Fußball-EM : Ukraine vertreibt Studenten aus ihren Zimmern

Weil für die Fußball-EM Hotels fehlen, werden dem Reiseveranstalter Tui Wohnheime bereitgestellt. Die zwangsgeräumten Studenten müssen sogar ihre Mieten weiter bezahlen.

André Eichhofer[Kiew]
Organisiert Proteste gegen die Zwangsräumungen: Katerina Odarchenko.
Organisiert Proteste gegen die Zwangsräumungen: Katerina Odarchenko.Foto: privat

Wenn Konstantin Boiko an die Fußball-EM denkt, hat er keinen Grund zum Jubeln. Der 21-Jährige studiert an der Mohyla Akademie in Kiew Informatik. Konstantin hat ein 15 Quadratmeter großes Zimmer in einem Studentenwohnheim gemietet, das von der Hochschule verwaltet wird. Auf einem Tisch stehen eine Mikrowelle und ein Wasserkocher, Bad und Toilette befinden sich auf dem Flur. In dem Plattenbau in der Charkower Chaussee Nr. 17 leben 200 Studenten. Ihre Zimmer werden während der EM an Fußballfans vermietet. Die Universität zahlt weder eine Entschädigung noch stellt sie Ersatzunterkünfte bereit. „Die Miete für das Wohnheim müssen wir weiter zahlen“, sagt Konstantin. Im Gegensatz zu vielen Kommilitonen hat er Glück. Konstantin hat sich verpflichtet, zwei Stunden pro Tag kostenlos zu arbeiten. „Ich soll Touristen im Wohnheim betreuen.“ Als Gegenleistung darf er sein Zimmer behalten.

800 000 Besucher erwartet die Uefa während der EM in der Ukraine. Das Land steht seit längerem wegen seiner Demokratiedefizite und der Einschränkung von Freiheitsrechten in der Kritik.

Die Ukraine ist auf den Besucheransturm schlecht vorbereitet. Es gibt zu wenig Hotels. Deshalb sollen die Fußballfans in Studentenwohnheimen übernachten. Zwei Touristik-Unternehmen haben die Wohnheime bei den Universitätsverwaltungen gebucht. Der britische Reisekonzern Tui Travel (nicht die deutsche Tui) und der ukrainische Anbieter Hamalia-Tours. Tui habe in der Ukraine 150 Verträge abgeschlossen, auch mit Studentenwohnheimen, teilte Andrej Stawenko mit, Repräsentant von Tui in der Ukraine. In Kiew soll Tui 15 Universitäten unter Vertrag haben, berichtet die Zeitung „Delo“. Tui Travel und Hamalia-Tours sind Exklusivpartner der Uefa. Sie sollen möglichst günstige Unterkünfte für Fans bereitstellen. Beide Unternehmen haben im Internet Buchungsagenturen eingerichtet. Auf den Webseiten der Agenturen werden Studentenzimmer für 50 bis 80 Euro pro Nacht angeboten. „Die Reiseanbieter zahlen zwischen 20 und 25 Prozent an die Hochschulen“, sagt Roman Ponomarenko. Der Hotelexperte betreibt eine Kette von Hostels und kennt sich auf dem Hotelmarkt in der Ukraine gut aus.

Katerina Odarchenko studiert an der Kiewer Taras-Schewtschenko-Universität Politikwissenschaft. Die 21 Jahre alte Studentin organisiert Proteste gegen die Zwangsräumung von Wohnheimen. „Die Studenten sind schockiert, sie wissen nicht, was sie tun sollen“, sagt Katerina. Zwar wurden die Prüfungen wegen der EM einen Monat vorverlegt. Nach Hause könnten viele jedoch nicht, „weil sie einen Job haben oder Semesterarbeiten schreiben müssen“. Dass Studenten ihre Miete weiter zahlen müssen, sei besonders ungerecht, findet Katerina. Informatikstudent Konstantin zählt auf, wie viel Geld er monatlich zur Verfügung hat. „Ich bekomme ein Stipendium von 60 Euro im Monat, 25 Euro muss ich an das Wohnheim zahlen.“ Ein wenig könne er hinzuverdienen. Die meisten Studenten müssten mit rund 100 Euro im Monat auskommen. „Viele Studenten wurden nur mündlich aufgefordert, ihre Zimmer zu verlassen“, sagt Katerina. Offizielle Räumungsbescheide gäbe es in vielen Fällen noch nicht. „Wahrscheinlich will man so verhindern, dass die Studenten vor Gericht ziehen“, vermutet die Aktivistin.

Konstantin weiß seit Februar Bescheid, dass sein Wohnheim als Hotel genutzt wird. Zur Betreuung der Gäste benötigt die Uni insgesamt 15 studentische Arbeitskräfte, die für zwei Stunden Arbeit am Tag weiter in ihrem Zimmer wohnen dürfen. Konstantin: „Ich habe mich gemeldet, weil ich dringend auf mein Zimmer angewiesen bin.“

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