauf, ehemaliger Kraftwerksleiter in Neckarwestheim und Mitglied der Reaktorsicherheitskommission (RSK), findet, dass der Umgang Tepcos mit den Arbeitern „leider ins Bild passt“.

Michael Sailer, Geschäftsführer des Öko-Instituts und ebenfalls RSK-Mitglied, vergleicht den Zustand der Anlagen in Fukushima mit Patienten auf einer Intensivstation. „Da geht es auch hoch und runter.“ Eberhard Grauf sagt: „Das Spiel ist noch nicht gewonnen.“ Am Donnerstag zeigte sich das beim Versuch, die Kühlung der Reaktoren 5 und 6 auf den neu verlegten Stromanschluss umzustellen. Die Pumpen waren zuvor von Notstromaggregaten angetrieben worden und gaben nun prompt den Geist auf. Im Verlauf des Nachmittags gelang aber die Reparatur.

Es gab auch beinahe gute Nachrichten: In Tokio sind die Werte des radioaktiven Jod-131 im Trinkwasser gesunken, so dass es wieder für die Zubereitung von Säuglingsnahrung freigegeben wurde. Zudem hat die Stadtverwaltung je drei Flaschen Mineralwasser an Familien mit kleinen Kindern verteilt. Zugleich wurden in anderen Städten rund um Tokio Jod-131- Werte höher als 100 Becquerel pro Kilogramm gefunden. (mit dpa/AFP/rtr)

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