Funtensee : Wo Deutschland am kältesten ist

Im Sommer ein tolles Wanderziel, im Winter hält sich hier niemand auf: Am Funtensee in Bayern werden die tiefsten Temperaturen gemessen. Deutschlands bekanntester Wetterfrosch Jörg Kachelmann hat den Ort bekannt gemacht.

Julia Rehder[Berchtesgaden]

Wenn die Meteorologen einen heißen Sommer ankündigen, dann gibt es in Deutschland einen Ort, an dem man der Hitze sehr gut entfliehen kann – der Funtensee im Steinernen Meer, an der Grenze zwischen Deutschland und Österreich. Die meisten Menschen kennen diesen Ort aus dem Fernsehen, weil Jörg Kachelmann, Deutschlands bekanntester Meteorologe, hier eine Wetterstation installiert hat. Wenn es im Sommer besonders heiß ist und im Winter besonders kalt, dann sagen Kachelmann und seine Kollegen im „Tagesthemen“-Wetter gerne die Temperaturen am Funtensee an. Hier werden regelmäßig die tiefsten Werte in Deutschland gemessen.

Stündlich ruft Kachelmann die Werte ab, die einen glauben lassen, Sibirien läge doch in Deutschland. Denn hier ist es oft 30 Grad kälter als im Tal. Besonders groß war der Unterschied, als am 21. Dezember 2004 in Berlin plus ein Grad gemessen wurde, während es am Funtensee in 1630 Metern Höhe minus 37,5 Grad waren. Gleichzeitig in St. Bartholomä am Königssee, vier Wanderstunden entfernt, waren es nur minus 9,6 Grad.

Im Sommer, wenn man sehr gut zum Funtensee wandern kann, sind die Temperaturunterschiede ebenfalls beachtlich, wenn auch – zum Glück für den Wanderer – nicht ganz so extrem. So wurden dort in der Nacht zum Sonntag Tiefstwerte von 3,4 Grad gemessen, während in Berlin 16 Grad herrschten.

Im Winter hält sich am Funtensee niemand freiwillig auf – außer den Murmeltieren, aber selbst die halten Winterschlaf und zehren von ihrer angefressenen Fettschicht. Doch auch im Sommer wünscht man sich Heizkissen und Taschenwärmer herbei. „Der Funtensee liegt in einem Kessel. Eingerahmt von hohen Bergen. Dorthin verirrt sich keine „Windböe“, erklärt Jörg Kachelmann. „Die Situation ist vergleichbar mit einer Badewanne. Die kalte Luft liegt faul rum und kühlt in der Umgebung immer weiter aus. Drumherum schotten hohe Berge das Gebiet ab und ohne Wind kann die kalte Luft auch nicht weggeblasen werden.“

Eine Wanderung lohnt sich allemal. Vor allem im Frühjahr und im Sommer. Schon der Ausgangspunkt ist märchenhaft, nicht nur weil die Gegend um den Königsee wie eine perfekte Kulisse für einen Heimatfilm wirkt, und man fast darauf wartet, dass Prinzregent Luitpold von Bayern plötzlich durch das Bild geritten kommt, sondern auch, weil der Startpunkt St. Bartholomä nur per Elektroboot zu erreichen ist.

Das smaragdgrüne Wasser – Mineralstoffe und Kalk wirken in großen Mengen grünlich – kräuselt sich wie Gänsehaut. Es regnet in Strömen. Der Bootsführer empfiehlt den Weg über die „Saugasse“ hinauf zum Kärlinger Haus. Was nach einem Spaziergang klingt – früher wurden hier die Säue hochgetrieben – entpuppt sich als zähe Wanderung, die für den gemeinen Städter nur aus drei Gründen gut zu überstehen ist: Erstens, weil immer wieder malerische Aussichten über den See oder die Gebirgsketten zu einem Stopp verführen, und – Gore-Tex sei dank – die Brotzeit noch nicht vom Regen durchtränkt ist. Zweitens, weil die scheinbar endlosen Serpentinen die Berge hinauf den Wanderer in einen meditativen Alpha-Zustand versetzen, so dass mancher beginnt, Kieselsteine zu zählen und ganz automatisch seine Beine bewegt. Da kann man gar nicht mehr aufhören zu gehen. Zu guter Letzt ist es der Ehrgeiz, das Ziel zu sehen. Auf dem Weg sind die Namen auf den Wegweisern wie „Raue Köpfe“, „Totes Weib“ und „Geierkogl“, nicht gerade vertrauenerweckend. Was den Wanderer motiviert, ist der nahe gelegene Watzmann. Der ruft und ruft. Oder meint man das nur in diesem Trancezustand zu hören? Auf der Hochebene angekommen, merkt man schnell, dass es in Wahrheit das Pfeifen einiger Murmeltiere war. Sie verstummen erst, wenn sie die Erschütterungen durch die Schritte der Wanderer spüren. Und spätestens jetzt hält auch der Wanderer inne. Denn dort wo so viele Mankeis, so heißen die pausbäckigen Höhlenmöpse auf Bayerisch, wohnen, öffnet sich ein Tal, das so friedlich eingebettet ist, dass es einem fast die Sprache verschlägt.

Endlich hat es auch aufgehört zu regnen. Ein kleiner Weg ist es noch, doch das ist nach einer gefühlten Aufstiegszeit von acht Stunden – in Wirklichkeit sind es erheblich weniger – kein Problem mehr. Nach Mobilisierung der letzten Kraftreserven zeigt sich hinter der nächsten Kurve die Alpenvereinshütte.

Dahinter liegt Kachelmanns Wetterstation. Auf einer Moorwiese direkt vor dem See. Eine Wetterstation sieht an sich eher unspektakulär aus: ein paar Solarzellen, Kabel, Messgeräte verbunden mit einer zwei Meter hohen Stange. Aber für den Wanderer hat sie an dieser Stelle die Funktion eines Gipfelkreuzes.

Dann gibt es eine heiße Pfannkuchensuppe im Kärlinger Haus. Es gilt als Schutzhütte und muss jeden Wanderer aufnehmen. Muss.

Nur wenig Hartgesottene wagen noch am selben Tag den Abstieg ins Tal. Für die Wirtin Heidi Schweiger ist es ein magischer Ort: „Hier taut a jeda auf und kehrt sei Innerstes raus“, sagt die 37-Jährige, die gemeinsam mit ihrem Freund Markus das Haus betreibt. „Die meisten sind dankbar und schauen mich mit glänzenden Augen an, manche lassen mich aber tief in die Abgründe ihrer Seelen blicken.“ Sie zündeln im Zimmer, aus Protest, dass nicht die ganze Nacht Bier und Schnaps ausgeschenkt werden oder verstopfen die Toilette mit Sardinendosen, weil sie ihren Müll nicht wieder mit ins Tal nehmen wollen. Heidi ist seit drei Jahren hier und weiß sich durchzusetzen. Sie will nicht mehr weg. Auch wenn ihr selbst wenig Zeit bleibt, sich auf die Bank hinterm Haus zu setzen, auf den Funtensee hinunter zu schauen und den Mankeis zu lauschen, die sich über die Wetterstation hinweg geheime Botschaften zurufen.

Für all diejenigen, die am nächsten Tag den Abstieg zu Fuß wagen, gibt es ein Andenken gratis dazu: Etwa eine Woche lang wird man mehrmals täglich intensiv an diese Wanderung erinnert. So lange dauert bei untrainierten Städtern der Muskelkater.

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