Welt : Fußmassage beim Zahnarzt

Rita Neubauer

Wer bei Jose Abadin zum ersten Mal vorspricht, erhält nicht nur eine Tour der Zahnarztpraxis, dem Patienten werden auch gleich die Angestellten - von der Rezeptionistin bis hin zu den Arzthelferinnen - vorgestellt.

Der Einführung folgt die Frage: Mögen Sie einen "music channel" oder das laufende Video-Programm? Der konsternierte Patient, der sich seelisch schon auf Folter unter gleißendem Licht eingestellt hat, bemerkt dann oft zum ersten Mal, einen Fernseher hoch über ihm angebracht, auf dem elegant Delphine durchs Wasser gleiten. Auf dem Video-Kanal läuft eine Komödie mit Eddie Murphy. Dann lieber doch Flipper.

Der persönliche Touch ist nichts Neues in nordamerikanischen Zahnarztpraxen. Säuselnde Musik soll die Nerven beruhigen, bunte Fernsehbilder die Aufmerksamkeit vom Bohrer lenken und die Backenmuskulatur entspannen. So jedenfalls die Idee.

Findige Ärzte gehen nun noch einen Schritt weiter. Sie möchten einen Praxisbesuch zu einem rundum relaxten Erlebnis umfunktionieren. Während schon vor Jahren einige mit Stühlen experimentierten, deren Bezug die Rückenmuskulatur massieren, ist nun der Vollkörper-Service en vogue. Wenn dieser Service auch kostenlos ist, sollte sich niemand der Illusion hingeben, dass er nicht irgendwie in die Arztrechnung einfließt. Vorreiter sind wie immer trendige Städte wie San Francisco, New York oder Los Angeles. Dort gehen die Reichen und Schönen, oder die es werden wollen, nicht nur zum Zahnarzt, wenn es irgendwo zwickt und zwackt, sie lassen sich ihre Gebisse in strahlendes Weiss verwandeln und operativ verschönern. Blendendweiße Zähne sind ein Muss für die sozial und beruflich Erfolgreichen und die, die es sich leisten können. Denn nicht nur sind Versicherungen für Zahnersatz teuer, sie decken solche Leistungen natürlich nicht ab.

Um deren Wohlgefühl noch mehr zu verstärken, verwandeln Zahnärzte ihre Praxen in regelrechte Schönheitssalons - samt Duftkerzen und New Age Musik. Sie wickeln ihre Patienten in Decken, betten das müde Haupt auf Kissen und stülpen nach einer Massage Pantoffeln über die Füsse. Auf die Augen kommen erfrischende Wattebällchen und warme Fäustlinge sollen die erschöpften Hände, die zuvor mit Öl behandelt wurden, erfrischen.

Ist die Prozedur schließlich zu Ende, wird der Patient aus seinem Zen-gleichen Geisteszustand mit einem heißen Erfrischungstuch erweckt. Ihm werden Schmerztabletten und Lippensalbe gereicht. Eine Assistentin packt ein Werbepäckchen mit Zahnbürste und Zahncreme, und in Manhattan steht gar ein Massage-Therapist für die verspannten Schultern bereit.

Und als Erinnerung an das Zahnarzterlebnis erhalten die Kunden eine frisch gebrannte CD mit den individuellen Titeln, die sich der Patient über kabellose Kopfhörer anhörte. Auf dass das Wonnegefühl auch zu Hause nachschwingt.

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