Fundamentalistische Sekte : Wer sind die Polygamisten aus Texas?

Über 500 Kinder und Frauen haben die Behörden in Texas aus den Fängen einer Sekte befreit. Die "Fundamentalistische Kirche der Heiligen der Letzten Tage" predigt Polygamie und soll Minderjährige regelmäßig zwangsverheiratet haben. Die amerikanischen Behörden beobachten die Sekte seit langem.

Sylvia Vogt

Mehr als 400 Kinder und über 130 Frauen wurden von der Ranch gebracht. Frauen in langen, knöchellangen Gewändern verließen das Gebäude, das von der Sekte als Tempel genutzt wurde. Die männlichen Sektenmitglieder werden dort noch von der Polizei festgehalten. Die Behörden riegelten das riesige, 688 Hektar große Gelände ab.

Anlass für den Großeinsatz war die Nachricht, dass ein 50-jähriger Mann dort eine 16-Jährige geheiratet haben soll. Die beiden sollen bereits ein Kind zusammen haben. Das Mädchen selbst hatte sich in einem Notruf an die Behörden gewandt. Die Anruferin erzählte von sexuellen und körperlichen Misshandlungen. Sie soll zur Hochzeit und zum Geschlechtsverkehr gezwungen worden sein.

Was ist das für eine Sekte?

Die "Fundamentalistische Kirche der Heiligen der Letzten Tage" (FLDS) ist eine radikal-fundamentalistische Untergruppe, die aus dem Mormonentum entstanden ist. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts spaltete sich die Sekte von der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" (LDS) ab, der größten Mormonen-Gemeinschaft, der rund zwei Prozent der US-Bürger angehören.

Der FLDS werden bis zu 10.000 Menschen zugerechnet. Hauptsitz war lange Zeit in Hildale, Utah. Dort und in Colorado City, Arizona gehörten der Gruppierung zeitweise sogar der größte Teil des Landes. Im Jahr 2003 kaufte die Sekte die riesige Ranch in Eldorado, Texas. Die FLDS ist eine sehr verschlossene Gemeinschaft. Sie wird rigide von Warren Jeffs geführt wird. Ein Hauptmerkmal der FLDS ist die Polygamie. Jeffs predigt, dass ein Mann nur in den Himmel kommen kann, wenn er mindestens drei Ehefrauen hat. Er selbst soll über 60 Frauen haben.

Wer ist Warren Jeffs?

Der US-Amerikaner Warren Jeffs, Jahrgang 1955, hält sich selbst für einen Propheten und wird von seinen Anhängern auch als solcher verehrt. Den Job als Anführer der FLDS hat er im Jahr 2002 von seinem Vater Rulon Jeffs geerbt, genau so wie dessen zahlreiche Ehefrauen.

Im Jahr 2006 wurde Warren Jeffs verhaftet und 2007 wegen Beihilfe zur Vergewaltigung zu lebenslanger Haft verurteilt. Er sitzt im Staatsgefängnis von Utah ein. Zwischenzeitlich führte ihn das FBI auf einer Liste der meistgesuchten Personen, neben Serienmördern und - Osama bin Laden. Man vermutet, dass Jeffs auch aus der Haft heraus die Sekte führt.

Was wird ihm und der Sekte eigentlich vorgeworfen?

Sexuelle Übergriffe auf Minderjährige, die Vermittlung einer Ehe zwischen einer 14-Jährigen und einem 28-Jährigen, der bereits verheiratet war. Das sind offiziell die Delikte, wegen derer Jeffs verurteilt wurde. Was sich in der Sekte tatsächlich abspielt und welche Macht Warren Jeffs dort ausüben soll, klingt noch unglaublicher.

In der Sekte herrscht wegen der ausufernden Polygamie ständig Frauenmangel. Schon junge Mädchen werden verschachert wie Vieh und älteren Männern zugeteilt. Wer sich am besten mit Jeffs stellt, profitiert. Denn er ist der einzige, der Trauungen vornehmen darf. Er weist die Frauen und Mädchen zu, er darf sie unliebsamen Sektenmitgliedern auch wieder wegnehmen und jemand anderem geben.

Männlichen Jugendlichen geht es auch nicht viel besser, wenn sie nicht in besonders privilegierten Familien hineingeboren werden. Viele der Jugendlichen, die sogenannten "Lost Boys", werden exkommuniziert und das heißt: verstoßen, damit sie den Sekten-Ältesten nicht die Frauen streitig machen können. Die Jungs müssen dann die Enklaven verlassen und werden wie Hunde in einer fremden Stadt ausgesetzt.

Das Schicksal der Exkommunikation kann aber auch Erwachsene treffen. 2004 wurde sogar der Bürgermeister von Colorado City zusammen mit 20 anderen Männern verstoßen und ihre Frauen und Kinder anderen Sektenmitgliedern zugeteilt.

Der Sekte wird außerdem immer wieder unverhohlener Rassismus vorgeworfen. Schwarze seien mit dem Teufel im Bund, soll Jeffs gepredigt haben. Ehemalige Mitglieder berichten, Jeffs habe sich immer wieder für Menschenopfer ausgesprochen.

Der profilierte US-Journalist Jon Krakauer ("Into the wild") hat über die Sekte ein Buch geschrieben: "Mord im Auftrag Gottes". Darin beschäftigt er sich vor allem mit einem speziellen Fall zweier Sektenmitglieder, die im Namen ihres Glaubens ihre Schwägerin und ihre Nichte töteten.

Und was passiert jetzt mit den befreiten Frauen und Kindern?

Keiner der Befreiten äußerte bisher den Wunsch zurückzukehren. Sie werden zwischenzeitlich in einer alten Armeefestung untergebracht. Besonders für die Kinder dürfte es nicht leicht werden, sich zurechtzufinden. "Jeder kann sich vorstellen, dass das hier für die Kinder eine völlig neue Welt ist. Wir müssen so sensibel wie möglich sein", sagte Marleigh Meisner von der texanischen Kinderschutzbehörde. In den nächsten zwei Wochen soll geklärt werden, ob und welche Kinder dauerhaft von ihren Eltern getrennt werden. (mit AFP)

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